Vater, ich versteh‘ es nicht!

Zwölf dänische Mohammed-Karikaturen haben einen Flächenbrand entfacht. Millionen gehen auf die Straße, europäische Botschaften werden evakuiert, Menschen sterben. Offener Brief eines deutschen Moslems an seinen afghanischen Vater.

M. Walid Nakschbandi
() M. Walid Nakschbandi
Vor langer Zeit habt ihr entschieden, mich ins Ausland zu schicken. Ich sollte in Europa aufwachsen und eine europäische Ausbildung bekommen. Jetzt lebe ich seit beinahe 30 Jahren im Okzident, und diese Jahre haben Spuren hinterlassen – vor allem Erfahrungen der Zerrissenheit und Wurzellosigkeit. Seit einigen Jahren frage ich mich, wo ich herkomme und besonders auch, wo ich eigentlich hingehöre. Im Umgang mit meinen europäischen Freunden war zwar immer deutlich, dass ich ein Ausländer bin, dass ich in meiner Kindheit eine andere Welt und eine andere Kultur erlebt habe, und wir daher bestimmte Erfahrungen nicht teilen, aber sie behandeln mich dennoch wie einen Europäer, wie einen, der ihre Wertvorstellungen selbstverständlich teilt. Wenn ich mit Afghanen zusammensitze, genieße ich zwar ihre Warmherzigkeit und die wie selbstverständliche Nähe, aber ich bemerke doch, dass ich ihre Lebenswelt nicht wirklich teile und dass mir zum Beispiel ihr Humor immer ein wenig fremd bleibt. Noch vor wenigen Jahren war es für meine europäischen Freunde normalerweise nicht wichtig, dass ich ein Moslem bin. Wir haben in der Schule, im Studium und später im Beruf über vieles ernsthaft diskutiert und gestritten, aber nicht über Islam oder Christentum. Wenn ab und an bei einem Behördengang oder beim Ausfüllen eines Antrages nach der Religionszugehörigkeit gefragt wurde, war ich selbst ein wenig verwundert, Islam anzugeben. Nicht, dass du mich falsch versteht: Ich bin ein Moslem, ich kenne meine Religion, und ich bin gerne Moslem! Aber ich dachte viele Jahre lang, dies bestimme nicht mein Denken und mein Handeln oder gar mein Leben. Ich war mir immer sicher, dass kein Mensch mich wegen meiner religiösen Grundhaltung treffen oder gar verletzen könne. Mir wird aber mehr und mehr klar, dass dies wohl ein Irrtum gewesen ist. Plötzlich sprechen mich meine Freunde darauf an, was denn mit diesen Moslems los sei und ob oder wann sie aufhören, unschuldige Menschen abzuschlachten. Als sei ich für die Beantwortung dieser Fragen kompetenter als sie. Sie fragen: Warum sind Muslime so brutal? Warum sind sie so dogmatisch? Warum sehen sie nicht ein, welche Vorzüge die westliche Welt ihnen bietet? Es sind gebildete, nachdenkliche Europäer, die mir diese Fragen stellen; sie wollen damit keine Stimmung machen. Im Gegenteil: Sie sind aufrichtig an Antworten interessiert. Diese Antworten aber fehlen mir. Ich verstehe genauso wenig wie meine Freunde, warum „meine Glaubensbrüder“ Flugzeuge ins World Trade Center lenken, in Zügen Rucksackbomben zur Explosion bringen, als Selbstmordattentäter Tausenden das Leben nehmen, Menschen entführen und live vor der Kamera enthaupten, Frauen nicht die Hand geben und Christen und Juden als unsauber, unrein oder gar als Unmenschen betrachten. Wie bloß können diese „Glaubensbrüder“ ernsthaft behaupten, wir Muslime liebten den Tod und die Christen das Leben? Auch ich kann mir all das nur rational begreiflich machen, wirklich verstehen kann ich es nicht. Ich bin wie über Nacht mit einem Islam konfrontiert, der nicht mein Islam ist. Das ist nicht die Religion, die ihr mich gelehrt habt. Da werden in Dänemark zwölf Zeichnungen veröffentlicht, und scheinbar wird die gesamte islamische Welt zu einem Amokläufer. Ich werde gefragt und ich frage mich selbst, wie ich zu diesen Karikaturen stehe. Meine Zerrissenheit wird an diesem Punkt besonders deutlich: Ich finde eine dieser Karikaturen sehr amüsant und intelligent. Die übrigen aber verletzen mich, und meine eigene Überraschung über diese Reaktion übersteigt meine Verletztheit noch. Warum treffen und beleidigen mich diese Zeichnungen? Ihr habt mir in meiner Kindheit Respekt, Achtung und Toleranz vor jeder Form des Glaubens vorgelebt. Ab und an wünschte ich mir, ich hätte etwas weniger Respekt und Achtung in Glaubensfragen – dann hätten mich diese Zeichnungen wahrscheinlich nicht berührt. Aber so frage ich mich, was in einem Zeichner, einem Journalisten, einem Redakteur vorgeht, wenn sie unseren Propheten als Bombe mit brennender Lunte zeichnen und diese Karikatur dann mit einem gewissen Stolz abdrucken lassen. Warum stellt man unseren Propheten einem Terroristen gleich? Was denkt sich ein islamophober Redakteur, wenn er in einem Kommentar fragt: „Wie viel Humor verträgt die Religion Mohammeds, die Welteroberungsmetaphysik dieses frühmittelalterlichen Räuberfürsten, der sich mit seiner Karawanenarmee ein auf Polygamie und strengste Ehrenregeln gegründetes Großreich schuf?“ Du kannst dir nicht vorstellen, wie übel es mir ums Herz ist angesichts solcher Sätze. Es ist nicht die Frage selbst, sondern die Gedankenwelt, die hinter solchen Fragen aufscheint, die mich als Moslem beleidigt. Hat sich der forsche Kommentator Gedanken gemacht, warum plötzlich einige in Europa lebende Muslime eine doppelte, mörderische Identität entwickelt haben? Wenn sich aufgeklärte, gebildete Muslime innerlich vom Westen verabschieden – und es sind nicht wenige, denen es so geht –, dann verliert das christliche Abendland eine wichtige Stütze im Kampf gegen jegliche Art des muslimischen Fundamentalismus. Dissidenten sind überall auf dieser Welt auf Signale und Symbole der Anerkennung angewiesen, um ihren Mut und ihre Zuversicht aufrechtzuerhalten. Und wenn Worte Waffen sind, wird zurzeit allenthalben wild in der Gegend herumgeballert. Das ist die eine Seite. Auf der anderen Seite ist die Antwort der Muslime auf diese naive, aber gewollte Verunglimpfung die schiere Gewalt, wie sie sich momentan von Jakarta über Peschawar bis Teheran abspielt. Die Terroranschläge der vergangenen Jahre haben viele Menschen getötet – Muslime und Nicht-Muslime. Sie haben die Menschen des Westens verunsichert und verängstigt. Und trotzdem war bislang die allgemeine Stimmung Muslimen gegenüber nicht hasserfüllt. Dieser neue Fall aber droht zum Fanal zu werden – in Europa droht die Stimmung umzuschlagen. Schon morgen könnte uns Muslimen nur noch Misstrauen, Ablehnung oder auch offene Abscheu entgegengebracht werden. Und ich fürchte, wir werden uns dann von einer Mitschuld daran nicht aufrichtig freisprechen können. Abend für Abend bin ich wütend über diese Fernsehbilder. Das, was sich zurzeit wieder in weiten Teilen der islamischen Welt abspielt, steht in keinem Verhältnis zu den Karikaturen und den Kommentaren, so beschränkt sie auch sein mögen – und dabei ist irrelevant, ob diese Demos staatlich gelenkt sind oder nicht. Mit den unzähligen Terroranschlägen, mit dieser Bestialität und dieser Verschwörung der Mörder haben wir Moslems bewiesen, dass wir unzurechnungsfähig, inhuman und für die Wertegemeinschaft gefährlich sind. Die Gewalt meiner „Glaubensbrüder“ wegen dieser Karikaturen zeigt darüber hinaus auch, dass wir unkultiviert sind. Lachen über sich selbst ist heute nicht mehr Teil der islamischen Welt. Die Laufburschen mit hasserfülltem Blick und dem Heiligen Buch in der Hand – ob im Iran, Syrien, Afghanistan, Pakistan, Indonesien und woanders – wollen einen Krieg gegen Christen, gegen die Moderne, gegen Zivilisation, gegen Aufklärung und deren Werte und Lebensart. Europa und der Westen sollten sich auf diesen Kampf einstellen und ihn auch kraftvoll führen. Die Angst, im Iran nicht mehr eine Tonne Knäckebrot oder 40 CNC-Maschinen verkaufen zu können, darf die Gemeinschaft der Aufgeklärten und Zivilisierten niemals dazu veranlassen, eigene Werte, die Grundlagen eines humanen Daseins und am Ende die Freiheit zu opfern. Lieber Vater, die Moslems haben diesen irrsinnigen Kampf schon längst verloren, obwohl es draußen noch heftig tobt. Sie werden nicht gewinnen, weil wir keine Werte mehr haben. Wofür stehen die Muslime heute? Welche Werte vertreten wir noch? Wie stehen wir zu den Frauen, zu unseren Schwestern, Töchtern und Müttern? Warum akzeptieren wir, dass sie versteckte Existenzen führen? Was ist unser Verhältnis zu Minderheiten? Wie stehen wir zu den so genannten „Glaubensbrüdern“, die selbstgerecht den Islam instrumentalisieren, um ihre Ziele, den Terror, durchzusetzen? Wie stehen wir tatsächlich zu Osama bin Laden, Mullah Omar oder den Todessöhnen von al-Sarkawi? Wir schreien nach Respekt für unsere Religion, aber wo bleibt unser Respekt für andere Religionen? Auf diese Fragen haben wir keine Antworten. Auch Husni Mubarak, Hamid Karsei und König Abdullah sind merkwürdig sprachlos. Wir Muslime sind in Apathie versunken und schwelgen in Mitleid. Immer sind wir die Opfer und immer schieben wir die Schuld anderen zu. Wir sind chronisch gekränkt und beleidigt. Unsere Religion ist seit Jahren eine instrumentalisierte Religion – und wir Muslime lassen dies auch zu. Der Himmel über meiner Religion ist beängstigend düster. Und das ist die Katastrophe für die islamische Kultur. Bitter hat die Gemeinschaft der Muslime Veränderungen nötig, aber wir ignorieren den Untergang. Wer es ernst meint mit seiner Religion kann doch nicht durch ein paar Zeichnungen aus dem Sattel gehoben werden, hast du uns stets gesagt. Wir Muslime meinen es aber heute nicht ernst mit unserer Religion. Viele glauben immer noch, dass die Antwort auf Verunglimpfung Liquidation ist. Warum merken wir nicht, dass das ein Irrweg ist? Wir sind gelähmt. Unsere Politik, unsere Gesellschaften, unsere Wirtschaft, unsere Kinder und unsere Intellektuellen sind still. Unsere Systeme tot und unsere Herrscher korrupt. Dennoch können wir unsere Religion retten, reformieren und sie modernisieren, auch wenn dies ein mühevoller und steiniger Weg sein wird. Nur mit Hilfe der Christen können wir diesen Weg gehen. Begleitet uns, ohne uns zu beherrschen! Nehmt uns ernst, ohne eure eigene Identität zu verlieren! Aber Europas Regierungen, lieber Vater, werden aus Angst wieder kneifen. Die Handelsbilanzsumme wird den Europäern am Ende wichtiger sein als Sicherheit und Freiheit. In einer aktuellen Stunde werden die Parlamente Konsensresolutionen aller Fraktionen verabschieden, um den Moslems nicht wehzutun. Europa muss aber begreifen, dass es vor der Alternative steht, entweder unsere Religion, den Islam, mit zu modernisieren oder es wird weiterhin mit Terror und Zerstörung leben müssen. M. Walid Nakschbandi ist Geschäftsführer der AVE Gesellschaft für Fernsehproduktion. Er wurde 1968 in Kabul geboren und lebt in Berlin

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