Twitter, Facebook und die Revolution in Ägypten

Die Demonstrationen in Ägypten, der Umsturz in Tunesien und die Proteste in Jordanien wurden vor allem durch soziale Netzwerke im Internet organisiert. Schnell erhielten sie das Etikett „Facebook-Revolutionen“. Doch mit der digitalen Welt hat der ägyptische Aufstand mittlerweile nichts mehr zu tun.

Die Ägypter fordern den freien Zugang ins Internet, das die Regierung zeitweise sperren ließ.
() Die Ägypter fordern den freien Zugang ins Internet, das die Regierung zeitweise sperren ließ.
#Jan25 – Diese Zeichenabfolge entwickelte sich in den letzten Tagen mehr und mehr zu einem Symbol für den Aufstand der Ägypter gegen ihren Präsidenten Husni Mubarak. Angelehnt an den Beginn der Unruhen vor neun Tagen verbreiten sich unter dieser Chiffre im Minutentakt neue Mitteilungen auf den Seiten des Kurznachrichtendienstes Twitter. Zwischenzeitlich blockierten staatliche Behörden den Zugang zu Twitter und auch die Seiten des sozialen Netzwerks Facebook wurden gesperrt, um die Kommunikation zwischen den Demonstranten zu beeinträchtigen. Der Begriff „Facebook-Revolution“ war schnell in aller Munde, dabei ist es noch völlig ungewiss, wohin die Ereignisse in Ägypten führen. In der vergangenen Nacht eskalierte der Protest auf den Straßen der Hauptstadt Kairo. Straßenschlachten zwischen Anhängern und Gegnern des Präsidenten Husni Mubarak forderten mehrere Todesopfer und etwa 1.500 Verletzte. Auch Journalisten gerieten in die Auseinandersetzungen. Der Nachrichtenjournalist und Internet-Blogger Richard Gutjahr ist mittlerweile aus Sicherheitsgründen ins nahe Israel geflüchtet. Zuvor sprach Cicero Online mit ihm über die angespannte Lage im Land und die Bedeutung der Internet-Netzwerke für die aktuellen Proteste. „Bevor ich nach Ägypten kam, hielt ich den Begriff der ‚Facebook-Revolution‘ für eine hübsche und von Journalisten zurechtgedichtete Medienschlagzeile.“ So der erste Eindruck Richard Gutjahrs, der am Sonntag in die ägyptische Hauptstadt geflogen war. Einige Tage lang berichtete er unter anderem für die ARD vor Ort über die aktuellen Ereignisse. Dazu fütterte er seinen eigenen Internet-Blog. Mehrmals täglich beobachtete er die Demonstrationen auf den Plätzen Kairos. Eine halbe Nacht verbrachte er am Lagerfeuer mit Regierungsgegnern. Bei seinen Begegnungen suchte er besonders das Gespräch mit jungen Erwachsenen, den Trägern des Aufstands. Dabei überraschte ihn, wie stark Facebook tatsächlich in der jungen Generation Ägyptens verbreitet ist. Gutjahrs Einschätzung: „Ich habe keinen Jugendlichen getroffen, der kein Facebook hat.“ Nach Angaben von checkfacebook.com sind von den etwa 83 Millionen Einwohnern Ägyptens etwa 5,2 Millionen Internetnutzer bei dem weltweit größten Sozialen Netzwerk registriert. Allerdings steht Facebook nicht alleine da. Das Chatforum von MSN ist als Kommunikationsplattform in Ägypten ebenfalls sehr verbreitet. Auf solchen Internetseiten organisierte sich anfangs der Protest. Hier formierten sich die Regierungsgegner, hier begann der Aufstand. Als die Regierung dann den Stecker zog und das Netz abschaltete, waren die Massen bereits auf der Straße. Gutjahr: „Da war der Geist schon aus der Flasche.“ Es ist nicht zu übersehen, die Wege der Mobilisierung von Menschen haben sich verändert. Sie lösen sich von der Mundpropaganda und verschieben sich zugunsten digitaler Chaträume und Internet-Netzwerke. Diesen Trend hatte die ägyptische Regierung wie zuvor schon die tunesische völlig unterschätzt. In den vergangenen Jahren entwickelte sich eine Subkultur, die sich im Netz unkontrollierbar ausbreiten konnte. „Das haben die Machthaber einfach nicht mitbekommen.“ Das Internet habe die Regierung auf dem falschen Bein erwischt, so Gutjahr. Dass sich die Machthaber kurzerhand dazu entschlossen, die Internetzugänge zu sperren, sieht er als panische Reaktion, „die wussten sich nicht mehr anders zu helfen.“ Auch die Tatsache, dass die ägyptische Regierung die Mobilfunkbetreiber des Landes schließlich zwang, Propaganda-SMS-Mitteilungen zu versenden, zeugt von der Hilflosigkeit des Regimes. Der Frage jedoch, ob es demzufolge ohne die online-Dienste zu keinem Aufstand gekommen wäre, entgegnet Gutjahr entschieden: „Facebook darf man nicht unterschätzen aber auch nicht überbewerten.“ In Ägypten habe sich schon über Jahrzehnte hinweg Unmut aufgestaut, “der musste irgendwann einfach explodieren.“ Lediglich die schnelle Ausbreitung der Proteste hätte es ohne die Netzwerke wohl nicht gegeben. Den größten medialen Impact gab nach Ansicht von Gutjahr ohnehin nicht Facebook, sondern der arabische Nachrichtensender Al-Jazeera. Lange habe sich dieser mit der Berichterstattung zurückgehalten. „Als dieser dann aber anfing, aus Ägypten zu berichten, konnten die Leute hier mit Hilfe ihrer Satellitenschüsseln genau beobachten, was in ihrer Nachbarschaft oder in Kairo los ist. Das hat erst so richtig das Öl ins Feuer gegossen.“ Doch nicht nur für die Mobilisierung der Menschen sind die neuen Medien mittlerweile von zentraler Bedeutung, sie dominieren zugleich auch die Berichterstattung der Medien im westlichen Ausland. Schon 2009, im Anschluss an die Präsidentschaftswahl im Iran, gelangten die Nachrichten von den Protesten der Opposition fast ausschließlich über Internet-Dienstleister wie Twitter oder das Videoportal youtube an die ausländische Öffentlichkeit. So auch derzeit in Ägypten. Bilder, Videos und Meinungen werden durch unmittelbar Beteiligte im Internet hochgeladen und können den Rest der Welt damit in Echtzeit über die aktuellen Entwicklungen informieren. Bezeichnend war da, dass die ARD-Tagesthemen am Mittwochabend erst live ein Interview sendeten, das sie via Skype mit einem ägyptischen Internetblogger führten. Das klassische Medium Fernsehen hatte anschließend das Nachsehen. Weil der ARD-Korrespondent Armbruster wegen der Unruhen aus Sicherheitsgründen sein Studio verlassen musste, konnte er sich nur noch telefonisch bei der Tagesthemen-Moderatorin Caren Miosga melden. Den neuen Möglichkeiten, die sich daraus für eine authentische Berichterstattung ergeben, stehen allerdings auch Risiken entgegen. Ohne wichtige Hintergrundinformationen oder lediglich einseitig kommentiert erreicht eine Flut von Text- und Bildmaterial ungefiltert den Konsumenten. Der Internet-Journalist Richard Gutjahr spricht sich jedoch trotzdem dagegen aus, die neuen Medien als gehaltlos abzutun. Vielmehr folgert er daraus die neuen Aufgaben des professionellen Journalismus: „Wir müssen lernen, diese neuen Kanäle zu benutzen, professionell auszuwerten und einzuordnen.“ Angesichts der aktuellen Unruhen in Ägypten, die vom Internet ausgingen und erst dadurch mit solcher Heftigkeit auf die Straße übergehen konnten, appelliert Gutjahr an seine Kollegen: „Wir müssen einem Phänomen, wie wir es hier gerade finden, auch dort gerecht werden, wo es entstanden ist: Im Netz.“ Lesetipp: Revolution 2.0 - Facebook und die Mobilisierung von Gesellschaften

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