Stimmen des Schmerzes

Wie findet man eine Sprache für das einzigartige Grauen der Atombombenexplosion? Und wie hält man die Erinnerung wach, wenn die Überlebenden der Katastrophe immer weniger werden? Japanische Schriftsteller gehen eigene Wege.

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Viele Japaner denken auch heute noch in kaiserlichen Epochen, deren Devise sich seit der Meiji-Zeit (ab 1868) jeweils beim Thronwechsel ändert. So entspricht dem Jahr 2010 des westlichen Kalenders in Japan das Jahr 22 der Heisei-Zeit (Heisei 22 nen). Und das Jahr 1945, in dem die Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki abgeworfen wurden, war das Jahr 20 der Showa-Zeit. Für die Japaner von heute gehören der Zweite Weltkrieg und die frühe Nachkriegszeit daher schon zu einer anderen Epoche, die 1989 mit dem Tod von Kaiser Hirohito zu Ende gegangen ist. Man definiert sich auch gerne nach einer bestimmten Epoche, zum Beispiel als ein Mensch der Showa-Zeit oder der vorausgegangenen Taisho-Zeit und glaubt daher, anders zu denken als ein Heisei-Japaner.

65 Jahre nach Kriegsende nimmt die Zahl der Japaner rapide ab, die an jenem 6. oder 9. August 1945 Gesundheitsschäden durch die Atombomben erlitten, aber überlebt haben. Es gibt auch immer weniger Schriftsteller, die noch selber die Atombomben oder auch „nur“ den Krieg erlebt haben. Wie aber kann und wird vor diesem Hintergrund die grauenvolle Erfahrung der Atombombenexplosionen an die nächste Generation weitergegeben werden? Insbesondere auch vor dem Hintergrund, dass die jüngere Generation mit dem Computer aufwächst und weniger Bücher liest.

Daher ist es besonders bemerkenswert, dass in der Heisei-Zeit in Form von Theaterstücken auf der Bühne über die Atombomben erzählt wird. Ein berühmtes Beispiel hierfür ist das Schauspiel „Die Tage mit Vater“ (japanisch: „Chichi to kuraseba“) des Schriftstellers und Dramatikers Hisashi Inoue, das zwischen seiner Premiere im September 1994 und dem Sommer 2005 insgesamt 77 Aufführungen erlebte. Wenn man bedenkt, dass es in Japan nur wenige Schauspieltheater gibt, die durchgehend das ganze Jahr über Stücke aufführen, ist diese Zahl sehr hoch.

Für das traditionelle japanische No-Theater hat Tomio Tada, ursprünglich Immunologe und No-Dramatiker, im Vorfeld des 60. Jahrestags der Atombombenexplosion von Hiroshima und Nagasaki die Theaterstücke „Der Trauertag der Atombombe“ („Genbakuki“) und „Die heilige Mutter von Nagasaki“ („Nagasaki no Seibo“) geschrieben. Beide No-Stücke werden nicht nur in Tokyo, sondern immer wieder auch in Hiroshima oder Nagasaki aufgeführt.

Die japanische Atombombenliteratur („Genbaku Bungaku“) umfasst weit mehr als 1000 Werke. Den ersten Roman über die von der Atombombe bei ihr selbst verursachten Leiden hat die Schriftstellerin Yoko Ohta schon zwischen August und November 1945 geschrieben. Doch das Buch durfte damals nicht erscheinen, weil die amerikanische Besatzungsmacht schon kurz nach den Bombenabwürfen jegliche Veröffentlichungen über die Atombombe verboten hatte. Erst 1948 konnte eine stark zensierte Kurzfassung gedruckt werden. Das vollständige Manuskript wurde schließlich 1950 unter dem Titel „Die Leichenstadt“ („Shikabane no Machi“) publiziert. „Die Sommerblumen“ („Natsu no Hana“) von Tamiki Hara, selber auch ein Atombombengeschädigter, wurde 1949 veröffentlicht. Nur zwei Jahre später beging Hara Selbstmord, indem er sich vor einen Zug warf. 1966 erschien schließlich „Der schwarze Regen“ („Kuroi Ame“) von Masuji Ibuse, der Verwandte in Hiroshima hatte. Diese drei Romane können als die repräsentativen Hauptwerke der japanischen Atombombenliteratur betrachtet werden.

Darüber hinaus hat der Literaturnobelpreisträger Kenzaburo Oe 1965 nach wiederholten Recherchen in Hiroshima und einem langen Interview mit dem Chefarzt des dortigem Rot-Kreuz-Krankenhauses für Atombombengeschädigte die Essay-Sammlung „Hiroshima-Notizen“ („Hiroshima Note“) veröffentlicht und damit großen Einfluss besonders auf junge Japaner gehabt. Tief im Bewusstsein ist aber bis heute die schon 1952 erschienene „Genbaku-Gedichtsammlung“ („Genbaku Shishu“) von Mitsuyoshi Tohge. Sie beginnt mit den eindrücklichen Versen: „Gib mir Vater zurück! Gib mir Mutter zurück! Gib mir die Alten zurück! Gib mir die Kinder zurück, die Menschen zurück! Und gib mir den Frieden zurück!“

Auch in der Kinderliteratur gibt es zahlreiche gute Bücher zum Thema, in denen aber größtenteils die grausamen Verletzungen durch die Atombomben nicht direkt beschrieben werden, sondern der Fantasie der Leser überlassen bleiben. Die große Ausnahme ist wohl der 1975 erschienene Comicroman „Barfuß durch Hiroshima“ („Hadashi no Gen“) von Keiji Nakazawa, der von den japanischen Behörden als Atombombenopfer Nummer 0019760 geführt wird. Das aus mehreren Bänden bestehende Werk, das auch auf Deutsch erschienen ist, wurde in Japan ein millionenfacher Bestseller, der von den öffentlichen Bibliotheken des Landes am meisten verliehen wird.

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