Russlands reichste Gören

Das heutige Russland wird immer stärker von sozialen Hierarchien geprägt. Seit dem Fall des Eisernen Vorhangs ist eine Schicht von Superreichen entstanden, deren Nachkommen zu einer neuen Elite heranwachsen. Anna Skladmann hat diese Kinder in ihrem „normalen“ Umfeld in Szene gesetzt

Kinder brauchen Liebe. So trivial, so abgedroschen ist der Satz, dass man sich fast geniert, ihn niederzuschreiben. Nur, dass er zutrifft: Kinder brauchen Liebe, nicht Geld. Sie brauchen Nahrung, sie brauchen Schlaf, sie brauchen liebende Arme, die sie umschließen, wenn sie hingefallen sind. Was aber, wenn Mutter und Vater nicht da sind, nicht weil ihnen tragischerweise etwas zugestoßen ist, sondern weil sie damit beschäftigt sind, Geld zu verdienen und es auszugeben? Was, wenn anstelle der tröstenden Arme Paläste da sind, Luxusautos, marmorne Spielsäle, die an jene in den ehemaligen Zarenhäusern erinnern, vielleicht deshalb so sehr an diese erinnern, weil sie sie zu übertreffen suchen? Das russische Wirtschaftsmagazin Finans veröffentlicht jährlich nicht nur die Liste der reichsten Russen, der sogenannten Oligarchen, sondern mittlerweile auch das Ranking der schwersten Erben: Wer mindestens eine Milliarde US-Dollar erbt, hat die Ehre, seinen Namen auf dieser Liste lesen zu dürfen – falls diejenigen, die da erwähnt werden, schon lesen können. Da kann der Nachwuchs sich vergleichen und messen, nicht in geschossenen Fußballtoren und auch nicht in gesammelten Panini-Bildchen, sondern in Milliarden. Ganz vorne steht derzeit Yusuf Alekperov, zukünftiger Erbe des größten russischen Ölkonzerns Lukoil; die „armen“ Abramowitsch-Kinder sind hingegen einige Ränge nach unten gerutscht, weil sie das voraussichtliche Erbe von 17,1 Milliarden Euro untereinander teilen müssen. Leiden sie darunter, ärgern sie sich? Diese Kinder, die sich mit solchen Zahlen beschäftigen, kennen sie auch die folgenden? 24,5 Millionen Russen leben unter der Armutsgrenze, das sind über 17 Prozent der Bevölkerung. Wie viele Kinder sind darunter? Manchmal scheint es, als käme man in Russland nicht auf die Idee, sich zu wundern oder aufzuregen, weil man zu beschäftigt ist mit Überleben, zu beschäftigt mit Geldhorten. Sich zum Beispiel darüber zu wundern, dass sich niemand darüber aufregt, dass sich Oligarchen über das Schrumpfen ihrer Milliardenvermögen während der Finanzkrisen sorgten, während gleichzeitig die Zahl der verhungernden Kinder in ihrer Heimat stieg. Die meisten russischen Oligarchen schicken ihre Kinder mittlerweile in westliche Internate, bevorzugt nach Großbritannien, wo sie eine standesgemäße Erziehung, für ihre Zukunft unabdingliche Wirtschaftskenntnisse, ein feines britisches Englisch und, nicht zu vergessen, wichtige soziale Kontakte bekommen. Immer sollen sich die kleinen Oligarchen der Tragweite ihres Status’, des Einflusses ihrer Väter, der Designer ihrer Klamotten, der Marken ihrer Autos, der Längen ihrer Yachten bewusst sein – das muss gelernt sein, notfalls auch weit weg von den Eltern im Ausland. Ob sie dort Liebe bekommen, ist eine andere Frage. Anna Skladmann studierte Fotografie in Paris und New York. Ihr Fotoband „little adults“ erscheint Ende Februar im Kehrer-Verlag

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