Mann ohne Eigenschaften

Seit einem Jahr ist Barack Obama nun im Amt. Der Shooting-Star der amerikanischen Politik ist mit vielen Vorschusslorbeeren gestartet. Doch seine Kritiker geben keine Ruhe. Von Beginn an war ihnen die Obamania suspekt. Einer von ihnen ist der niederländische Autor Leon de Winter. Eine Streitschrift

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Will man die historische und zugleich bizarre Wahl Barack Hussein Obamas zum Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika erklärlich machen, muss dazu ein beladener Begriff aus der Schublade gezogen werden: Rasse. Es wäre eine Lüge zu behaupten, Obama sei aufgrund ausgewiesener Fähigkeiten und Qualifikationen gewählt worden. Als Vertreter von Illinois im Washingtoner Senat hat er nichts Besonderes geleistet – er war vor allem in Sachen Wahlkampf unterwegs, zuerst innerparteilich für die Nominierung zum Präsidentschaftskandidaten der Demokraten, dann als Kandidat für das Präsidentenamt. Und als Vertreter im Senat von Illinois hat er stets seine Position in der berüchtigten Chicago Machine im Auge gehabt, jenem mächtigen Club von Demokraten, Geschäftsleuten, Gewerkschaftsbossen und Schwarzenführern unter der Ägide des Chicagoer Bürgermeisters Richard Daley. In diesem Club geht es um das Zuschieben öffentlicher Aufträge, um die Verteilung von Posten, um Machterhalt. Obama ist von dieser Machine protegiert worden und hat die Machine für sich genutzt. Er ist der größte Erfolg, den die Machine je landen konnte. Obama hat der Machine das Weiße Haus beschert. Die Machine wird von rücksichtslosen Apparatschiks angeführt. Die engsten Berater Obamas sind Rahm Emanuel und David Axelrod, beide abgebrühte Zyniker und Opportunisten, die keine Auseinandersetzung scheuen. Beide in Chicago streetwise geworden, beide mit beachtlichem intellektuellen Rüstzeug und Killerinstinkt ausgestattet. Axelrod hat die „Marke“ Obama erfunden. Er hat Obama das Image eines Kandidaten der Mitte gegeben und Obama mit den Slogans versorgt, die er zuvor schon erfolgreich bei einem anderen schwarzen Kandidaten, Deval Patrick, ausprobiert hatte. Axelrod, ehemaliger Journalist und seit Jahren äußerst erfolgreicher politischer Stratege und Berater, namentlich von schwarzen Politikern, schnitt Patricks Wahlkampagne auf Obama zu und polierte sie auf. Axelrod steht auf Du und Du mit Richard Daley, dem ungekrönten König der Chicago Machine. Obama war für Axelrod der ideale Kandidat, ein Mann, der trotz zweier Autobiografien nicht erkennbar wird, umrisshaft bleibt, ein Mann ohne Eigenschaften. Ein amerikanischer Kolumnist schrieb unlängst zu Obamas Friedensnobelpreis: „Obamas Wahl hat den Makel des Rassismus nicht ausgewischt. Aber sie hat den Mythos Lügen gestraft, dass nur Weiße etwas zustande bringen können. Sie hat uns dem Tag näher gebracht, da unsere Nachkommen werden sagen können, dass Rassenschranken kein Problem des 21. Jahrhunderts waren. Wenn das keinen Nobelpreis verdient, was dann?“ Wenn dem so wäre, hätte Axelrod den Nobelpreis bekommen müssen. Obama wurde erst Obama, nachdem sich Axelrod seiner angenommen hatte. Axelrod wusste, wie Obama aus dem beladenen Begriff „Rasse“ ein zentrales Thema machen konnte, ohne den Wählern das Gefühl zu vermitteln, sie würden manipuliert, über ebendiese Frage – Rasse, der schmerzlichste Begriff in der amerikanischen Gesellschaft – abzustimmen. Es ist unsinnig, die amerikanische Politik ausschließlich durch die Brille des Skeptikers zu betrachten. Aber in diesem Fall kann man gar nicht anders. Hier wäre jede Illusion von Ethik und Moral lächerlich. Die Rede ist nicht von Chorknaben, sondern von den besten amerikanischen Machtpolitikern des Jahrzehnts, die vor nichts zurückschrecken, schon gar nicht davor, die Wähler zu täuschen und zu manipulieren. Letzteres ist für diese Leute kein Grund, sich zu schämen, sondern es erfüllt sie mit Stolz und gibt ihnen Kraft. Barack Obama war ein linksradikaler Student und als junger Mann lange Zeit ein linksradikaler Ideologe, der sich seine Freunde im linksradikalen universitären Universum von Harvard, Columbia, Chicago suchte. Auch radikale Linke haben ihren Platz in der Machine, solange nicht an deren Grundfesten und dem Supremat der mit den Gewerkschaften verbandelten Demokratischen Partei gerüttelt wird. Obamas Freundschaft mit dem Exterroristen Bill Ayers, Universitätskollege aus seiner Nachbarschaft und Sohn eines erfolgreichen örtlichen Unternehmers mit ganz eigener Position in der Machine, war kein Ausrutscher: Jemand mit linksradikalem Ausweis kann sich sowohl in den Akademikerkreisen Chicagos als auch im korrupten Räderwerk der Machine sehr gut behaupten. Obama hat zwanzig Jahre lang auf seinen geliebten Pfarrer Jeremiah Wright, einen schwarzen Rassisten und Antisemiten gehört, ohne dass das Folgen für sein Standing in Chicago gehabt hätte. Das Räderwerk der Machine hat viele Teilchen, und für jedes gibt es eine Nische, solange die Machine respektiert wird. Obama hatte keine andere Wahl, als nach Kopenhagen zu gehen, um für die Olympischen Spiele in Chicago zu werben – Daley und die Machine hatten großes geschäftliches Interesse daran, und Obama konnte eine Bitte Daleys nicht abschlagen. Er ging und verlor – aber er hatte sich als treuer Gefolgsmann der Machine erwiesen. Für den PR-Spezialisten Axelrod, der die Problematik der Schwarzen in Amerika durch und durch kennt, war Obama also der ideale Kandidat. Obama hatte sich als Senator of State weder durch außergewöhnlich schlechte noch durch außergewöhnlich gute Leistungen hervorgetan (er stimmte treu im Sinne der Machine ab oder enthielt sich – das tat er 130 Mal), er hatte seine Jahre als community organizer absolviert (ohne das Geringste daraus gemacht zu haben: Seine Anstrengungen haben, soweit bekannt, keine merklichen Erfolge gezeitigt), und er hatte sich gut bei den Machern der Machine eingeführt. Es gab eigentlich nicht viel über Obama zu sagen, außer vielleicht, dass er einen afrikanischen Vater hatte, und das, so erkannte Axelrod, konnte einen idealen Mythos liefern. Es gab Unzähliges in Obamas Vergangenheit, was während seiner Wahlkampagne seine linksradikalen Sympathien offenbarte, doch der gut von Axelrod gecoachte Obama verstand es geschickt, sich aus der Affäre zu ziehen – und auch die Medien sprangen ihm dabei zu Hilfe. Überglücklich, dass sie einen schwarzen Un-Bush gefunden hatten, unternahmen die Medien keinerlei Anstrengungen, der Frage nachzugehen, warum Obama keine einzige schriftliche Arbeit, keinen einzigen Artikel, ja nicht die kleinste Notiz aus seinen Studentenjahren freigegeben hat. Bis heute nicht. Er ist der einzige Präsident, von dem man nicht einen Schnipsel kennt. Auch weiß man nicht, wer ihn eigentlich nach Harvard gebracht hat und wer nach Columbia und warum wir bis heute nicht erfahren dürfen, wie eng seine Freundschaft mit Edward Said war, jenem Ägypter, dessen Karriere auf zwei bemerkenswerten Tatsachen fußt: der von ihm in die Welt gesetzten Fiktion, er sei ein Kind palästinensischer Flüchtlinge gewesen, und seiner beeindruckenden Leistung, das große Abenteuer der westlichen Zivilisation zu einem neokolonialen, rassistischen Unterfangen zu degradieren. Obama hat nie einen Betrieb geführt, nie die Verantwortung für die Umsetzung eines politischen Programms gehabt, nie persönlich die Konsequenzen tragen müssen, wenn die Theorie mit der rauen Wirklichkeit kollidierte. Es fragt sich sogar, ob er je ein Afroamerikaner gewesen ist. Obama wurde von einer weißen Mutter mit einer ausgeprägten Schwäche für Männer aus Entwicklungsländern und von weißen Großeltern erzogen. Er hat Privatschulen besucht. Sein Vater war ein Schwarzafrikaner aus einer Familie, die nie unter der Sklaverei gelitten hatte. Auf Obamas privilegierte Kindheit folgten Studienjahre an exklusiven Universitäten, die ihm, gerade weil er eine dunkle Hautfarbe hatte, gern ihre Tore öffneten – Amerikaner geben sich die größte Mühe, den Rückstand schwarzer Studenten durch allerlei Hilfsprogramme zu kompensieren, und Obama kam in deren Genuss, obwohl er keinen Ghetto-Hintergrund und keinerlei Rückstand hatte. Die Sklaverei macht dem Land bis heute zu schaffen. Es gibt mehr schwarze Jugendliche in amerikanischen Gefängnissen als an City oder State Colleges. Einer von zwanzig männlichen Schwarzen sitzt ein. Mehr als ein Drittel der über zwei Millionen Strafgefangenen in den USA (nach China die weltweit höchste Zahl) sind schwarz, während der Anteil der Schwarzen an der Gesamtbevölkerung nur dreizehn Prozent beträgt. Fünfundsechzig Prozent aller schwarzen Kinder in den USA leben bei einer unverheirateten und häufig zudem arbeitslosen Mutter. Die Nachwehen der Sklaverei, der original sin Amerikas, bereiten dem Land bis heute Gewissensbisse. Und dann kam Obama. Unbefleckt. Groß und schlank und gebildet. Einer, der ganz anders redete als ein Reverend Al Sharpton, ohne eine Spur von Slum-Akzent. Nie ein Schweißtröpfchen. Cool. Hip. Selbstsicher. Einer, der „hope and change“ beschwor – ja, die Slogans hatten bei der Kampagne von Deval Patrick für die Wahl zum Gouverneur von Massachusetts so gut funktioniert, dass Axelrod sie für Obama wiederverwendete. Obama war nur schwarz, wenn das half, sonst nicht. Ein vor wenigen Jahren noch unmöglicher Name wurde zur begehrenswerten Marke: Barack Obama. (Sein zweiter Name Hussein war während der Kampagne tabu. Wer daran rührte, wurde von den Medien als Rassist niedergemacht – bis Obama selbst den Namen benutzte, als es ihm dienlich war.) Ein afrikanischer Name, der exotisch war und postnational klang, aber zum Glück durch die weiße Mutter mit dem vertrauten angelsächsischen Namen Ann Dunham entschärft wurde. Obama. Nie mit einer klaren Aussage zu seinem Programm, sondern vielmehr eine Stimmung, ein Gefühl hoffnungsfroher Erwartung evozierend, denn mit allzu klaren Worten über seine progressiven Vorlieben würde er, wie Axelrod klar erkannte, konservative Wechselwähler nur verschrecken. Ein echter Schwarzamerikaner mit rein schwarzen Eltern, die das Leid und die Gewalt in den Ghettos am eigenen Leib miterlebt haben, jemand wie Jesse Jackson zum Beispiel, hätte es nie so weit gebracht. Obama war nur ein bisschen schwarz, aber sehr multikulturell, schien es. Und auf eine angenehme Art fortschrittlich, das heißt nicht zu sehr, und wunderbar anzuschauen und anzuhören nach diesem fürchterlichen texanischen Cowboy Bush, der all das verkörperte, was das linke akademische und Medien-Establishment verabscheute. Mit Obama kam der Moment, da die Linken und die gemäßigten Linken und die sogenannten „Reagan-Demokraten“ (eine Gruppe von Wählern, die sozial progressiv und fiskal konservativ denken) ein Zeichen setzen konnten gegenüber der Vergangenheit, der Welt und ihrem eigenen Spiegelbild: ein historischer Moment, und der Wähler konnte mit einer simplen Stimmabgabe Teil davon werden. Da war ein Mann mit dunkler Hautfarbe. Er redete gut. Er machte ein intelligentes Gesicht, wenn er seine Texte vom Teleprompter ablas. Er bewegte sich wie ein afrikanischer Königssohn. Er war zwar kein echter Afroamerikaner mit Wurzeln in den projects, den schwarzen Ghettos, aber das war unerheblich. Er konnte sich zwar nicht mit besonderen Errungenschaften brüsten, aber das Land lechzte nach einem MOMENT, einem AKT, einem REINIGENDEN RITUAL, mit dem die dunklen Jahre unter Bush und die dunklen Jahre vor Bush – Bush schien für alles verantwortlich zu sein, was in Amerika je danebengegangen war – aus den Adern des Volkes gespült werden konnten. Und so wurde dieser unbekannte Mann, der von einem afrikanischen Nomaden und einer für New Age und exotische Völker schwärmenden Amerikanerin aus der Upperclass gezeugt worden war, zum 44. Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika und damit zum mächtigsten Mann auf Erden. Und dann?

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