Im Angesicht des Todes

Oriana Fallaci ist die umstrittenste Publizistin unserer Zeit. Mit ihrer These vom Kulturtod des Abendlandes durch muslimische Einwanderung gewann die Italienerin ein Millionenpublikum – und schuf sich eben so viele Feinde. Ein Hausbesuch im New Yorker Exil.

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Oriana Fallaci droht das Gefängnis. Sie ist Mitte 70, ihr Krebsleiden ist so weit fortgeschritten, dass sie momentan nur flüssige Nahrung zu sich nehmen kann (also tranken wir während meines dreistündigen Besuchs Champagner). Sie ist eine der berühmtesten Journalistinnen unserer Zeit und nun soll sie vor Gericht gestellt werden. Ein Richter in Italien hat gegen sie Anklage wegen "Beleidigung" einer "staatlich anerkannten Religion" erhoben. Ihr drohen zwei Jahre Gefängnis, deshalb zieht sie es vor, in New York zu weilen. In Fallacis Fall ist die Religion, deren Beleidigung sie beschuldigt wird, der Islam. Die strafbare Handlung fand der Anklage zufolge in einem Buch mit dem Titel "Die Kraft der Vernunft" statt, das Fallaci im vergangenen Jahr geschrieben hat und welches in ganz Europa weit über eine Million Mal verkauft wurde. Die provokante These des Buches lautet, dass die Alte Welt unmittelbar davor stehe, unter die Vorherrschaft des Islam zu geraten, und dass sich die westlichen Gesellschaften den "Söhnen Allahs" kampflos unterworfen hätten. "Als ich die Nachricht von der Anklage erfuhr, musste ich lachen. Ein bitteres Lachen, natürlich, aber ich lachte. Das Verfahren ist nur ein Beweis dafür, dass alles, was ich geschrieben habe, wahr ist." Der Kläger ist ein Muslim namens Adel Smith. (Es ist eine Ironie der Geschichte, dass Mr. Smith sich ebenfalls wegen Beleidigung vor Gericht verantworten muss. Vor zwei Jahren bezeichnete er in einer Fernsehsendung die römisch-katholische Kirche als "kriminelle Organisation"). Signorina Fallaci knurrt aufgebracht: "Europa ist nicht mehr Europa, es ist 'Eurabia', eine islamische Kolonie. Der Vormarsch des Islam findet dort nicht nur im wörtlichen Sinne statt, sondern auch geistig und kulturell. Eine hündische Ergebenheit gegenüber den Eindringlingen hat die Demokratie vergiftet, mit offensichtlichen Auswirkungen auf die Gedankenfreiheit wie auch auf die Idee der Freiheit ganz allgemein." Ausdrücke wie diese "Eindringlinge", "Vormarsch", "Kolonie", "Eurabia" sind in höchstem Maße politisch unkorrekt. Womöglich ist es gar nicht so sehr der Inhalt ihrer Worte oder Fallacis grundsätzliche Geis-teshaltung, welche den Zorn entfacht hat, sondern vielmehr ihr Tonfall, ihr Vokabular. Fallacis Haltung zeugt von unverhohlenem Pessimismus. Als ich sie frage, was für eine "Lösung" sie sehe, um den von ihr beschriebenen Niedergang Europas aufzuhalten, geht sie hoch wie eine Bombe: "Wie können Sie es wagen, mich nach einer Lösung zu fragen? Das ist, als hätte man Seneca nach einer Lösung gefragt. Wissen Sie noch, was er gemacht hat? Zzzzck, zzzzck", sagt sie und macht eine Geste, als würde sie sich die Pulsadern aufschneiden. "Er beging Selbstmord!" Seneca wurde bezichtigt, an einem Mordkomplott gegen Kaiser Nero beteiligt zu sein. Ohne Gerichtsverfahren wurde er von Nero gezwungen, sich das Leben zu nehmen. Offenbar meint Signora Fallaci, im Islam den langen Schatten Neros zu erkennen. Der von ihr beschworene Niedergang der westlichen Welt erfüllt Signora Fallaci mit größter Sorge. "Sehen Sie sich heute das Schulsystem in den westlichen Ländern an! Die Schüler haben keine Ahnung von Geschichte! Absolut keine, Herrgott noch mal. Sie wissen nicht, wer Churchill war. In Italien wissen sie nicht einmal, wer Cavour war!" Sie meint Camillo Benso Graf von Cavour, den konservativen Architekten neben dem radikalen Garibaldi des modernen Italien. Signorina Fallaci beschreibt sich selbst ebenfalls als "Revolutionärin" "denn ich mache das, was die europäischen Konservativen versäumen: Ich weigere mich, mich wie eine Verbrecherin behandeln zu lassen." Sie gibt zu, dass sie manchmal weint: "weil ich nicht 20 Jahre jünger bin und gesundheitlich in so schlechter Verfassung. Ansonsten würde ich sogar die Schriftstellerei opfern, um in die Politik zu gehen, in irgendeiner Form." "Wenn ich die Bücher von Ratzinger lese, fühle ich mich nicht ganz so allein." Ich hatte Signorina Fallaci gefragt, ob es eine zeitgenössische Führungspersönlichkeit gebe, die sie bewundert, und Papst Benedikt XVI. ist offenbar ein Mann, in den sie ein gewisses Vertrauen setzt. "Ich bin Atheistin, aber wenn eine Atheistin und der Papst der gleichen Meinung sind, muss da etwas Wahres dran sein. So einfach ist das! Es muss eine allgemeine menschliche Wahrheit geben, die jenseits religiöser Vorstellungen liegt." Signorina Fallaci sagt, "seit dem Ende des 20. Jahrhunderts haben wir keine Führungspersönlichkeiten mehr." Johannes Paul II. "Wojtyla" sei ein "Kämpfer" gewesen, aber sie kann ihm seine "tolerante Haltung gegenüber der islamischen Welt" nicht verzeihen. "Warum, warum nur war er so nachgiebig?" Allein "Ratzinger" (wie sie den Papst unbeirrt nennt) betrachtet sie als Seelenverwandten. Oriana Fallaci weigert sich, zu dem Verfahren in Bergamo zu erscheinen, dessen Eröffnung für Juni 2006 angesetzt ist. "Ich weiß nicht einmal, ob es mich nächstes Jahr noch gibt. Mein Krebsleiden ist so schlimm, dass ich das Gefühl habe, das Ende der Wegstrecke erreicht zu haben. So ein Jammer. Ich würde gerne weiterleben, nicht nur, weil ich das Leben so sehr liebe, sondern auch, weil ich das Ende des Prozesses mitbekommen möchte. Ich glaube tatsächlich, dass ich verurteilt werde." Bei diesen Worten muss sie lachen. Ein bitteres Lachen, natürlich, aber sie lacht. Übersetzung: Florian Werner

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