Waris Dirie - Eine beschädigte Frau

Sie ist reich, sie ist schön – und sie ist beschnitten. Als Topmodel feierte Waris Dirie Erfolge und konnte doch nicht das Verstümmelungstrauma ihrer Kindheit vergessen. Ihre Popularität nutzt sie, um die Genitalverstümmelung von jungen Frauen anzuprangern.

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Dies ist die Geschichte der Waris Dirie, die an einem unbekannten Tag des Jahres 1965 in den somalischen Nomadenstamm der Darod geboren wurde. 1978 flieht die 13-jährige „Wüstenblume“ – so lässt sich der Name Waris übersetzen – vor der drohenden Zwangsheirat quer durch die Wüste nach Mogadischu. Ein Onkel bringt sie als unbezahlte Haussklavin in die somalische Botschaft in London. Als in ihrer Heimat der Bürgerkrieg ausbricht, versteckt sich Dirie vor der drohenden Deportation tief im Gewühl der britischen Hauptstadt.

Das Glück im Unglück: Eine wildfremde Frau nimmt die junge Afrikanerin auf, schickt sie – zum ersten Mal überhaupt – zur Schule und besorgt ihr einen Hilfsjob in einem Fast-Food-Restaurant. Reiner Zufall ist 1987 auch die Begegnung mit dem Modefotografen Terence Donovan. Sein erstes Shooting bringt Dirie aufs Cover des Pirelli-Kalenders – über Nacht wird aus dem unbekannten Nomadenmädchen eine Modeikone. Ein Supermodel, das die Laufstege zwischen Mailand und New York erobert.

Hier wäre das Märchen im Guten geendet – hätte Waris Dirie über Champagner und Millionengagen nur die Begegnung mit der rostigen Rasierklinge vergessen können. Jede Frau der Darod erleidet das Ritual. So will es die Tradition des Clans. Nicht eine stellt das angeblich von der Religion, dem Islam, verlangte Opfer infrage. Die sexuelle Lust der Frau, so predigen es die Imame, wurde vom Teufel allein erschaffen, dem Mann den klaren Verstand zu rauben. Das Sicherste gegen die Pläne Satans ist die Zerstörung des Zentrums der weiblichen Begierde.
So steckten die Frauen die fünfjährige Waris in bunte Festtagsgewänder, beteten zu ihrem Gott – und als es so weit war, pressten sie das Mädchen an Armen und weit geöffneten Schenkeln fest auf den Boden, damit die Frau mit der rostigen Rasierklinge den „göttlichen“ Auftrag erfüllen konnte.

Die Weltgesundheitsorganisation schätzt, dass 98 Prozent der somalischen Frauen zwischen 15 und 49 Jahren beschnitten sind. Doch das barbarische Ritual wird in mindestens 29 weiteren muslimischen Staaten vollzogen. Einigen Mädchen wird „nur“ die Spitze der Klitoris abgetrennt – ein Tropfen Blut zu Ehren Allahs. In den meisten Fällen aber wird der Kitzler insgesamt entfernt, ohne Betäubung, mit schmutzigen Messern. Anschließend wird die Vagina zugenäht. Viele der Opfer sterben. Für die übrigen – allein in Afrika etwa 92 Millionen Frauen und Mädchen über neun Jahren – gehört lebenslanger Schmerz zum Alltag. Jedes Jahr wächst die Schar der Opfer um Hunderttausende.

Zehn Jahre hatte Waris Dirie die Laufstege der Welt beherrscht. Sie war, im wahrsten Sinn des Wortes, zu einer der angesehensten Frauen der Branche geworden. Bis sie in einem Interview mit der Frauenzeitschrift Marie-Claire das Klischeebild der „perfekten“ Frau zerstörte und erzählte, was ihr als Kind in der somalischen Wüste widerfahren war.

Die Reaktion auf das intime Geständnis war überwältigend. Das Schicksal des Supermodels berührte und schockierte die Öffentlichkeit. Waris Dirie hatte ihre Bestimmung gefunden – sie machte den Kampf gegen die weibliche Genitalverstümmelung zur persönlichen Mission.

Gezielt bediente sie die Sensationsgier der Medien. Als Sonderbotschafterin von UN-Generalsekretär Kofi Annan traf sie auf ahnungslose und zunächst desinteressierte Politiker. Sie gründete ihre eigene Nichtregierungsorganisation und schrieb die Erinnerungen ihres jungen Lebens auf. „Wüstenblume“ wurde ein internationaler Bestseller. Vor Vertretern der Europäischen Union geißelte Waris Dirie das blutige Ritual als Menschenrechtsverletzung und forderte die Anerkennung der Flucht vor drohender Beschneidung als Asylgrund.

Denn mit den muslimischen Migranten aus Afrika ist auch ihre barbarische Tradition in den Westen gelangt. Schätzungsweise eine halbe Million entweder schon beschnittene oder von Genitalverstümmelung bedrohte Mädchen und Frauen leben allein in der Europäischen Union: 75000 davon in Großbritannien, 65000 in Frankreich. Und etwa 30000 in Deutschland.

Dass es nicht noch mehr sind, ist auch das Verdienst von Waris Dirie. Zwölf EU-Staaten haben die Mädchenbeschneidung in den vergangenen Jahren als schwere Körperverletzung und damit als Straftatbestand anerkannt. In Deutschland läuft die Verjährungsfrist für die Täter seit diesem Juli erst mit dem 18. Lebensjahr des Opfers an, sie sollen sich als Erwachsene gegen das erlittene Unrecht wehren dürfen. Doch die Einwanderer wissen die Verbote zu umgehen: Viele schicken ihre Töchter heimlich zurück in die Heimat oder bestellen eine der illegalen Beschneiderinnen, die überall in Europa am Werk sind.

Jetzt hofft Waris Dirie, dass die Verfilmung ihres Lebens ihrer Kampagne neuen Auftrieb gibt. Dass der Streifen eine Prise zu viel Hollywood-Kitsch und vielleicht zu wenig Information über Klitorisbeschneidung enthält, stört die schöne Aktivistin nicht. Sie setzt auf die Macht der Bilder. Der Film soll ihre Botschaft auch unter denen verbreiten, die sonst von politischen Debatten und intellektuellen Zirkeln ausgeschlossen sind. Denn, so heißt es in dem von Waris Dirie verfassten Manifest: „Ich will, dass alle Menschen weltweit Genitalverstümmelung als gemeinsames Problem erkennen, vor dem man nicht mehr die Augen verschließen kann.“

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