Die schwarze Voltaire

Sie kämpft gegen einen rückständigen Islam und für die Emanzipation muslimischer Frauen: Ayaan Hirsi Ali, niederländische Politikerin und seit der Ermordung Theo van Goghs mit dem Tod bedroht. Ein Freund zeichnet den Weg einer mutigen Aufklärerin

Bettina Flitner fotografierte Ayaan Hirsi Ali für ihr Buch: „Frauen mit Visionen“, Knesebeck München
() Bettina Flitner fotografierte Ayaan Hirsi Ali für ihr Buch: „Frauen mit Visionen“, Knesebeck München
Lesen Sie auch: Sylke Tempel: Die Luther des Islam Aziz Al-Azmeh: Mohammed und die Frauen An einem Novemberabend im Jahre 2001 fand im Amsterdamer politisch-kulturellen Zentrum „Balie“ eine Veranstaltung zum Thema „Voltaire und der Islam“ statt. Aus Anlass der niederländischen Übersetzung von Voltaires „Philosophischem Wörterbuch“ aus dem Jahr 1776 traf sich auf dem Podium eine bunte Gesellschaft. Die Diskussion der Teilnehmer war lebhaft, mit recht divergierenden Ansichten, doch als eine Philosophin anfing, aufklärerische Prinzipien in Frage zu stellen, und es mit der Lobeshymne auf die multikulturelle Gesellschaft zu bunt trieb, stand in den Zuschauerrängen eine Frau auf und erhob Einspruch. Sie sprach Niederländisch mit einem leichten Akzent und war schwarz – fast immer ein Grund, dass es in einem Saal mucksmäuschenstill wird. Diese Frau kritisierte die holländische Philosophin heftig und warf ihr vor, keine Ahnung vom Islam zu haben. Sie forderte die Intellektuellen und Politiker auf, den heutigen Zustand des Islam – den der übrigens ebenfalls anwesende Rechtsphilosoph Afshin Ellian als einen Zustand der „Verdunkelung“ bezeichnete – auf keinen Fall zu bagatellisieren, sondern, im Gegenteil, an den Pranger zu stellen. „Der Islam braucht entschieden eine Aufklärung. Lasst uns also nicht im Stich. Gönnt uns einen Voltaire.“ Nach Abschluss der Diskussion sprach ich sie an. Ich bat sie, etwas zu schreiben. Anderthalb Wochen später erschien in der Tageszeitung TROUW Ayaan Hirsi Alis Artikel „Gönnt uns einen Voltaire“. Es war ihr erster Artikel in einer Zeitung. Hirsi Ali, 1969 in Somalia geboren, flüchtete zuerst nach Saudi-Arabien und von da über Äthiopien nach Kenia. 1992 wurde sie zwangsverheiratet und floh weiter über Deutschland in die Niederlande, wo sie in Leiden Politologie studierte und sechs Jahre lang als Dolmetscherin und Übersetzerin für die Asylbehörde arbeitete. Im Herbst 2001 trat sie eine Stelle im Wissenschaftsbüro der sozialdemokratischen Partei PvdA an. In diesem ersten Artikel schildert Hirsi Ali ihre Erfahrungen mit dem Islam von innen heraus. Sie klärt darüber auf, dass viele der Auffassungen, die wir Nichtmoslems sonst nur den radikalen Moslems und Fundamentalisten zuschreiben, auch unter normalen Moslems gang und gäbe sind. „Der irrationale Hass auf die Juden und der Abscheu vor den Ungläubigen werden auf den Koranschulen gelehrt und täglich in den Moscheen gepredigt. Mehr noch: In Büchern und Artikeln, mit Hilfe von Tonkassetten und in den Medien werden Juden konsequent als Quell des Bösen dargestellt. Wozu diese Indoktrinierung führen kann, habe ich am eigenen Leib erfahren: Als ich zum ersten Mal einen Juden kennen lernte, wunderte ich mich, dass er ein ganz normaler Mensch aus Fleisch und Blut war.“ Hirsi Ali ist der Meinung, dass nur wenige Moslems dem Islam kritisch gegenüberstehen, es mangele an Selbstreflexion. Die Vorsicht und die Bequemlichkeit vieler westlicher Intellektueller und Politiker verstärkten diese Haltung noch. „Den Moslems in unserem Land haben die Fragen zum Islam und die Kritik daran nach dem 11. September sehr geholfen. Dadurch, dass man hier den dissidenten Stimmen ein Podium gibt, schafft man einen Gegenpol zu der einseitigen und geistlähmenden religiösen Rhetorik, der Millionen von Moslems täglich ausgesetzt sind.“

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