Die Macht der Indianer

Auf seiner Reise durch die USA trifft Richard Quest diesmal die Indianer von Navajo im Bundesstaat New Mexico. Sie werden von den politischen Parteien besonders intensiv umworben.

Mir wurde die Ehre zuteil, den Kuchen zuzubereiten. Und zwar nicht irgendeinen Kuchen, sondern einen ganz besonderen Kuchen für ein ganz besonderes Mädchen. Mit Beginn ihrer Pubertät feierte die Familie der 12-jährigen Kassidy, allesamt zum Stamm der Navajo gehörend, ein viertägiges Fest, um den Übergang der Tochter zum Frausein zu feiern. So fand ich mich in einer kleinen Hütte auf einer Ranch in New Mexico wieder, wo ich ein duzend Frauen jeden Alters dabei zusah, wie sie gemeinsam diesen riesigen Kuchen herstellten, der die ganze Nacht hindurch an einem Lagerfeuer gebacken wurde, ehe er sämtlichen Stammesmitgliedern serviert würde. Ich war bereits davor gewarnt worden, mich im Inneren der Hütte im Uhrzeigersinn zu bewegen, denn schließlich ist den Navajos jegliche Bewegung im Uhrzeigersinn heilig, da dies die Richtung der Zeit und des Lebens widerspiegele. Ich zögerte, in dieser heiligen Umgebung auf Politisches zu sprechen zu kommen, aber schon bald merkte ich, dass ich mir unnütz Sorgen gemacht hatte, denn jeder kam auf die Wahlen zu sprechen und erzählte mir, wen er wählen würde und warum. Der Bürgermeister von Gallup, der nächstgelegenen Stadt, hatte erst vorher erzählt, dass die Indianer selbst 140 Jahre nach ihrer Niederlage immer noch ein rückwärtsgewandtes Leben führten. Und dies nicht ohne Grund. Viele des Navajo-Stammes haben nicht einmal fließendes Wasser. Der Bürgermeister bemerkte, dass die USA ein Vermögen für den Aufbau einer Wasserversorgung im Irak ausgeben würden, aber dasselbe einfach nicht für die Bürger ihres eigenen Landes täten. Natürlich traf ich bei den Navajos überwiegend auf Demokraten. Republikaner sind dort dünn gesät. Aber diesmal war ich überrascht, wie sehr sich die Indianer darüber im Klaren sind, dass beide Parteien um ihre Stimmen kämpfen. Al Gore gewann 2000 im Staat New Mexico mit der hauchdünnen Mehrheit von gerade mal 366 Stimmen. Also glauben beide Seiten, dass sie im besten Fall den Staat gewinnen werden und im schlimmsten Fall die andere Partei zwingen, Zeit und Geld zu investieren. Und eins ist Politikern sowie Indianern klar: Beide wissen, dass die Stimmen der Indianer das Zünglein an der Waage in Staaten wie New Mexico sein könnten. Somit versuchen die Indianer, soviel wie möglich aus ihrem neugewonnenen politischen Gewicht zu machen.

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