Mit Orden geschmückt: Anatoly Shapiro und seine Frau Vita in ihrer New Yorker Wohnung
() Mit Orden geschmückt: Anatoly Shapiro und seine Frau Vita in ihrer New Yorker Wohnung
"Die Krematorien waren warm"

Der 27. Januar 1945 war ein Samstag. Deutsche Soldaten und SS-Wachmannschaften waren längst geflohen. Was Anatoly Shapiro sah, als sich die Eisentore öffneten, wird er nie vergessen. Ein Hausbesuch bei dem Mann, der Auschwitz befreite.

Das Schwarz-Weiß-Foto passt nicht so recht zwischen die grellbunten Landschaftsbilder. Fein gerahmt zeigt es einen ehemaligen Sowjetmajor in Uniform mit vielen Auszeichnungen auf der Brust. Das Porträt hängt im Wohnzimmer eines Mehrfamilienhauses auf Coney Island im New Yorker Stadtteil Brooklyn. „Dobrij Djen“, sagt Anatoly Shapiro und bittet mit einer einladenden Geste, auf dem Polstersofa Platz zu nehmen. Der Dolmetscher übersetzt. Shapiro ist 92 Jahre alt, spricht kein Englisch. Er lebt ja auch erst seit 14 Jahren in New York und russisch sprechende Juden gibt es hier genug. Selbst die Bedienungsanleitung im Aufzug ist in Kyrillisch geschrieben. Wenn Anatoly Shapiro die Jüdische Gemeinde in Brooklyn besucht, trifft er auf die Vergangenheit. In Iolana Liebermann zum Beispiel. Sie singt dort im Chor. Die heute 88-Jährige war in Ausch-witz. Sie ist eine der wenigen Überlebenden des Holocaust in der großen jüdischen Gemeinschaft New Yorks. Erst vor kurzem hat Iolana Liebermann erfahren, wer das Lager damals befreite: Kommandant Anatoly Shapiro mit seinem Bataillon. Shapiro ist gebrechlich. Er hat vor wenigen Monaten einen Herzinfarkt überstanden. Nur selten verlässt er die kleine Zwei-Zimmer-Wohnung. Er trägt einen dunkelblauen Schlafanzug, Hornbrille und dicke Plüschpantoffeln. Er schiebt sein Gehgestell zur Seite und lässt sich in einen Rollstuhl fallen. „Bring die Uniform und ein weißes Hemd“, bittet Shapiro einen Pfleger, der ihm tagsüber in der Wohnung hilft und der von der staatlichen Gesundheitshilfe „Social Security“ bezahlt wird. An der Jacke hängen 18 Medaillen, fünf russische Auszeichnungen und zwei rote Sterne. „Ich habe Auschwitz nicht als Jude befreit, sondern als Kommandant der Roten Armee. Darauf bin ich stolz.“ Shapiro zwängt sich mühsam im Rollstuhl in die Uniformjacke, streicht die Orden zurecht und erzählt: „Mein Bataillon bestand aus 900 Männern. Die Deutschen kämpften erbittert in Krakau. Wir hatten hohe Verluste, fast die Hälfte meiner Soldaten fiel.“ Nach der Befreiung Krakaus habe er zum ersten Mal den Namen Auschwitz gehört: „Einheimische Polen erzählten uns, dass in der Nähe ein Lager sei, in dem Juden eingesperrt wären. Ich wusste davon überhaupt nichts, schon gar nicht, dass dort Juden systematisch umgebracht wurden.“ Drei Tage nach dem Fall Krakaus erreichten seine Truppen das Lager, 60 Kilometer südwestlich von Krakau. Der 27.Januar 1945 war ein Samstag. Deutsche Soldaten und die SS-Wachmannschaften waren längst geflohen. „Wir brauchten fast drei Stunden, bis wir die verminten Tore entschärft hatten. Was ich dann sah, werde ich nie wieder vergessen. Skelette von Menschen kamen mir entgegen. Sie trugen Streifenanzüge, keine Schuhe. Es war eisig kalt. Sie konnten nicht sprechen, noch nicht einmal ihre Köpfe wenden. Ich habe ihnen auf Russisch entgegengerufen: ‚Die Sowjetarmee hat euch befreit!‘ Einige polnische Juden konnten mich verstehen, schauten mich aber nur ungläubig an und berührten mich an Armen und Händen.“ Was Shapiro dann erzählt, klingt auch 61 Jahre später auf dem weichen Sofa einer New Yorker Wohnung so unvorstellbar, wie es wirklich war: „Wir sind von Baracke zu Baracke marschiert. Durch den Wind waren wir bedeckt von Asche, der Schnee war schwarz. Die Krematorien waren noch warm. Auf einer Baracke stand das deutsche Wort ‚Damen‘. Als ich hineinging, war der Boden mit Blut und Exkrementen bedeckt. Tote Frauen lagen darin, dazwischen lebende, die nicht bekleidet waren. Der Gestank war bestialisch. Länger als fünf Minuten konnte man es dort nicht aushalten.“ Mehr als 1,5 Millionen Juden wurden in Auschwitz-Birkenau vergast. Knapp 8000 lebten noch, als Kommandant Shapiro und seine Truppen das Lager befreiten. „Wir kochten Gemüse- und Hühnchensuppe“, sagt der ehemalige Major, „doch viele konnten gar nichts essen, weil ihre Mägen überhaupt keine Nahrung mehr aufnahmen.“ Viele seiner Soldaten seien derart schockiert gewesen, dass sie Rache an den Deutschen üben wollten. Shapiro nimmt seine Brille ab, putzt die Gläser. „Aber ich habe mich entschieden dagegen gewehrt. Ich habe gesagt, dass man nicht alle Deutschen über einen Kamm scheren könne. Nur Hitler und seine Gefolgsleute müssten für ihre Taten zur Rechenschaft gezogen werden.“ Er wurde dennoch Zeuge von Plünderungen durch russische Soldaten. Anatoly Shapiro dreht sich zu seiner Frau Vita um, die schweigend im Sessel zugehört hat. „Sitzt die Jacke?“, fragt er sie. Vita nickt stumm. Kriegshelden wurden in der Sowjet-union öffentlich geehrt: Die Eroberer Berlins und Verteidiger Moskaus sind auf Briefmarken verewigt, mit Straßennamen ausgezeichnet und durch Beförderungen belohnt worden. Shapiro bekam zwei Rote Sterne an die Brust. „Es waren halt nur Juden im Camp“, sagt Shapiro ein wenig bitter, denn der Antisemitismus lebte auch nach 1945 weiter. „Als Jude in der Sowjetunion zu leben, war schwierig“, sagt Shapiro. „Über meine Erlebnisse in Auschwitz konnte ich nur im engsten Freundeskreis reden. Hätte ich öffentlich gesprochen, wäre ich ins Gefängnis gekommen. Auch in Schulen durfte ich nicht auftreten.“ Obwohl er nicht besonders religiös gewesen sei, sondern vielmehr ein überzeugter Anhänger des Kommunismus. Trotz aller Repressalien – seine Überzeugung änderte sich nicht. Nach dem Krieg arbeitete Shapiro in einer Waffenfabrik in Kaliningrad, schuftete in Sibirien und in der Ukraine als Bauingenieur. 1972 zog er als Rentner an den Stadtrand Moskaus. Von 130 Rubel im Monat konnte er sich und seine Frau nur mühsam ernähren. 1991, als der Eiserne Vorhang fiel, reiste er in die USA aus. „Wir konnten die vielen Aufmärsche der Neonazis nicht mitansehen“, sagt Vita, „sogar in der Nachbarschaft riefen sie ihre Parolen.“ Bei den Vorbereitungen zum 60. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz entdeckten Mitarbeiter des polnischen Präsidenten Alexander Kwasniewski im Museum von Auschwitz sein Bild. Sie fanden Shapiros Wohnort heraus und luden den alten Mann zu den Feierlichkeiten im Januar vergangenen Jahres nach Krakau ein. Shapiro sollte eine Rede im Slovacki Theater halten, direkt nach dem polnischen Präsidenten. Doch Shapiro winkte ab: „Mir ging es schlecht, und die Reise wäre zu beschwerlich gewesen“, sagt er. Zumindest zu einer Video-Botschaft ließ er sich überreden, aufgenommen in seiner New Yorker Wohnung. „Ich möchte mich an alle Menschen auf dieser Erde wenden: Vereinigen Sie sich und verharmlosen. Sie nicht das Böse, das begangen wurde. Auschwitz darf sich nie wiederholen.“ Jetzt, am Ende seines Lebens, erhielt Shapiro noch drei Auszeichnungen: Der polnische Generalkonsul in New York fuhr zu Shapiro nach Coney Island und überreichte ihm in seinem Wohnzimmer das „Cross of Merit“, die höchste polnische Auszeichnung. Shapiro saß im Rollstuhl, Vita im Sessel neben ihm. Vor ein paar Monaten würdigte die Stadt New York ihn als „Mann des Jahres“. Zuletzt wurde ihm vom russischen Präsidenten Wladimir Putin eine Medaille durch die Jüdische Gemeinde in Brooklyn übergeben. „Auszeichnungen haben mir nie besonders viel bedeutet“, sagt Shapiro. Manchmal, wenn die Schmerzen es erlauben, geht Anatoly Shapiro ins Konzert. Dann sitzt der alte Mann im Rollstuhl ganz hinten im Saal, hört dem Chor der Jüdischen Gemeinde zu und sieht auf der Bühne Iolana Liebermann stehen. „Doch meine Gedanken kreisen nur um die nächste Operation“, sagt Shapiro, „ich bin halt kein Kind mehr.“

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