Die Klima-Ikone wankt

Sachliche Fehler, Interessenkonflikte, Überheblichkeit: Der Führungsstil des Klimaratsvorsitzenden Rajendra Pachauri bringt das internationale Gremium in Misskredit. Der Mann, der angetreten war, die Welt zu retten, kämpft um sein politisches Überleben

Rajendra Pachauri
() Rajendra Pachauri
Was ist das wohl für ein Gefühl, eine billionenschwere Kapitalmacht hinter sich zu wissen? Unvorstellbar für unsereins. Doch dem Inder Rajendra Kumar Pachauri, Chef des UN-Weltklimarats IPCC (The Intenational Panel of Climate Change), ist dieses Gefühl vertraut. Anfang des Jahres, am 14. Januar, erlebte er – zumindest aus der Ferne – einen neuen Höhepunkt seiner exorbitanten Karriere. Während Pachauri zu Hause in Neu-Delhi die lukrative Zusammenarbeit seines eigenen Energieforschungsinstituts TERI mit dem isländischen „Global Center“ besiegelte und Islands Staatspräsidenten Ragnar Grimsson zur Verleihung des renommierten Nehru-Preises begleitete, trafen sich im UN-Hauptquartier in New York rund 400 institutionelle Investoren aus aller Welt zum historischen „Investors Climate Summit“. Die geballte Finanzmacht vertrat 13 Billionen US-Dollar Kapital. Einen Monat nach dem gescheiterten Klimagipfel von Kopenhagen forderte sie ganz in ­Pachauris Sinne von der US-Regierung und den globalen Entscheidungsträgern Rückendeckung in Form von verbindlichen Regeln zum Emissionshandel, zur Drosselung von Treibhausgasen und verstärkter Nutzung erneuerbarer Energien. „Das ist es, was Investoren erwarten“, sagte Kevin Parker vom Deutsche Bank Assetmanagement (DeAM), Hauptsponsor des Treffens – und zugleich eines von vielen Instituten, die von Pachauri persönlich beraten werden, während sie ihrerseits ihr Geschäft auf die Botschaften des Weltklimarats gründen. Gegen den Vorwurf des Interessenkonflikts setzte sich der IPCC-Chef energisch zur Wehr: „Mein Verhalten ist über alle Kritik erhaben.“ Alle Einkünfte aus Nebentätigkeiten – 100000 US-Dollar kamen allein von der Deutschen Bank – flössen in die Kassen von TERI, er erhalte persönlich „keinen Penny“, seine Unabhängigkeit sei nicht berührt. Rajendra Pachauri hat eine Mission. Das offizielle Foto zeigt Guru-ähnliche Züge. Gegnern bietet er die hohe, gewölbte Stirn. Das IPCC hat von seinen Managerqualitäten enorm profitiert. Es sah sich geschützt, wenn er Zweifel barsch abbügelte – was das UN-Gremium eine Zeit lang fast unangreifbar erscheinen ließ. Doch dieses solitäre, an Selbstherrlichkeit grenzende Selbstvertrauen bekam im Zuge des Rumors um gravierende Fehler und Übertreibungen im 4. Sachstandsbericht des IPCC bizarre, mitunter fast gespenstische Züge. Einen Report des indischen Umweltministers, der das vom IPCC behauptete Schmelzen der Himalaya-Gletscher bestritt, kanzelte Pachauri als „Voodoo-Wissenschaft“ ab. Als erste Rücktrittsforderungen laut wurden, erklärte er sich zur „unsinkbaren Molly Brown“ – eine Anspielung auf die amerikanische Frauenrechtsaktivistin Margaret („Molly“) Tobin Brown, die als Überlebende des Untergangs der Titanic berühmt wurde. Auch er werde nicht sinken, sagte Pachauri, sondern im Gegenteil noch „viel höher“ steigen. In einem Video der BBC, in dem er mit den Fehlern im IPCC-Bericht konfrontiert wird, sieht es aus, als lächle er von innen heraus. Pachauri, ein gläubiger Hindu, strikter Vegetarier und leidenschaftlicher Kricketspieler, lebt in einem der teuersten Viertel von Delhi. Disziplin, Ehrgeiz und vielfältige, systematisch aufgebaute Beziehungen begleiteten den Inder auf seiner, wie es auf der Homepage heißt, „wunderbaren Reise“. Dabei ist er, anders als vielfach angenommen, selber gar kein Klimawissenschaftler, sondern promovierter Eisenbahningenieur und Ökonom. Im August 1940 in Nainital in den nordindischen Kumaon-Bergen geboren, genoss er in seiner Heimat eine Elite-Ausbildung. Erste praktische Erfahrungen sammelte er im Management einer Diesellokfabrik in den USA. Pachauri übernahm Beraterfunktionen in Indien, kehrte als Ökonom wieder in die USA zurück. Er beriet zahlreiche Institutionen, darunter die Weltbank, das Entwicklungsprogramm der UN und die indische Regierung, übernahm die Leitung internationaler Komitees und Gesellschaften. 1999 ging er für drei Jahre nach Japan. Die Wahl zum neuen IPCC-Vorsitzenden erfolgte 2002 angeblich auf Druck der Amerikaner. Das UN-Gremium war der Öffentlichkeit damals noch kaum ein Begriff. Das änderte sich schlagartig mit dem 4. Sachstandsbericht im Frühjahr 2007, der erstmals einen menschlichen Einfluss auf die Erderwärmung für wahrscheinlich erklärte, und wenige Monate später mit dem spektakulären Friedensnobelpreis für das IPCC. Das Prestige und der politische Einfluss, die Pachauri damit zuwuchsen, sind fast unermesslich – und auf verträgliche Weise vielleicht in ein Menschenleben gar nicht zu integrieren. Die Vita verzeichnet die Mitgliedschaft in 78 nationalen und internationalen Gremien und 14 Ehrendoktortitel. Seine offizielle Biografie stilisiert den 69-Jährigen zum „führenden globalen Denker und Führer der Forschung“, dessen Name „zum Synonym für den Klimawandel“ geworden sei. Nach der Leitung des Weltklimarats und dem Nobelpreis, den er an der Seite von Al Gore für das IPCC entgegennahm, findet sich Rajendra Pachauri nunmehr „in eine dritte unbenannte Rolle als internationaler Staatsmann hineinkatapultiert“ – ein selbst ernannter Weltenführer ohne fachwissenschaftliche Basis und demokratische Legitimation.

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