Der Schlächter von Pjöngjang

Das Volk verhungert, doch sein Herrscher prasst: Kim Jong Il, Nordkoreas Diktator, führt abgeschottet vom landesweiten Elend ein exzentrisches Luxusleben. Wer gegen den marxistischen Despoten rebelliert, wird beseitigt – oder riskiert lieber die Flucht.

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Als gottähnlicher Herrscher von Nordkorea hatte sich Kim Il Sung in einem halben Jahrhundert nicht wenige Paläste gebaut. Sein Lieblings-Refugium lag jedoch in den frischen Kiefernwäldern der Berge von Mjohjang-San. Der Sommer kann heiß und feucht sein in Nordkoreas Hauptstadt Pjöngjang, die einige Stunden Fahrt über die Ebene entfernt liegt, aber die Gebirgsluft ist kühl und trocken. An diesem Ort beschloss der große Führer, den Präsidenten von Südkorea, Kim Young Sam, zu empfangen. Der Besuch sollte einen Wendepunkt in der Geschichte der koreanischen Halbinsel darstellen, die aufgrund des Atomwaffenprogramms des Nordens am Rande eines verheerenden Krieges stand. Sechs Wochen früher, am 1. Juni 1994, hatte Kim Il Sung den ehemaligen amerikanischen Präsidenten Jimmy Carter auf seiner Yacht empfangen und sie hatten sich auf den Plan geeinigt, den Norden und den Süden zusammenzubringen und das bittere Erbe des Korea-Krieges zu beenden. Obgleich Kim 82 Jahre alt war, hatte Präsident Carter ihn bei guter Gesundheit angetroffen. Plötzlich jedoch, zwei Wochen bevor der südkoreanische Präsident kommen sollte, erlitt Kim Il Sung einen Herzinfarkt. Er wurde nicht ins Krankenhaus gebracht und starb am folgenden Tag, dem 8. Juli, um 14 Uhr. Die offiziellen Medien glaubten, dass sein Tod durch schwere psychische Belastung verursacht wurde und berichteten später, dass die Ärzte auf den unbefestigten Straßen nicht imstande waren, die abgelegene Villa rechtzeitig zu erreichen. Als ein Land von 22 Millionen Menschen bereits zu trauern begann, verbreiteten sich Gerüchte, dass Kim Il Sungs Sohn und Erbe Kim Jong Il den Tod des Vaters verursacht hatte, um sich den Thron zu sichern und die Entspannungspolititk mit dem Süden zu sabotieren. Dies ist nicht die schlimmste Behauptung, die über Kim Jong Il von einigen jener 4000 Nordkoreaner verbreitet wird, die in den Süden geflohen sind, seitdem er oberster Herrscher seines Landes wurde. Zum ersten Mal ergibt sich ein klares Bild davon, wie Kim Jong Il, heute 62, aus dem Schatten trat, um nach der Macht zu greifen. Und seither, gegen alle Erwartungen, sein Land im eisernen Griff hält – trotz eines wirtschaftliches Zusammenbruchs, der Millionen von Leben gekostet hat. Bis Kim Jong Il vor einigen Jahren damit anfing, sich mit fremden Staats-oberhäuptern zu treffen, hatte er nur einen einzigen kurzen Satz in der Öffentlichkeit geäußert, das war 1992. Er war bekannt als rätselhafte, zwielichtige Figur, ein Playboy und Trinker mit einem Hang zum Filmbusiness. Als die amerikanische Außenministerin Madeleine Albright 2000 nach Pjöngjang reiste, um ihn zu treffen, wurde sie gewarnt, er sei ein extrem realitätsfremder Eremit, ein schwacher, vorsichtiger Mann, der unter seinem Stottern leide. Stattdessen fand sie einen charmanten, wenn auch exzentrischen Regenten vor, der ihr ganz vernünftig vorkam. Die wachsende Anzahl von Exilanten in Seoul, die ihr Schweigen brechen, zeichnen jedoch ein höchst beunruhigendes Bild. Ihr Kim ist ein skrupelloser Charakter, ein schreckenerregender und unbarmherziger Politiker, der seinen Vater jahrzehntelang manipulierte und dessen Anhänger terrorisierte.Die Exilanten aufzuspüren ist nicht immer einfach: Manche sind völlig in ihr neues Leben in Südkorea eingetaucht und wollen die Vergangenheit vergessen. Viele sind krank vor Schuld, ihre Familien verlassen und manchmal gar ihre Liebsten geopfert zu haben, um zu entkommen. Was sie außerdem verbindet, ist eine hingebungsvolle Verehrung für Kim Il Sung und brennender Hass auf seinen Sohn. „Er ist wahnsinnig. Niemand in unserer Geschichte ist je so grausam gewesen“, meint Lee Young-guk, der als Leibwächter für Kim Jong Il arbeitete. Lee, ein großer, ausladender Mann in einem blauen Anzug, greift unter den Kaffeetisch, um mir seine Schienbeine zu zeigen, die von einem Wulst blauer Narben bedeckt sind. In den elf Jahren, in denen er Dienst tat, hatte er jede Gelegenheit, den erstaunlichen Luxus in Augenschein zu nehmen, in dem Kim lebt. An dem Tag, als er in sein Elternhaus zurückkehrte, wo jedermann am langsamen Hungertod zu sterben schien, erlebte Lee einen Sinneswandel. Er entschied sich zur Flucht.

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