Zu Besuch bei Hans Stern - Der Herr der Steine

Er hatte in Essen ausgeharrt, bis es fast zu spät war. Dann kam das ersehnte Visum: Rio de Janeiro! Hans Stern, der Emigrant von einst, regiert heute ein weltweites Juwelenimperium.

Ein Mann, so zart und fragil wie ein Schattenriss. Ein Leben, romanhaft und abenteuerlich wie von Joseph Conrad erfunden. Und eine Erfolgsstory, die den Mythos des Tycoon variiert, der aus existenzieller Not zum Patriarchen eines Imperiums aufsteigt. Das ist der Stoff, aus dem die Biografie von Hans Stern gemacht ist, dem Gründer der Kette „H.Stern“, die heute zum erlesenen Club der zwanzig größten Juweliere der Welt gehört.
In der Nacht ist ein tropisches Gewitter über Rio hinweggefegt, durch den nassen Sand der Copacabana schnüren nur ein paar glücklose Andenkenverkäufer, die riesige Christusstatue auf dem Corcovado ist noch in dunstige Nebelschwaden gehüllt. Erste matte Sonnenstrahlen lassen die mürbweißen Fassaden der Hotels aufleuchten. Es ist 35 Grad heiß, aber Hans Stern trägt Anzug und Krawatte, so wie immer. Und zum Mittagessen gibt es Kartoffelsalat, nach einem Rezept, das von der Großmutter aus Deutschland stammt und seither an die weiblichen Familienmitglieder weitergereicht wird. Der Geschmack der Kindheit bleibt auf der Zunge, für immer, auch wenn der Genuss von Rotkohl und Königsberger Klopsen unter südlicher Sonne absurd scheinen mag. So wie die heimatlichen Rituale von Emigranten stets seltsam absurd anmuten. Aber nur in den Augen derer, die Widersprüche sehen statt Identität.
1938, als die Synagogen brannten und auch der kleine Elektroladen seines Vaters in Flammen aufging, war es höchste Zeit. „Der Bibliothekar des Kardinals von Köln hat uns versteckt“, erzählt Hans Stern. „Er hat uns das Leben gerettet.“ Und der Onkel in Rio, der ein Visum schickte, nach Essen, wo die Familie ausgeharrt hatte, bis es fast zu spät war. Hans Stern spricht ohne jede sichtbare Regung, sein schmales Gesicht behält jenen rätselhaften Ausdruck gelassener Gutartigkeit, der den Schrecken nur maskiert – in Wahrheit bewegt ihn das Thema tief, immer noch. Zu Hause, in seiner Bibliothek, stehen meterweise Bücher über das Dritte Reich. Gerade erwirbt er das Haus, in dem sich Stefan Zweig umbrachte, Emigrant wie er, geflüchtet in die Nähe von Rio, nach Petropolis, verzweifelt, gescheitert. Hans Stern will eine öffentlich zugängliche Gedenkstätte aus dem Haus machen, erklärt er. Sein Tonfall bleibt lakonisch. Dies ist ein Mann, der gelernt hat, seine Wunden zu verbinden.
Mit zehn Reichsmark und einem Koffer voller Bücher kam die Familie in Rio an. Hans Stern war sechzehn. Und tauchte ein in eine fremde, exotische Welt. „Ich war fasziniert von den offenen Straßenbahnen, von den ungewohnten Kontrasten zwischen Arm und Reich, aber auch von der Eleganz – man ging damals mit weißer Krawatte ins Kino“, erinnert er sich. Der Youngster entdeckte die Sambaclubs, den sanft irrlichternden Pulsschlag einer Musik, die er noch immer hört – auch auf seinem iPod, auf dem er außerdem vor allem klassische Musik gespeichert hat. Sein Musiklehrer in Essen hatte ihn die deutsche Klassik lieben gelehrt, Bach, Beethoven. In Rio spielte er noch hin und wieder Akkordeon. Lebensrettend wurde die deutsche Kultur aber zunächst ganz buchstäblich – die Familie verkaufte die mitgebrachten Bücher, das war ein Anfang.
Was Hans Stern blieb, waren Eigenschaften, die heute gern als Sekundärtugenden bezeichnet werden, bei deren Nennung er allerdings nicht den geringsten Unterton von Ironie spüren lässt. „Pünktlichkeit, Ordnungssinn, Fleiß, Ehrlichkeit“ zählt er auf. Die Tugend der Disziplin muss er erst gar nicht erwähnen. Das einzige Zugeständnis an sein Alter von 83 Jahren ist die Tatsache, dass er seit kurzem statt um acht Uhr erst um halb neun ins Büro geht. „Solange ein Mann sich psychisch und physisch gut fühlt, sollte er arbeiten“, stellt er fest. „Viele meiner Freunde haben sich mit sechzig Jahren zur Ruhe gesetzt. Und was war das Ergebnis? Sie wurden depressiv und langweilten sich buchstäblich zu Tode.“ Das wird ihm kaum passieren. Noch immer tut er sich schwer mit der Stafetten-übergabe an seine Söhne, noch immer hat er neue Ideen, noch immer expandiert er, auch in der alten Heimat, wo er gerade eine neue Filiale eröffnete, in Hamburg.
„Steine haben Magie“, sagt Hans Stern und nimmt vorsichtig, fast zärtlich eine Kette in die Hand, die aussieht, als habe sich eine Schatztruhe aus Tausendundeiner Nacht geöffnet. Aquamarine glühen auf, Amethyste – und grüne Turmaline, seine Lieblingssteine. „Das ist nicht einfach Schmuck. Manche Leute sagen, dass Steine heilen können, andere tragen sie als Talisman“, erklärt er. „Diese Kultur existiert seit tausenden von Jahren. Dennoch ist es ein Phänomen, das man nicht erklären kann.“
Es war ein langer Weg vom schüchternen Jungen, der im schwarzen Anzug auf der Copacabana posierte, bis zum Herrn der Steine. An Schule ist nicht zu denken für den jugendlichen Emigranten, der in Essen das Gymnasium besucht hatte. Er verdingt sich als Stenotypist, bekommt einen Job in einem kleinen Philatelistenladen. Stundenlang sitzt er mit der Pinzette über die Briefmarken gebeugt und ordnet sie in Alben ein. Er sammelt sie noch heute. „Die DDR habe ich komplett“, sagt er, und seinem sphinxhaften Gesicht unterläuft ein bleistiftfeines Lächeln.
Der nächste Job aber verändert sein Leben – er landet bei einem Juwelier. Und gründet bald sein eigenes Unternehmen, das passend zur Neudefinition der Geschlechterrollen zunehmend eine neue, revolutionäre Definition des Luxus umsetzte: „Wearable and effortable“ – tragbar und erschwinglich soll der Schmuck heute sein. Als Hans Stern begann, schmückten noch waghalsig spendable Herren Gattinnen und Geliebte mit straußeneigroßen Smaragden und schweren Diademen. Deshalb hatte er die Idee, die Steine zu zertifizieren – als Liebesbeweise mit bleibendem Wert. „Heute kaufen die Frauen“, räsonniert er, „das Design ist ihnen wichtiger als der Wert, deshalb machen wir die meisten Umsätze mit Schmuck nur zwischen 300 und 3000 Euro.“ Aber es gibt sie noch, die prunkenden Preziosen aus kostbar schimmerndem Geschmeide, die schon mal eine halbe Million kosten können und von den Touristen in der Stern-Zentrale in Rio so andächtig bestaunt werden, als sei’s die Mona Lisa.
Bis auf den heutigen Tag reist Hans Stern zu seinen Minen im Inland Brasiliens, in schwer zugängliche Gebiete, wo er als junger Mann nur zu Pferde vorwärts kam. Wo Glücksritter und Wegelagerer lauerten, in einer nahezu gesetzlosen Welt, für die man Verwegenheit brauchte und Pioniergeist. Wo Flussbetten durchsiebt und ganze Berge abgetragen wurden, auf der rastlosen Suche nach Edelsteinen, die sich unter den Händen der Schleifer in das verwandeln, was als „girl’s best -friend“ gilt.
Zum Abschied schenkt Hans Stern mir Samba-CDs. „Ich gehe noch heute manchmal in diese Clubs, am liebsten ins ‚Gafieira‘, da kommen alle hin, ob arm oder reich.“ Da ist es wieder, dieses winzig feine Lächeln. „Wenn Sie das nächste Mal kommen, gehen wir Samba tanzen.“

Christine Eichel leitet das Cicero-Ressort Salon. 2004 erschien ihr Roman „Im Netz“ (Hoffmann & Campe)

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