Der Diktator spricht Deutsch

Nordkoreas Staatschef Kim Jong-il ist schwer krank. Das dürfte der Grund dafür sein, dass er nun seine Nachfolge regelt. Sein jüngster Sohn soll ihn beerben. Doch wer ist Kim Jong-un, von dem es nur ein Kinderbild gibt?

Kim Jong Il bei Abnahme einer Parade in Pjöngyang
() Kim Jong Il bei Abnahme einer Parade in Pjöngyang

Vor noch nicht allzu langer Zeit schnallte sich Kim Jong-un regelmäßig die Skier an und raste mit seinen Klassenkameraden Schweizer Pisten hinab. Heute gilt der jüngste Sohn des nordkoreanischen Diktators Kim Jong-il als dessen Nachfolger. Die Machtübergabe könnte sehr viel schneller vonstattengehen als vorgesehen. Im August vergangenen Jahres erlitt Kim Jong-il einen Schlaganfall. Der 26-Jährige wäre dann Herrscher über ein Land mit 24 Millionen Einwohnern und der Atombombe.

Dass die Wahl auf den jüngsten Sohn Kim Jong-un fällt, ist ungewöhnlich. Lange Zeit war Kim Jong-ils Erstgeborener Kim Jong-nam vorgesehen. Doch der 37-Jährige hat das Vertrauen seines Vaters verloren, seitdem er 2001 mit falschem Pass in Japan erwischt wurde. Er habe, verteidigte er sich, unerkannt Disneyland in Tokio besuchen wollen. Der Zweitgeborene, Kim Jong-chol, leidet an einer Krankheit, die seinen Körper zu viele weibliche Hormone produzieren lässt – weshalb ihn der Vater, so der Ex-Koch des Diktators, der Japaner Kenji Fujimoto, „zu weibisch“ findet. Der jüngste Sohn hingegen habe eine „große innere Stärke, ist in prächtiger physischer Verfassung, kann viel trinken und gibt sich niemals geschlagen“, sagt Fujimoto.

Viel weiß man nicht über den Nachfolger – nur dass er einen großen Teil seiner Jugend in der Schweizer „International School of Berne (ISB)“ in Gümlingen verbrachte. Bis 1998 war er dort unter dem Namen Chol Pak angemeldet. Im Alter von fünfzehn Jahren jedoch verließ er die Schule ohne Abschluss. „Er war ein schüchterner und introvertierter junger Mann“, erinnert sich sein kanadischer Klassenkamerad Ron Schwartz, der mit Kim Jong-un in der Basketball- und Schwimmmannschaft war. „Er bewunderte Michael Jordan und Jean-Claude Van Damme.“

Auch der ehemalige Direktor der Schule, David Gatley, erinnert sich gut an diesen Schüler: „Er war kein Angebertyp und ist häufig dazwischengegangen, wenn sich zwei geprügelt haben. Er hatte viele Freunde unter den amerikanischen Diplomatenkindern.“ Die Unterrichtssprache Englisch musste er sich erst aneignen, meisterte sie nach kurzer Zeit jedoch recht gut. Auch „Deutsch und Französisch“, erzählt Gatley, „hat er bei uns gelernt.“

Niemand wunderte sich, dass der junge Nordkoreaner jeden Tag mit einem Wagen der Botschaft abgeholt wurde. Schließlich stammte etwa die Hälfte der 280 Schüler aus Diplomatenfamilien. „Es kam nicht selten vor, dass die Kinder von den Geheimdiensten ihrer Heimatländer bewacht wurden“, erläutert Gordon Adler, der von David Gatley die Schulleitung übernahm. Man war der Überzeugung, dass es sich bei Chol Pak um den Sohn des Botschaftschauffeurs handelte. Auch die Schweizer Behörden wussten nichts über die Anwesenheit von Kim Jong-ils jüngstem Sprössling. Seltsam fanden einige seiner Schulkameraden und Lehrer jedoch, dass er stets von einer Art Leibwächter namens Kwang Col begleitet wurde, einem „hünenhaften und schroffen jungen Mann“, erinnert sich Ron Schwartz, „der Basketball mit uns spielte. Er war in derselben Klasse wie Chol Pak, obwohl er wesentlich älter war.“

Landwirtschaftsingenieur Hans Ulrich Reusser, der in Nordkorea ein Agrarprojekt leitete, erinnert sich an eine Begegnung im schweizerischen Thun Ende der neunziger Jahre. „Der Übersetzer der Botschaft, mit dem ich verabredet war, brachte einen jungen Mann von 15 Jahren mit und gab ihn als seinen Sohn aus, der uns bei der Übersetzung von Fachbegriffen helfen sollte. Der Junge war sehr an unserem Projekt interessiert, helle und selbstsicher. Erst viel später wurde mir klar, dass es sich ohne jeden Zweifel um den Sohn des Präsidenten gehandelt hatte.“ Denn überzeugend war die Geschichte des Übersetzers ohnehin nicht. Während der „Vater“ kein Wort Deutsch sprach, beherrschte der „Sohn“ sogar Schweizerdeutsch.

Wird Kim Jong-ils Nachfolger einiges von den demokratischen Werten, die er in der Schweiz kennengelernt hat, anwenden und das paranoide Regime in Pjöngjang reformieren? Seit er die ISB verließ, hat sich der athletische junge Mann wohl verändert. Laut Berichten der südkoreanischen Nachrichtenagentur Yonhap ist Kim Jong-un inzwischen ein 90 Kilo schwerer Mann, der an Diabetes leidet. Nach wie vor sieht sich der leidenschaftliche Basketballfan jedes Spiel der amerikanischen Liga NBA über Satellit an. Bekannt ist auch, dass er von 2002 bis 2007 an der Kim-Il-sung-Universität, einer Kaderschmiede für die nordkoreanische Armee, eine militärische Ausbildung absolvierte. Aber bis heute hat Kim Jong-un noch keinen wichtigen Posten innegehabt. Genau wegen dieses Mangels an Erfahrung, behaupten Experten, wird der neue Führer gewählt. Dem derzeit wirklichen Herrscher Nordkoreas, Kim Jong-ils Schwager Jang Song-taek, der über eine solide Machtbasis unter zivilen und militärischen Kräften verfügt, kann er so nicht gefährlich werden.

Foto: Picture Alliance

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