"Dankbar sind nur Hunde"

Josef Stalin privat: seine Frauen, seine Henker, seine Juden, sein Charme. Simon Sebag Montefiores neues Werk „Der Hof des Roten Zaren“ entschlüsselt den Tyrannen – und gibt Einblick in die Zentrale der wohl finstersten Gewaltherrschaft der Geschichte.

Josef Stalin auf seiner Datsche mit Tochter Swetlana (Allilujewna), 1935
() Josef Stalin auf seiner Datsche mit Tochter Swetlana (Allilujewna), 1935
Kira Simonitsch hatte grüne Augen und ungewöhnlich lange Beine. Sie war die Schönste im inneren Kreis. Und natürlich hieß es, Josef Stalin habe auch mit ihr geschlafen. Das bleibt unbewiesen, doch die letzte Begegnung zwischen den beiden ist ausführlich bezeugt. Sie fand im November 1939 statt, auf einer Party in der Datscha des Gatten Kiras, General Grigori Kulik. Die Creme der Moskauer Gesellschaft war erschienen; Stalin, der überall Giftmischer witterte und seinen eigenen Wein mitbrachte, hatte sich selbst eingeladen. Sein Leibtenor Iwan Koslowski musste wie immer die Lieblingsmelodien des Genossen Generalsekretär schmettern, einschließlich der Verdi-Arie von den trügerischen Weiberherzen. Worauf Kira und ihre Freundinnen sich um Stalin scharten und eine Primaballerina ausrief: „Wir trinken auf deine Gesundheit, Josef Wissiaronowitsch, und jetzt küsse ich dich im Namen von uns allen.“ Stalin küsste zurück und prostete den jungen Frauen zu, aber dann muss Kira ein Fehler unterlaufen sein – als sie einen Moment allein mit dem „Woschd“ (Führer) beim Klavier stand und auf ihn einredete. Stalin wandte sich ab und legte eine Schallplatte auf. Alle tanzten, er nicht. Ein paar Monate später wurde Kira Kulik, immerhin Ehefrau eines stellvertretenden Verteidigungsministers, auf dem Weg zum Zahnarzt in ein Auto gezerrt und nie wieder gesehen. Zwei Tage nach Kiras Verschwinden gab Stalin eine Kostprobe seines Humors: Er beförderte ihren Mann zum Marschall der Sowjetunion. Freilich wurde Kuliks Freude durch die fortwährende Abwesenheit seiner Gattin getrübt. Tapfer wandte er sich an Lawrentij Berija, den Sicherheitschef mit der blitzenden Brille und dem wissenden Lächeln. Bei einer Tasse Tee in der Lubjanka, dem Sitz des NKWD, griff Berija zum Telefon und ließ sich mit Stalin verbinden: „Marschall Kulik sitzt vor mir. Nein, er kennt keine Einzelheiten; sie ging aus dem Haus und kam nicht wieder. Ja, Genosse Stalin, wir veranlassen eine unionsweite Suchaktion.“ Sowohl Berija wie auch Stalin wussten, wo Kira Kulik sich in diesem Augenblick befand: unter Berijas Büro, in den berüchtigten Kellern der . Bald darauf wurde die serbische Schönheit, eine geborene Gräfin Simonitsch, zu Wassilij Blochin gebracht, Stalins liebstem Henker. Der künftige Generalmajor trug bei der „Schwarzarbeit“ (Stalin) eine lederne Metzgerschürze über der Uniform und führte penibel Buch über seine Erschießungen von eigener Hand. Von den polnischen Offizieren, deren Leichen die deutsche Wehrmacht 1941 im Wald von Katyn entdeckte, hatte Blochin persönlich 7000 umgebracht – in einer schalldichten Baracke, in 28 Nächten der Trigger Happiness. Auch Kira mit den grünen Augen wurde im Frühling 1940 von Blochin durch Kopfschuss exekutiert. „Der Tod löst alle Probleme.“ Dieser im wahren Wortsinn lapidare Leitsatz wird Stalin zugeschrieben, er könnte aber ebenso gut von Lenin stammen. Der hatte den Georgier im April 1918 nach Zaritsyn an der unteren Wolga mit dem Auftrag entsandt, „gnadenlos“ gegen potenzielle Konterrevolutionäre vorzugehen. Stalin fuhr in einem gepanzerten Eisenbahnzug mit 400 Rotgardisten und der 17-jährigen Schreibkraft Nadja Allilujewa los und beruhigte Lenin: „Unsere Hand wird nicht zittern.“ Der Salonwagen, in dem der Revolutionär Quartier bezog, hatte einem berühmten Zigeuner-Sänger gehört und war mit hellblauer Seide ausgelegt. „Hier (in Zaritsyn) erkannte Stalin die Bedeutung des Todes als einfachstes und wirkungsvollstes Mittel der Politik“, schreibt der britische Historiker Simon Sebag Montefiore. Die zeitliche Festlegung ist anfechtbar: Der 39-jährige Josef Dschugaschwili, der den Kampf-namen „der Stählerne“ bevorzugte, hatte da schon manches Menschenleben auf dem Gewissen, auch von lästigen Mitkämpfern. Erst in Zaritsyn jedoch, an der Spitze einer Einheit, die vor allem als Erschießungskommando arbeitete, mag Stalin ganz zu sich selbst gefunden haben – mitgerissen wie seine neuen Kumpanen Woroschilow und Budjonni vom „Glamour der Gewalt“, der die kommunistischen Machos mit ihren schwarzen Stiefeln und Lederjacken und Mauser-Pistolen umwehte. Für die minderjährige Nadja, Tochter des mit Stalin eng befreundeten Bolschewiken-Ehepaars Allilujew, waren das aufregende Erlebnisse. Noch im seidenen Salonwagen dürfte der Teenager mit den großen braunen Augen Stalins Geliebte geworden sein; bei der Rückkehr nach Moskau wurde geheiratet. Zaritsyn bekam vom späteren Herrscher des Sowjetreiches, vermutlich aus sentimentalen Gründen, dessen eigenen Namen verliehen. Von 1925 bis 1961 hieß die Großstadt an der Wolga Stalingrad – wie heute noch eine Pariser Metro-Station. Simon Sebag Montefiore, Jahrgang 1965, hat einen saftigen Wälzer nicht nur über Stalin geschrieben, sondern über das Herz der wohl finstersten und folgenschwersten Gewaltherrschaft der Geschichte. Sein Buch wird nicht nur von allen Sowjetologen, sondern auch von so gegensätzlichen Zeitzeugen wie John Le Carré und Henry Kissinger gepriesen. Als einer der Ersten hat Sebag Montefiore in Archiven wühlen dürfen, die bis zum Jahr 2000 unter Verschluss standen, und die Enkel einstiger Sowjetgrößen kramten für ihn in ihren Erinnerungen. In „Stalin – der Hof des Roten Zaren“ wartet der Autor kaum mit steilen Theorien, vergleichender Genozidwissenschaft oder auf Sensation zugespitzten Analysen auf, sondern er legt ein schwungvoll gebündeltes Tatsachen-Paket vor, in dem Altbekanntes mit Tausenden neuer Details und mit ungewohnten Perspektiven aufgefrischt wird. Diese Art der Geschichtsschreibung verbindet den Durchblick des Historikers mit der Unmittelbarkeit des Reporters. Nach dem Film „Der Untergang“ hat die deutsche Kritik sich nervös gefragt, ob es erlaubt sei, das Ungeheuer Hitler zu vermenschlichen. Der Brite Sebag Montefiore hat kein Problem damit, das Humane im Monströsen zu enthüllen. In seiner Darstellung wird Josef Stalin mit 53 zu einer tragischen Gestalt, zur Mitleid erregenden, schluchzenden Kreatur – als seine junge Nadja, die Geliebte der Strafexpedition nach Zaritsyn, die Gefährtin 14 gemeinsamer Kreml-Jahre, die Mutter seiner Kinder Wassilij und Swetlana sich im Alter von 31 Jahren mit einer zierlichen Damenpistole erschießt. Der Selbstmord Nadeschda Sergejewnas habe Stalin „gefällt“, schreibt Sebag Montefiore: „Dieses extrem politische Wesen, mit seiner Gleichgültigkeit gegenüber Millionen verhungernder Frauen und Kinder, hat damals mehr Menschlichkeit bewiesen als irgendwann sonst in seinem Leben.“ Kein richtiger Superlativ, das – wenngleich Selbstmitleid durchaus ein menschlicher Zug ist. Der Grundtenor von Stalins Wehklagen lautete: „Wie konnte sie mir das nur antun?“ Nadja war chronisch depressiv und litt an schweren Migränen. Zudem war ihrem Selbstmord nur um Stunden eine jener klassischen Kreml-Partys vorausgegangen, die für sich allein wie eine Ermunterung zum Suizid wirken. Gefeiert wurde, wie so oft, in den Gemächern des Ehepaars Woroschilow. Es war der 8. November 1932, der 15. Jahrestag der Oktober-Revolution. Wie einst im Zarenreich gab es im Kreml des Sozialismus sämtliche Delikatessen Europas; beim Alkoholverbrauch jedoch wurde das Ancien Régime von der Avantgarde des Proletariats weit übertroffen. Deren Benehmen ließ auch sonst zu wünschen übrig. „Pfauen bei der Parade, Schweine im Salon“, fasste der britische Journalist William Cobbett zusammen. Saufgelage des Politbüros konnten durchaus in johlend bejubelten Furz-Konzerten kulminieren. Stalin machte sich einen Jux daraus, Mikojan oder Molotow durch Trink-Duelle an den Rand des Erbrechens zu bringen. An dem Abend flirtete der angesäuselte Generalsekretär unter den Augen seiner Frau mit der leicht bekleideten Filmdame Galja Jegorowa. Danach wollte er die Aufmerksamkeit der gedemütigten Nadja wiedergewinnen, indem er sie mit Apfelsinenschalen und Zigarettenkippen bewarf, was in der Kremlgesellschaft als Galanterie galt. „He du, trink was!“, habe Stalin – wie einige Gäste erzählten – seiner Frau zugerufen. „Mein Name ist nicht ‚He du‘!“, soll Nadja aufgeschrien haben, ehe sie weinend hinausstürzte. Polina Molotowa brachte sie nach Hause und glaubte, sie beruhigt zu haben; da Stalin aber den Rest der Nacht außerhalb des Kremls verbrachte, womöglich mit der Jegorowa, bekam Nadja einen weiteren, nun fatalen Verzweiflungsanfall. Oder hatte der ominöse Selbstmord vom November 1932 politische Hintergründe, wie manche der Nachgeborenen behaupten? Die ausschweifende Feier fand zu einer Zeit statt, als die Zwangskollektivierung mit der Ausrottung der Kulaken – zehn Millionen Tote – ihrem Höhepunkt zustrebte und Stalin der ersehnten „Endlösung der Bauernfrage“ (Donald Rayfield, London University) recht nahe gekommen war. Wie viel Nadja davon wusste, wie viel die Kreml-Damen überhaupt von dem massenmörderischen Treiben ihrer Ehemänner oder Liebhaber mitbekamen, hat auch Sebag Montefiore nicht befriedigend ermitteln können. Doch unter den Trinksprüchen gab es in jener Nacht einen, der die Champagnergläser mit Frost beschlagen haben müsste: „Auf die Vernichtung der Staatsfeinde!“ ließ Stalin anstoßen – wobei Nadja sich geweigert haben soll, ihr Glas zu heben. Als sie am anderen Morgen in ihrem Schlafzimmer auf dem Boden liegend aufgefunden wurde, begriffen alle Kreml-Insassen, dass der Selbstmord Staatsgeheimnis bleiben musste. Stalinas Pistolenschuss in die eigene Brust wäre sogar von treuen Parteigenossen als Geste des ohnmächtigen Protests missverstanden worden – so furchtbar litt damals Russland. Dem durch Niedergeschlagenheit und zu viel Alkohol entschlussunfähig gewordenen Stalin musste die Genehmigung einer pietätvollen Legende abgerungen werden: Nadja sei an einer Blinddarm-Entzündung gestorben. Das Ärzteteam des Kremls, auf Weisung der Partei vom hippokratischen Eid entbunden, verfasste ein entsprechendes Attest. Nadjas vier engste Freundinnen – Polina Molotowa, Golda Woroschilowa, Dora Khazan und Maria Kaganowitsch (alle jüdischer Herkunft) – unterzeichneten eine Beileidsbekundung für die Prawda. Der einstige Flickschuster Lazar Kaganowitsch, bester Redner des Politbüros und gerade zurück von Massenhinrichtungen unter den Kosaken, musste die Traueransprache halten. „Nadja Allilujewa ist aufgewachsen in der Familie eines Arbeiters“, tremolierte er prosaisch. „Sie war mit unserer Partei somit organisch verbunden…“ Nadjas Leichnam wurde präpariert wie für ein Hollywood-Begräbnis. Karl Pauker, Kommandant der Leibwache Stalins und lange Jahre auch sein Hofnarr, choreografierte die massiven Bekundungen spontaner Volkstrauer. Das Musikkorps der Roten Armee und ein Symphonie-Orchester wechselten einander bei der Untermalung ab. Als früherer Schminkmeister und Friseur der Lemberger Oper verstand Pauker etwas von Regie. Fünf Jahre später ließ der Diktator seinen schrillen spitzbärtigen Spaßmacher ohne Grund erschießen. „Dankbarkeit ist eine Hundekrankheit“, pflegte Stalin zu sagen. Aber der Mensch im Monster brach einmal noch hervor, als der Leichnam Nadeschda Sergejewnas in der Säulenhalle aufgebahrt lag und der Sarg zugenagelt werden sollte. Das Gesicht von Tränen überströmt, gebot Stalin den Totengräbern Einhalt und warf sich auf den Katafalk. Er zog Nadja an beiden Schultern aus dem Sarg und küsste leidenschaftlich das eiskalte, mit Rouge überschmierte Gesicht. Trauernde in den ersten Reihen schluchzten auf angesichts der menschlichen Regung des Zaren, doch für die treuen Freundinnen der Verblichenen gingen an jenem Tag – im Rückblick betrachtet – die glücklichen Kreml-Jahre zu Ende. „Welch herrliche Zeit war es gewesen!“, seufzte die Woroschilowa Jahre später in ihrem Tagebuch. Ja, those were the days – als man im Zauberkreis der Macht noch seines Lebens halbwegs sicher war, wohlbehütet an der Seite des großzügigen, charmanten „Woschd“. Das waren noch Zeiten, als der allgemeine Terror nur draußen im Lande wütete und Millionen Menschen liquidierte, sich aber noch nicht, nun „Großer Terror“ genannt, seine Opfer auch im engsten Zirkel um Stalin suchte: selbst unter den Frauen, sogar unter den Henkern, und ganz besonders unter den Juden. Erst Nadjas Selbstmord, für Stalin ein „Dolchstoß in den Rücken“, habe im Diktator die Paranoia wuchern lassen; erst auf diesen Tiefschlag hin seien Säuberungswahn und antisemitische Mordlust ausgebrochen, deutet Sebag Montefiore an. Aber wenn die Abkömmlinge von Mikojan und Molotow, von Schdanow und Malenkow und Chruschtschow ihrem Interviewer diesen Eindruck vermittelten – hatte dies nicht auch ein wenig damit zu tun, dass es ablenkte vom Blut an den Händen der Großväter? Im Kreml wurde nach der obligaten Trauerpause so krass gefeiert und gesoffen wie vorher. Unter Top-Bolschewiken herrschten Lebenslust und Höhenrausch selbst in den blutigsten Jahren – wohl um den Horror besser zu verkraften. Die Führung des Sowjetreichs war wie ein inzestuöses Familienunternehmen, die Umwälzung wurde durchgepeitscht von einem winzigen, eng verflochtenen Klan, der abgebrüht aus dem terroristischen Untergrund und blutbespritzt aus dem Bürgerkrieg hervorgegangen war. Wenige hatten wie Stalin die 50 überschritten, die meisten waren „schneidige, energische Fanatiker Ende der 30, die dynamischsten Menschenverwalter, die die Welt je gesehen hat, die ganze Städte und Industrien aus dem Boden zu stampfen vermochten, ihre Widersacher zu massakrieren gewohnt waren und gegen die eigene Bauernschaft einen Vernichtungskrieg entfesselten“ (Sebag Montefiore). Ganze Familien stiegen gemeinsam auf, wie die vielen Brüder und Schwestern von Lazar Kaganowitsch, und Kinder von Politbüro-Mitgliedern heirateten, wie einst der Adel, gerne untereinander. Partei- und Polizeigrößen speisten und feierten mit ihren Frauen ständig im Kollektiv. Auch während des Hungermords und der Massendeportationen urlaubte die Vorhut der Weltrevolution geschlossen an der Schwarzmeer-Riviera. Der Witwer im Kreml wechselte die Wohnung, ließ sich eine Luxus-Datscha bauen, ein Mönchsdasein aber führte er nicht. Frauen umschwirrten ihn wie Motten das Licht – diesen kleinwüchsigen, pockennarbigen, nach Pfeifentabak stinkenden Provinzler mit dem lahmen linken Arm, der selten die Kleider wechselte. Sein unmäßig fetter Leibwachenchef Nikolai Wlassik bestätigte Swetlana, dass ihr Vater schon zu Nadjas Zeiten kein Kostverächter war und aus manchem Fan-Brief einen „One-Night-Stand“ herauszuholen wusste. Gerade Nadjas Verwandtschaft, die Allilujew-Damen, „wollten alle mit ihm ins Bett“. Es war denn auch Stalins Schwägerin Jewgenja Allilujewa – die Frau (und baldige Witwe) von Nadjas Bruder Pawel – die sich als Erste an den Trauernden heranwagte. Genja war 36, eine lebenslustige Popentochter aus Nowgorod, blond und blauäugig, stupsnasig und voller Grübchen. Stalin verbrachte viel Zeit mit ihr, schätzte ihre Singstimme und ihre Kenntnis ordinärer Liedchen. Als das Verhältnis um 1938 eingeschlafen war, erfuhr Jewgenja durch den gefürchteten NKWD-Chef Berija von Stalins Wunsch, sie möge ihm „den Haushalt führen“. Aber da war Genja gerade in einen jüdischen Ingenieur verliebt, den sie auch prompt heiratete – worauf sie aus dem Kreml verbannt wurde. Verhältnisse mit dem „Woschd“ waren keine Lebensversicherung. Nach dem Krieg wurde Jewgenja Allilujewa wegen ihrer Freundschaft zu „zionistischen Kreisen“ in den Gulag gesteckt. Sie überlebte einen Selbstmordversuch und kam erst nach dem Hinschied des Tyrannen aus der Lubjanka frei. Noch 1974, im Jahr ihres Todes, hat Genja ihre Verehrung für Stalin beteuert. „Die Grundlage seiner Macht in der Partei war nicht Furcht, sondern Charme“, behauptet Sebag Montefiore. „Wenn Stalin es sich in den Kopf setzte, jemanden für sich zu gewinnen, war er unwiderstehlich.“ Aus den Erinnerungen vieler Gesprächspartner geht hervor, dass das Gesicht des Massenmörders „ausdrucksvoll und lebhaft“ war, seine Bewegungen „sparsam und elegant“. Kinder fühlten sich von ihm „ernst genommen wie Erwachsene“. Besucher waren beeindruckt von der Nachdenklichkeit des pfeifenrauchenden, aufmerksam zuhörenden Diktators. Selbst Gegner wie Milovan Djilas fanden seinen groben Humor „nicht ohne Hintersinn und Finesse“. Besonders bei den einfachen Genossen erweckte der langweilige Redner Stalin mehr Vertrauen als der rhetorische Feuerwerker Trotzki. Und bei den Frauen war es nicht allein der Sex-Appeal der schieren Macht, der sie in seinen Bann zog. Seine Schüchternheit machte Stalin sympathisch, wenn kein Wodka im Spiel war, und die Aura der Einsamkeit weckte mütterliche Instinkte. Hinzu kam eine persönliche Großzügigkeit, die selbst bei Multimillionären selten ist. Der Hausvater des Kremls übte rührend Fürsorge. Auf einer Liste, die er bei sich trug, waren alle Familienmitglieder der Elite eingetragen, und Stalin notierte mit blauem Stift ihren jeweiligen Bedarf an Limousinen, Chauffeuren und Leibwächtern, an Kindermädchen und Privatlehrern, Urlaubsquartieren und Wochenend-Datschas. Da schon Lenin im Rolls-Royce fuhr, war es in Ordnung, für die Kreml-Familie aus Amerika einen Wagenpark von Buicks und Packards und Cadillacs einzuführen. Neidisch forderte der Geheimdienstchef Genrich Jagoda 60 000 Goldrubel an, damit seine Schergen sich nicht deklassiert fühlten und ihre Menschenjagd ebenfalls mit Luxuslimousinen betreiben konnten. Warum die junge, grünäugige Kira Kulik, geborene Simonitsch, auf offener Straße verschleppt und von Blochin erschossen wurde, ist nicht ganz klar. Sebag Montefiore meint, sie habe ihren hohen Gast Stalin mit dem Wunsch verärgert, ihren Bruder aus dem Gulag zu entlassen; der reagierte auf so etwas allergisch. Aber warum gleich erschießen? Im November 1939 hatte der Diktator wenig Grund zu schlechter Laune. Hitlers Außenminister Ribbentrop war nach Moskau gekommen, um einen Nichtangriffspakt zwischen dem Dritten Reich und der Sowjetunion zu schließen und die Zerstückelung Polens zu vereinbaren. Stalin meinte, Hitler überlistet zu haben – und seinen Spaß hatte er auch noch: Er zwang den Nazi Ribbentrop zu einem Toast ausgerechnet auf Lazar Kaganowitsch, und er setzte im Bolschoi-Theater Wagners „Walküre“ aufs Programm. „Nur, den Wotan wird ein Jude singen“, verkündete Kulturpapst Schdanow mit dröhnender Lache. Büßte die arme Kira etwa für ihren Mann, den zum Sowjetmarschall erhobenen, aber notorisch untüchtigen General Kulik? Stalin hat ihn erst elf Jahre nach seiner Frau, 1951, wegen einer Lappalie erschießen lassen. Indessen war es durchaus üblich, in einer Variante der Sippenhaftung die Frauen der Magnaten als Geiseln zu benutzen, zu quälen oder umzubringen. 1938 hat NKWD-Chef Berija die Gattin des sowjetischen Staatsoberhaupts Michail Kalinin in den Gulag gesteckt, aus dem sie acht Jahre später, auf Bitten des an Krebs sterbenden Präsidenten, wieder frei kam. Wenn Menschen mit Gnadengesuchen an ihn herantraten, pflegte Kalinin zu erwidern: „Aber sehen Sie doch, ich kann ja nicht einmal meine eigene Frau aus dem Lager holen!“ Papa Kalinin war Stalin in „hündischer Ergebenheit verbunden“ (Donald Rayfield), hing an seinen Privilegien, war erpressbar wegen seiner Affären mit Ballett-Elevinnen und führte, während seine Frau im Gulag saß, eine „wilde Ehe“ mit einer Haushälterin aus der Aristokratie. Im postkommunistischen Russland des einstigen KGB-Mannes Wladimir Putin wird Königsberg (oder was davon übrig ist) weiterhin mit dem Namen „Kaliningrad“ besudelt. Wenn die Kalinina Glück hatte, zu überleben, gilt das noch mehr für Polina Molotowa, die jüdische Frau von Stalins treuestem Mitkämpfer, dem „Eisenarsch“ und langjährigen Außen- und Premierminister Molotow. Zwar hatte die Sowjet-union als erste Großmacht der Welt den Staat Israel anerkannt, aber das geschah in Stalins irrtümlicher Annahme, in Palästina einen jüdischen Ableger des Sowjetreichs installieren zu können. Als die israelische Sonderbotschafterin Golda Meir, geborene Myerson, im September 1949 nach Moskau reiste, wurde sie von Polina Molotowa, geborener Karp, in einer Sprache angeredet, die verschämt als „Österreichisch“ bezeichnet wurde. Es handelte sich indessen um Jiddisch und war beiden geläufig. Für Josef Stalin, dem nichts entging, war dies ein klarer Beweis dafür, dass die Juden sich weltweit zur Fünften Kolonne der Amerikaner entwickelten. „Es wird Zeit, dass du dich scheiden lässt“, gab er Molotow zu verstehen. In der Tat haben Polina und Wjatscheslaw Molotow gehorsam ihre Ehe aufgelöst. Ihre Liebe aber half Polina, den Terror zu überleben – was so vielen anderen aus der Umgebung des Diktators nicht gelang. Besonders die Frauen waren gefährdet, auch die, die Stalin während der frühen Revolutionsjahre geliebt oder sehr geschätzt hatte. Bis in die dreißiger Jahre hinein war er „von Jüdinnen umgeben“, schreibt Sebag Montefiore, „von jungen hübschen Jüdinnen, die mehr an Kleidern und Spaß und Affären interessiert waren als am dialektischen Materialismus“. Die blutigen Pogrome im Zarenreich hatten den Bolschewiken viele Anhänger jüdischer Herkunft beschert, und Stalin – als Georgier selber Angehöriger einer Minderheit – hatte für sie zunächst Sympathien. Wie die Paranoia ihn zum Antisemiten machte, wie er die Frauen seiner Kampfgefährten und ausgedienten Henker der eigenen Folter- und Mordmaschine auslieferte, ist ein beklemmendes Kapitel. Der Wahnwitz muss gegen Ende selbst ihm gedämmert haben. Ein Name fiel Stalin ein, und er wandte sich an den alten Haudegen Semjon Budjonni mit der Frage: „Was ist eigentlich aus Serditsch geworden?“ Der Reitergeneral erwiderte ohne Zögern: „Melde gehorsamst, erschossen!“ Worauf Stalin missmutig dreinblickte und vor sich hin murmelte: „Schade, ich wollte ihn zum Botschafter in Jugoslawien machen.“ Simon Sebag Montefiore "Stalin – The Court of the Red Tsar", Verlag Alfred A. Knopf, New York, 2004, auf deutsch bei S. Fischer.

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