Airport, please!

Es sind nur drei Kilometer von der Stadt bis zum Flughafen Bagdad. Eine Fahrt auf der gefährlichsten Autobahn der Welt.

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Es gibt nur diese Straße. Jeder muss hier lang. Saddam Hussein ließ die Autobahn zum Flughafen vor 25 Jahren bauen. Damals stellte er sicher, dass an dem letzten Teilstück regimetreue Sunniten wohnen. Das ist bis heute so. Es wäre ein Euphemismus, die Fahrt gefährlich zu nennen. Aus der Deckung der Häuser wird das Feuer auf vorbeifahrende Wagen eröffnet. Von diesen Gebäuden werden auch viele der am Straßenrand versteckten Bomben ferngezündet. Es ist den Amerikanern unmöglich, diese Strecke zu sichern. Obwohl sie alles versuchen. Die Palmenhaine, die Aufständischen einst Deckung boten, wurden abgeholzt. Überall stehen Panzer und gepanzerte Fahrzeuge. Schwer bewaffnete Patrouillen versuchen, für Sicherheit zu sorgen. Vergebens. So sehr die US-Armee diese lebenswichtige Verkehrsader auch zu kontrollieren versucht, so sehr wird die Strecke von den Aufständischen torpediert. Beide Seiten wissen: Die Flughafenstraße ist zum Symbol für die Sicherheit im ganzen Land geworden. Die Aufständischen haben die Oberhand. Jedes Mal, wenn ich zum Baghdad International Airport muss, frage ich mich, ob ich die Fahrt überleben werde. Fast allen meinen Kollegen geht es so. Stephen Farrell, ein Freund und journalistischer Irak-Veteran von der London Times, umschreibt es so: „Du hast die Wahl zwischen drei Optionen. Es ist relativ wahrscheinlich, dass eine davon eintreffen wird. Entweder es wird auf dich gezielt geschossen, weil du Ausländer bist. Oder dein Fahrer kommt einem amerikanischen Militärkonvoi zu nah, der gerade angegriffen wird. Oder aber ein Selbstmordattentäter sprengt sich mit seinem Wagen neben dir in die Luft.“ Und da das alles nicht nur ab und an, sondern meist mehrmals täglich passiert, gilt die Flughafenstraße zurzeit als die tödlichste Strecke der Welt. Jeder hat seine eigene Überlebensstrategie für diese drei Kilometer entwickelt. Journalisten wählen meist zwischen der sichtbaren und der unsichtbaren Methode. Beide habe ich in mehreren Varianten ausprobiert. Unsichtbar fahren bedeutet, in einem alten Auto mit irakischem Fahrer und wenn möglich auch Beifahrer zu sitzen. Ohne sichtbare Waffen, ohne schusssichere Westen. Keine TV-Aufkleber, keine westliche Kleidung. Als Frau ist es zumindest für eine kurze Autofahrt relativ leicht, sich unsichtbar zu machen; tief im Sitz versinken und den Kopf mit einem großen schwarzen Tuch verhüllen. Der Fahrer rast die Strecke entlang, was gut gehen kann, aber nicht gut gehen muss – vor allem, wenn man keinen hundertprozentig verlässlichen Fahrer hat. Seitdem Kidnapping im Irak zum Volkssport geworden ist, ist das mit dem Vertrauen so eine Sache. Die Alternative besteht darin, meine Sicherheit für mindestens zweieinhalbtausend US-Dollar pro Strecke in die Hand von Profis zu legen. Die holen einen ab, stecken dich in eine kugelsichere Weste, dann in ein gepanzertes Fahrzeug und setzen sich schwer bewaffnet daneben. Begleitfahrzeuge sichern die Strecke und tauschen sich per Funk aus. Neben dem Preis hat diese Methode vor allem den Nachteil, dass man Aufmerksamkeit erregt. Meine professionellen Begleiter wissen so gut wie ich, dass Panzerwagen und Schutzweste spätestens dann sinnlos werden, wenn sich ein Selbstmordattentäter neben uns in die Luft sprengt. Immer wieder ist der Asphalt der dreispurigen Autobahn von Kratern aufgerissen. Krater, die von erfolgreichen Attentaten zeugen. Wracks ausgebrannter Zivil- und Militärfahrzeuge am Straßenrand erinnern an die Gefahr. Als ich das letzte Mal vom Flughafen Richtung Innenstadt unterwegs war, bin ich gemeinsam mit Kollegen in einen Stau geraten. Wenige hundert Meter vor uns hatte ein Fanatiker seinen sprengstoffbepackten Wagen in einen US-Konvoi gelenkt. Als wir nach zwei Stunden endlich weiterfahren konnten, rauchte das Wrack des ausgebrannten Militärfahrzeugs noch immer. Wären wir nur Minuten früher losgefahren, hätte es uns erwischt. Auf dem Rückweg eine Woche später versperrte uns ein US-Panzer plötzlich den Weg. Darauf US-Soldaten mit Gewehren im Anschlag. In dieser Situation Fragen zu stellen, wäre lebensgefährlich gewesen. In solchen Situationen reicht ein irakischer Autofahrer, der einfach keine Lust hat zu warten, und die Amerikaner eröffnen das Feuer. Man kann das – wenn man nicht gerade selber in solch einem Wagen sitzt – sogar nachvollziehen Auf dieser Straße werden ihre Kameraden fast täglich getötet. In diesem Fall passierte nichts. Kein Blut, kein Schusswechsel, keine Toten. Glück gehabt. Nach zahlreichen Kontrollen an diversen Checkpoints saß ich schließlich in der Abflughalle. Die fünf Stunden Verspätung meines Fluges nach Amman waren mir egal. Genau wie die Granateinschläge, die in der Nähe zu hören waren. Denn der Weg zum Flughafen lag hinter mir. Katrin Sandmann ist Irak-Korrespondentin von Sat1 und N24

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