Jackie O. - Stil ist das Gegenteil von Styling

Jacqueline Kennedy erkannte: Stil besteht aus Einfachheit. Klingt simpel, kann aber unglaublich schwer sein

Jacqueline Kennedy und Aristoteles Onassis
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Alexander Grau ist promovierter Philosoph und arbeitet als freier Kultur- und Wissenschaftsjournalist. Er veröffentlichte u.a. „Hypermoral. Die neue Lust an der Empörung“ und „Kulturpessimismus. Ein Plädoyer". Im September erscheint von ihm „Politischer Kitsch. Eine deutsche Spezialität“ bei Claudius.

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Was ist eigentlich Stil? Ist ja eine naheliegende Frage für eine Stilkolumne. Und eine schwierig dazu. Das liegt zunächst daran, dass wir zwei Verwendungen des Wortes „Stil“ haben: den Stil als Epochenmerkmal und den Stil als Lebensart. Beide haben wenig miteinander zu tun – könnte man meinen.

Die Feststellung, jemand habe Stil (oder eben nicht) ist eindeutig wertend gemeint und nimmt Zeitlosigkeit für sich in Anspruch. Anders die Zuordnung zu einem Epochenstil. Die betont das Zeitgebundene und ist rein beschreibend: ein Tisch im Biedermeierstil, ein Gemälde im Stil des Expressionismus.

Aber es gibt ja noch die Mode: Und in der wird versucht, das eine mit dem anderen zu vermischen. Der Grund dafür liegt auf der Hand: Die Modeindustrie möchte gerne beides für sich in Anspruch nehmen: Zeitgeist und Zeitlosigkeit, die absolute Hippness, aber auf irgendwie zeitlose Weise.

Das geht natürlich nicht. Bösartig formuliert: Entweder ich habe Modebewusstsein oder Stil. Menschen die jedem neuen Modekram hinterhecheln, haben alles mögliche – Stil ganz sicher nicht.

Aber Stil ist eben auch nicht einfach nur zeitlos. Dann würden wir heute noch in Seidenstrümpfen, Kniehosen und gepuderten Perücken an der Supermarktkasse stehen. Stil orientiert sich an einigen wenigen Leitideen und versucht diese zeitgemäß zu interpretieren. Die großen Stil-Ikonen haben das schon immer gewusst: Audrey Hepburn, Grace Kelly oder – Jacqueline Lee Bouvier, verheiratete Kennedy, verheiratete Onassis.

Arbeitet man sich heute durch die unendliche Anzahl an Fotos, die uns von Jacqueline Kennedy Onassis erhalten sind, ist man immer noch verwundert. Gut, dass die Gattin des 35. US-Präsidenten als Stil-Ikone gilt und als ewiges Vorbild geschmackvoller und gelungener Kleidungskultur, das ist alles andere als neu.

Und auch, dass sie in einschlägigen Rankings ziemlich sicher auf dem ersten oder im schlimmsten Fall zweiten Platz landet, ist eine Art Selbstläufer. Dennoch ist man immer wieder verblüfft, wie zeitlos klassisch, modern und geschmackssicher die First Lady auf den immerhin 50 Jahre alten Aufnahmen wirkt. Das muss man erst einmal hinbekommen.

Erstaunlich ist ihr souveräner Umgang mit dem Zeitgeist

 

Dabei geht es gar nicht um die berühmten und daher langweiligen Accessoires: Pillbox-Hütchen, Jackie Bag – alles schön gut, tausendmal gehört und tausendmal gesehen. Nein, was an dem Outfit Jaqueline Kennedys auch heute noch – oder gerade heute – beeindruckt, ist die Klarheit ihres Auftretens, das Schnörkellose, die kompromisslose Linie.

Klar, auch die Kleider der Kennedy waren Ausdruck ihrer Zeit. Sie war modisch gekleidet. Aber eben nicht nur. Gerade die frühen 60er kannten ihre kitschigen Verspieltheiten, ihre Schleifchen, Bändchen und Broschen. Und selbst wenn bei der First Lady aller First Ladys das eine oder andere Detail aus heutiger Sicht zu sehr dem damaligen Modegeschmack verhaftet ist: erstaunlich ist, wie souverän sie mit dem Zeitgeist umgegangen ist.

Stil, das zeigt kaum ein Beispiel so schön wie Jaqueline Kennedy, ist die Fähigkeit, aus dem permanenten Modezirkus das herauszugreifen, was eben nicht modisch ist, sondern über den Tag hinaus bestand hat – oder haben könnte.

Ehrlicher Weise muss man allerdings sagen, dass die Kennedy es auch einfach hatte. Die frühen 60er Jahre markieren einen Höhepunkt in der Modeentwicklung der Moderne. Was in den 20er Jahren begann und nach dem Zweiten Weltkrieg wieder aufgegriffen wurde, findet hier seine ästhetische Vollendung: Tragbarkeit, Schlichtheit, Alltagstauglichkeit, klare, einfache Schnitte: exemplarisch dafür steht das Etuikleid.

Es ist daher auch kein Wunder, dass viele Modeikonen diese Jahre repräsentieren. Und das gilt nicht nur für Kennedy, Hepburn und Co., sondern auch für Cary Grant und andere.

Die frühen 60er Jahre sind die Jahre eines sich ankündigenden Umbruchs. Die Schnitte und Farben erreichen ein Maximum an klassischer Modernität – zumindest im Sinne von Adolf Loos („Ornament als Verbrechen“). Zugleich aber orientiert sich die Mode sozial noch an Strukturen, die an die Gesellschaft des 19. Jahrhunderts erinnert. Modebildend ist die Ästhetik des gehobenen Bürgertums, der man nachzueifern versucht – und sei es mit Burda Schnittbögen.

Nur zehn Jahre später sieht diese Modewelt komplett anders aus. Modeprägend werden die Subkulturen, die Kleidungsnormen wandeln sich in kürzester Zeit grundsätzlich. Zugleich wird die Haute Couture experimenteller, nicht zuletzt aufgrund des Erfolges der Prêt-à-poter-Mode seit ihrer Begründung durch Pierre Cardin in den 50er Jahren.

Dass Jaqueline Kennedy allerdings nicht nur Glück, sondern tatsächlich einen stilsicheren Geschmack hatte, beweist sie in den 70er Jahren. Denn seien wir ehrlich: In welchem Jahrzehnt war es schwerer, sich einigermaßen geschmackvoll anzuziehen?

Stil ist Einfachheit

 

Die zur „Jackie O.“ gewandelte Jaqueline Kennedy Onassis schaffte es, auch in diesem modisch eher schwierigen Umfeld, die Klippen der meisten Modesünden zu umschiffen.

Damit zeigte sie, dass Stil nicht darin besteht, sich in ein Chanel-Kostüm zu schmeißen, eine Perlenkette umzuhängen und ein Hütchen aufzusetzen. Stil besteht in etwas, das sich so einfach anhört, doch mitunter sehr schwer ist: Einfachheit.

Wenn man sich durch die Aufnahmen Jaqueline Kennedys über mehrere Jahrzehnte und Modewellen hinweg durcharbeitet, fällt immer wieder auf, wie einfach sie letztlich gekleidet war: Eine Grundidee, ein paar Basics, schlichte prägnante Farben, kaum Schmuck, fertig. Stil ist das Gegenteil von Styling.

Man sei dann geschmackvoll gekleidet, soll sie einmal sinngemäß gesagt haben, wenn sich alle daran erinnern, dass man hervorragend ausgesehen habe, aber niemand mehr sagen könne, was man getragen habe.

Am 19. Mai 1994, morgen vor 20 Jahren, ist Jaqueline Bouvier Kennedy Onassis in New York gestorben.

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