Kinder Afghanistans - Augen, die zu früh zu viel gesehen haben

Normalerweise lichtet er Models und Designerkleider für Hochglanzmagazine ab. Die größte Herausforderung aber fand der Fotograf Ruvan Wijesooriya in Afghanistan. Vor seiner Kamera: Schulkinder mit Traumata – und Träumen

Sie blicken würdevolll, fast feierlich: Diese afghanischen Schüler sind in einem Jahrbuch erschienen
Ruvan Wijesooriya

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Katharina Pfannkuch studierte Islamwissenschaft und Arabistik in Kiel, Leipzig, Dubai und Tunis. Sie veröffentlichte zwei Bücher über das islamische Finanzwesen und arbeitet seit 2012 als freie Journalistin. Neben Cicero Online schreibt sie u.a. auch für Die Welt, Deutsche Welle und Zeit Online.

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Mit festem Blick schaut Taiba in die Kamera. Nur schwach deutet das Mädchen ein Lächeln an. Ihre Hände stecken in den Taschen ihres dunklen Mantels, das weiße Kopftuch liegt lose auf ihrem Hinterkopf und fällt locker über die zierlichen Schultern der Fünftklässlerin. „Ich möchte Ärztin werden“, steht unter dem Foto. Auch Taibas Klassenkameradin Lyda blickt ernst. Ihr Berufswunsch: Polizistin. Soriya hingegen lächelt offen und neugierig unter ihrem akkurat sitzenden Kopftuch in die Kamera. Fast meint man, beim Betrachten ihres Porträts das Kichern der Zehnjährigen zu hören. Pilotin, das ist ihr Traumberuf.

Taiba, Lyda und Soriya leben im afghanischen Mir Bacha Kot, rund 25 Kilometer nördlich von Kabul. Hier standen die drei Mädchen vor der Kamera von Ruvan Wijesooriya. „Für die meisten von ihnen war es das erste Mal“, erinnert sich der 37-Jährige, der extra aus New York anreiste, um insgesamt 238 Schülerinnen und Schüler der „Roots of Peace“-Schule zu fotografieren und sie von ihren Träumen erzählen zu lassen. Für die überwiegend ernsten Gesichtsausdrücke hat Wijesooriya eine einfache Erklärung: „Diese Kinder kennen Porträtfotos fast nur von Generälen oder Märtyrern, also imitierten sie deren Ernsthaftigkeit“. Und so lächeln zwar einige von ihnen ausgelassen in die Kamera, viele blicken jedoch würdevoll, fast feierlich. Auch Taiba.

Dass sie zur Schule gehen kann, ist keine Selbstverständlichkeit in ihrer von Krieg und patriarchischen Strukturen gezeichneten Heimat. Noch vor rund zehn Jahren besuchten nur rund 900.000 Kinder und Jugendliche überhaupt die wenigen Schulen des Landes. Mädchen waren vom öffentlichen Bildungswesen nahezu ausgeschlossen. Heute machen sie fast 40 Prozent der mittlerweile über acht Millionen Schüler in Afghanistan aus – zumindest bis zu einem gewissen Alter: „Sobald sie in die Pubertät kommen, verschwinden sie meist aus den Schulen und leben sehr zurückgezogen“, erzählt Wijesooriya. Die Momente davor hat er in beeindruckenden Bildern festgehalten.

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Auch für Wijesooriya war die Arbeit mit den afghanischen Kindern eine ganz neue Erfahrung: Normalerweise stehen Profi-Models vor der Kamera des New Yorker Fotografen. Er macht Kampagnen für Designer wie Roberto Cavalli, rückt Produkte von Samsung ins rechte Licht oder fotografiert Modestrecken für Magazine wie Elle und Vogue. Er hat sich einen Namen in der New Yorker Modewelt gemacht, war sogar Vorlage für eine Figur in der weltweit erfolgreichen TV-Serie „Gossip Girl“.

Von der High Society nach Afghanistan und zurück
 

Mit dieser Glitzerwelt könnte das Herzensprojekt des 37-Jährigen kaum weniger zu tun haben: Aus seiner ehrenamtlichen Arbeit mit den afghanischen Schulkindern aus dem kleinen Mir Bacha Kot entstand nun das „Yearbook Afghanistan“ – ein virtuelles Fotoalbum und zeitgeschichtliches Dokument, in dessen Fokus die Kinder eines Landes stehen, das sonst nur als Schauplatz von Krieg und Krisen gilt. Ein besonderes Erlebnis für den erfahrenen Fotografen und seine unerprobten Nachwuchs-Models: „Sie genossen die Erfahrung sichtlich. Diese Kinder haben fast nie Gelegenheit, sich zu entspannen, glücklich zu sein und im Mittelpunkt zu stehen. Genau das passiert aber, wenn man ein Porträt macht.“

Grund zu Entspannung und kindlicher Ausgelassenheit gibt es in Mir Bacha Kot selten. „Die Gegend war früher übersät mit Landminen“, erzählt Wijesooriya. Später fanden viele Kriegsflüchtlinge ihren Weg in die noch immer ärmliche Region, die heute multiethnisch geprägt ist. Viele Kinder wachsen ohne Eltern und in großer Armut auf. 2011 hörte der Fotograf zum ersten Mal von der Arbeit der NGO „Roots of Peace“, die sich nicht nur dem Kampf gegen Landminen verschrieben hat, sondern auch mehr Mädchen in Schulen bringen will. Spontan bot er der Organisation an, die „Roots of Peace“-Schule zu unterstützen. Mit einem Fotoprojekt natürlich.

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„Ich war noch nie so konzentriert bei der Arbeit”
 

Spuren von Krieg und Fundamentalismus werden auch auf seinen Fotos sichtbar: Ernste Augen, die zu früh zu viel gesehen haben, schmächtige Körper, die Entbehrungen erahnen lassen, Kopftücher, die schon die Haare der Erstklässlerinnen bedecken. Und doch zeigen die Bilder auch den ganz eigenen Charakter eines jeden Kindes.

Die Einzelporträts ergänzt Wijesooriya mit Aufnahmen aus dem Schulalltag: Er fängt einen ersten zaghaften Flirt ein, zeigt pubertierende Jungs, die sich in einer Mischung aus Stolz und Verlegenheit in Szene setzen, dokumentiert den Spaß, das Lachen und die Albernheiten der Kinder. Geostrategische Überlegungen, außenpolitische Abwägungen und  nachrichtendienliche Zahlen dürfen hier zur Nebensache werden. Im „Yearbook Afghanistan“ geht es um Momente einer ganz normalen Kindheit – die viel zu schnell zu Ende geht.

Kern des Projekts bleiben jedoch die Jahrbuch-Aufnahmen. Denn von ihnen haben auch die Kinder am meisten: „Schon beim Fotografieren verstand ich, dass gerade hier vermutlich das einzige Bild aus dieser Zeit des Lebens der Kinder entsteht”. Der Profi gibt zu: „Ich war noch nie in meinem Leben so konzentriert bei der Arbeit“. Alle Schüler erhielten einen Abzug von ihrem ganz persönlichen Foto. Die Idee des Jahrbuchs hat in Wijesooriyas Heimat, den USA, eine feste Tradition, mit der er ganz bewusst spielt. „Das Jahrbuch bildet einen Katalog von Gesichtern, in dem wir eines Tages rückblickend blättern können. Auf unprätentiöse Weise verbindet sich so Dokumentation mit Kunst“. Auch Zukunftsszenarien spielt der Betrachter unweigerlich beim Blick auf die Fotos durch, wenn er überlegt, ob aus Taiba eines Tages wohl wirklich eine Ärztin und aus Soriya eine Pilotin wird.

Er wolle der Öffentlichkeit eine andere Perspektive auf Afghanistan öffnen, erklärt Wijesooriya: „Weniger dramatisiert, weniger komponiert, weniger militarisiert und weniger orientalistisch. Dafür ehrlicher und humaner, auch die einfache Schönheit zulassend. Und vor allem: In realistischem Maße hoffnungsvoll“. Das gelingt ihm. Ausgerechnet ein Fotograf, der beruflich in der so oft so künstlichen, die Perfektion auf die Spitze treibenden Mode- und Promiwelt zuhause ist, bringt Menschlichkeit in einen politischen Diskurs.  

Auch an Wijesooriya selbst ging die Erfahrung in Afghanistan nicht spurlos vorbei. Nur wenige Tage nach seiner Rückkehr nach New York fotografierte er für die Vogue auf dem Ball des Metropolitan Museum of Art, einem der gesellschaftlichen Höhepunkte des Jahres. „Da wurde mir der Gegensatz zwischen dieser Welt und den Kindern, die nicht einmal fließendes Wasser haben, erst richtig bewusst“, erinnert er sich, noch immer nachdenklich.

Würde er wieder nach Afghanistan reisen? Wijesooriya zögert nicht lange: „Falls ich die Gelegenheit dazu bekomme, sofort“. Wenn es so weit ist, kann er sich selbst davon überzeugen, was aus den Hoffnungen seiner Foto-Schützlinge geworden ist. Oft sind es ganz bescheidene Hoffnungen, deren Erfüllung dennoch unsicher ist. So wie die von Suraj aus der achten Klasse, der fast übermütig in die Kamera lacht. „Ich wünsche mir Frieden für Afghanistan, damit ich mich darauf konzentrieren kann, es bis auf die Uni zu schaffen“.

Fotos: Ruvan Wijesooriya

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