Helene Fischers Schlager - Kitschig, verklemmt und kleinbürgerlich

Nach kitschigeren Texten als denen von Helene Fischer sucht es sich vergeblich - sogar in der Welt der Schlager. Am schwersten zu ertragen ist jedoch der Widerspruch zwischen dem gesungenen Verlangen und der Biederkeit ihrer Performance

Helene Fischer an ihrem 30. Geburtstag
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Autoreninfo

Alexander Grau ist promovierter Philosoph und arbeitet als freier Kultur- und Wissenschaftsjournalist. Er veröffentlichte u.a. „Hypermoral. Die neue Lust an der Empörung“. Im Oktober erscheint sein Essay „Kulturpessimismus. Ein Plädoyer“ bei zu Klampen.

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Alexander Grau

Keine Ahnung, wann ich das erste Mal Helene Fischer wahrgenommen habe. War es vor zwei Jahren oder vor drei? Ich weiß es nicht mehr. Aber im Grunde spielt es auch keine Rolle.

Auch danach habe ich mich mit Jelena Petrowna Fischer, wie sie mit bürgerlichem Namen heißt, nie wirklich beschäftigt. Es war eher so, dass ich sie irgendwann nicht mehr ignorieren konnte: auf den Titelseiten von „Bild“ und „Münchener Abendzeitung“, „Bunte“ und „Gala“, auf den Portalen der Email-Dienste.

Erstaunlich eigentlich, dass ich Helene Fischer so lang übersehen habe. Ihre ersten Charterfolge, so lerne ich auf ihrer Homepage, stammen immerhin aus dem Jahr 2008. Das ist sechs Jahre her. Sechs Jahre! Wo war ich nur in dieser Zeit? Auf dem Mond? Aber wahrscheinlich hört man da auch Helene Fischer. Egal, auf jeden Fall veröffentlichte sie vor sechs Jahren ihr drittes (!) Studioalbum. „Zaubermond“ hieß dieses Wunderwerk. Es erreichte, so lerne ich, Platz 2 der deutschen Album-Charts. Aha.

Seitdem reihte sich Erfolg an Erfolg. 2009 erhielt Frau Fischer zwei Echos. Ihr viertes Album mit dem verheißungsvollen Titel „So wie ich bin“ erreichte in Deutschland wiederum Platz 2, in Österreich, wo das Schlimme meistens noch etwas schlimmer ist, Platz 1.

2011 – das Internet ist in der Tat ein lehrreiches Medium – erklomm Helene Fischers fünftes Album, es trägt den anrüchigen Titel „Für einen Tag“, Platz 1 in Deutschland, ebenso in den Niederlanden, in Österreich Platz 2. Donnerwetter. Ich muss in einer Parallelwelt leben mit Parallelfreunden und Parallelbekannten.

Ein Liebespaar in der Nacht. Wie originell.
 

2013 erreichte die Karriere der Helene Fischer ihren – wir dürfen vermuten: vorläufigen – Höhepunkt. In diesem Jahr erreichte ihr Album „Farbenspiel“ in Deutschland, Österreich und der Schweiz Platz 1.

Auf „Farbenspiel“ findet sich Fischers größter Hit: „Atemlos durch die Nacht“, Platz 3 in den Deutschen Singlecharts, Platz 1 in – richtig geraten – Österreich.

Ehrlich gesagt: Mit „Atemlos durch die Nacht“ ging es mir wie mit Frau Fischer selbst. Ich wusste, dass es das Lied gibt, dass es erfolgreich ist und ein Hit. Im Grunde aber war es mir vollkommen unbekannt – bis zum 15. Juli. Da hatte Frau Fischer ihren großen Auftritt bei der Weltmeisterschaftsfeier in Berlin.

Zugegeben, ich habe instinktiv wegklickt, als sie zu den Anfangstakten ihres Megahits auf die Bühne stolzierte. Wie nachlässig das war, kapierte ich eine Wochen später. Da kursierte im Netz nämlich ein putziger Clip, der zwei – na? richtig! – österreichische Streifenpolizisten zeigte, die „Atemlos durch die Nacht“, nein, nicht mitsangen, sondern mitperformten.

Machen wir es kurz: Halb schuldbewusst, halb von professioneller Neugier getrieben, schaute und hörte ich mir den Clip von „Atemlos“ an, mitten am helllichten Tag. Den Atem verschlug es mir dennoch.

Das Lied schildert, beginnen wir mal so, die Nacht eines Liebespaares, das „durch die Straßen und die Clubs dieser Stadt“ zieht, „bis ein neuer Tag erwacht.“ Wie originell. Dann wird auf die Perspektive des weiblichen Parts geblendet: „Ich schließe meine Augen, lösche jedes Tabu, Küsse auf die Haut, so wie ein Liebes-Tattoo, oho, oho“.

Und nun geht es richtig zu Sache: „Deine Augen ziehen mich aus“, „Spür’ was die Liebe mit uns macht“, „Wir sind heute ewig, tausend Glücksgefühle“, „Wir sind unzertrennlich, irgendwie unsterblich“. Und so geht es weiter, „Atemlos durch die Nacht“, „Atemlos einfach raus“, „Atemlos, schwindelfrei, großes Kino für uns zwei“.

Klar, Schlager sind keine Hochlyrik. Schlager sind Kitsch, eine Aneinanderreihung von Klischees. Aber selbst an diesen Maßstäben gemessen, ist „Atemlos“ bodenlos. Da wird „auf das höchste Dach der Welt“ gestiegen (was wollen die Leute eigentlich dort immer?), „pulsiert Lust auf meiner Haut“ und gefordert: „Komm, nimm’ meine Hand und geh’ mit mir“.

Nun gut, sagt man sich, vielleicht ist das alles nicht repräsentativ und klickt wahllos irgendein anderes Werk aus dem Oeuvre der Helene Fischer an: „Du lässt mich sein, so wie ich bin“. Diesmal ist das Setting eher pastoral: „Wir flogen wie zwei Vögel durch die Nacht, überall Musik und Wein, wir wollten nicht alleine sein“. Doch dann überkommt die Protagonistin die Angst „mich zu verlier’n“. Aber welch’ Glück: „Du warst anders als die ander’n, Du hast gleich gefühlt, was ich will“. Denn: „Du lässt mich so sein, so wie ich bin, mich zurechtzubiegen hätte keinen Sinn“.

Es reicht, genug. Die weiteren Recherchen müssen musiklos erfolgen. Ich stoße auf eine Liste aller LP-Titel. Die geben den Blick frei auf existentielle Dramen: Hin und her gerissen zwischen Hingabe und Selbstbehauptung pendeln die Heldinnen der Fischer-Schlager zwischen Verlangen und Bindungsangst. Sie wollen stark sein und schwach zugleich, sich mit Haut und Haar verlieren, dabei aber immer sie selbst bleiben. Das klappt natürlich nicht. Doch dann kommt der Eine, mit dem plötzlich alles anders ist: „Du fängst mich auf und lässt mich fliegen“.

Die Frauen des Fischer-Kosmos sind – natürlich – voll unkonventionell und immer bereit mal so ’was richtig Verrücktes zu tun. Denn „Fantasie hat Flügel“ und „Beim Träumen ist alles erlaubt“. Leidenschaft erlebt schließlich „Nur wer den Wahnsinn liebt“.

Postpubertäre Träume
 

Doch letztlich stehen Fischers Heldinnen mit beiden Beinen fest auf der Erde und erweisen sich als knallharte Realistinnen: „Ewig ist manchmal zu lang“, „Ich liebe jetzt“. Ersehnt wird der kleine Ausbruch, „Für einen Tag“, „Lass diese Nacht nie enden“.

Überhaupt ist viel von Nächten die Rede. Genauer: Von der einen Nacht, in der – so müsste es wohl heißen – der Wahnsinn regiert und die Leidenschaft brennt.

Warum ist dieser Irrsinn so erfolgreich? Spießige Ausbruchfantasien? Sicher. Postpubertäre Träume vom ganz anderen Leben? Klar. Kleinbürgerliche Sehnsucht nach dem kontrollierten Kontrollverlust? Auch.

Aber das alles wäre vielleicht noch erträglich. Was den Erfolg der Fischer so irritierend macht, ist weniger das verklemmte Verlangen nach „pulsierender Lust“, sondern das Sterile und vollkommen Unsinnliche der ganzen Performance. Die Erotik dieser Schlager ist so antiseptisch wie ein OP-Saal und ebenso sexy, da ist alles clean und auf Hochglanz getrimmt. Dieser Widerspruch zwischen behauptetem Verlangen und Biederkeit macht das Ganze so schwer erträglich. Was auch daran liegt, dass Helene Fischer selbst ungefähr so verrucht daher kommt wie ein Kännchen Kaffee Hag.

Diese Musik ist für Menschen, die nicht mal mehr vom großen Rausch träumen, sondern nur noch vorgeben es zu tun, weil das eben irgendwie dazu gehört. Eigentlich traurig, dass so etwas dermaßen erfolgreich ist.

Andreas Dill | Do, 29. September 2016 - 10:48

In meinen Augen muß ein Song in erster Linie die Menschen unterhalten, Freude verbreiten , aber vor allem eine Welt vorgaukeln , welche real niemals !!! existieren kann . dann sind Sie nämlich glücklich ! Aber wenn der Autor eine bessere Variante dazu hat , dann laß ich mich eines besseren belehren : nichts !!!!! ist vollkommen .

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