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Weihnachtsbashing - Und heimlich bügeln sie ihr Lametta

Weihnachtsbashing in der Adventszeit ist so populär wie Grünen-Bashing im Wahlkampf oder den FC Bayern während der Bundesliga doof zu finden – und genauso originell. Besonders schlimm: Pseudo-Weihnachtsverächter. Tagsüber mimen sie den Grinch und nachts plündern sie den Plätzchenvorrat

Autoreninfo

Sarah Maria Deckert ist freie Journalistin und lebt in Berlin. Sie schreibt u.a. für Cicero, Tagesspiegel und Emma.

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Archivtext von 2013.

Am liebsten ist mir ja diese als-ob-Mentalität. Zurzeit äußerst en vogue: „Heute tue ich mal so, als ob ich Weihnachten hasse.“ Spitzenidee. Na denn mal los:

Oh, dieses böse, böse Weihnachten mit diesem fiesen, scheinheiligen Christkind und dem tatterigen Weihnachtsmann mit seinem struppigen weißen Rauschebart. Und diese ollen Nordmanntannen überall mit ihren immergrünen Blättern, unter die dann bergeweise doofe Geschenke geladen werden, die ja schließlich nur eines sein können: erhobene Zeigefinger (oder von mir aus auch gereckte Mittelfinger à la Peer) im Zeitalter der von verblendeten Weihnachtslemmingen frenetisch gefeierten Konsumgeilheit. Pah!

Und dann auch noch diese nervtötende Adventszeit mit all ihrem nervtötenden Adventsgedöns. Pfui Teufel! Mit Lichterkettentyrannei, rumdurchtränktem Glühwein, mit penetranten Zimt- und Bratwurstschwaden und dann auch noch mit diesen rotbäckigen Kindern, die an jeder Ecke lauern, um einen – wahrscheinlich in Absprache mit George Michael – mit Engelsstimmchen und Weihnachtsliedern in den Wahnsinn zu treiben.

Oh, wie ist das doch alles verabscheuungswürdig von uns erhabenen Schlechtwetternörglern, uns obligatorischen Mainstreamshitstormern, die wir da mit tiefen Rillen auf der Stirn und einem Magengeschwür in unserem so gar nicht weihnachtlich dekorierten Elfenbeinturm sitzen. Lasst uns in diesem Jahr diesen ganzen „heidnischen Blödsinn“ doch einfach mal getrost ignorieren und den künstlichen Winterschlaf einleiten. Und wehe, einer wird vor Dreikönig wach!

Eine Runde Weihnachts-Wut-Twittern


Ja, das sind mir die allerliebsten, diese Pseudo-Weihnachtsverächter. Im Übrigen vom gleichen Schlag wie die nicht weniger anstrengenden Pseudo-Vegetarier, die einem bei jedem Kantinengang vorsorglich daran erinnern, dass Rindfleisch „eklig“ ist, im feierabendlichen After-Work-Cocktail-Modus dann aber als erste mit dem Gesicht im BigMac hängen. Dieses heuchlerische Pack.

Da trifft es sich gut, dass Weihnachtsbashing dieser Tage ungefähr genauso populär ist wie das liebe Grünen-Bio-Öko-Bashing besonders zur Bundestagswahl oder in der Bundesligasaison gegen den FC Bayern zu schimpfen (bis er dann in der Champions League gegen Barcelona gewinnt...). Und es ist genauso originell. Wie wäre es da nicht gleich mit einer neuen viralen Empörungswelle? Na dann, ran an die mobilen Endgeräte, eine Runde Wut-Twittern!

Die freie Meinungsäußerung gehört in einer gut sortierten Demokratie ja dazu. Schließlich sind die Gedanken frei. Also darf natürlich auch jeder mit seinem imaginären „Dagegen“-Schild auf der Stirn Weihnachten doof finden – und das auf seinem Tumblr-Blog auch der Netzgemeinde offenbaren. Bittesehr.

[gallery:Die Weihnachtsgeschichte]

Doch der Zusatz „Pseudo“ schwingt ja nicht umsonst mit. Denn gerade die, die am Stammtisch am lautesten meckern, fügen in ihren eigenen Fußnoten dann aber gerne auch immer wieder ein kleinlautes „allerdings“ an.

Ich spreche da von denjenigen, die den orgiastischen Weihnachtsrummel am Potsdamer Platz im Vorbeigehen naserümpfend verschmähen, in ihrem brandenburgischen Landhaus dann „allerdings“ anfangen, ihre Lamettabestände zu bügeln, während aus den Verstärkerboxen die Christmas Edition von Sammy Davis Jr. erklingt.

Ich spreche von solchen, die einem selbst in den eigenen vier Wänden mit vehementem Kopfschütteln verbieten, einen Adventskranz auf dem Wohnzimmertisch zu platzieren, dann „allerdings“ mit wässrigen Augen den fehlenden Adventskalender bemerken. Ach ja, so ein gefüllter Schuh zu Nikolaus wäre ja eigentlich auch ganz nett...

Und ich spreche natürlich von denen, die jedes Jahr aufs Neue Sender um Sender die Ohren spitzen, bis endlich ein erstes unschuldiges „Last Christmas“ aus dem Radio schallt, um sich dann sofort über das eben Gehörte auf Twitter zu beschweren – die Karten für das Weihnachtsoratorium im Berliner Dom sind da „allerdings“ schon längst bestellt.

Für mehr Deko-Wettrüsten auf den Balkonen


Nennt mich cheesy, enttarnt mich als Mädchen oder dichtet mir mal wieder ein Glas Glühwein zuviel an, aber meine Weihnachtseuphorie ist nach wie vor ungebrochen.

Ich mag die Eisblumen am Fenster, den Raureif auf den Thujen und das Knistern des Schnees unter dem Schuh. Ich mag es frühmorgens mit einer Tasse Tee am Fenster zu stehen und dem weihnachtlichen Deko-Wettrüsten auf den Balkonen gegenüber zuzusehen, während  Judy Garland im Hintergrund „Have yourself a merry little Christmas“ singt. Und natürlich schenke ich, den Christstollen im Mund, meiner Nachbarin ein anerkennendes Nicken, die mit ihrem grell blinkenden Halogenschmuck dieses Jahr wahrscheinlich Flugzeuge zum Landen bewegen möchte. Hut ab.

Vielleicht setze ich dieses Jahr auch noch eins drauf, lege Mariah Careys Christmas Songs ein und twerke ein wenig um den Weihnachtsbaum, in frohen Gedenken an Miley Cyrus (die zu verachten ja auch gerade als ziemlich chic gilt)...

Jedenfalls, allen anderen Spielverderbern empfehle ich für die nächste Weihnachtssaison (und sie kommt bestimmt!), vielleicht einfach frühzeitig ein Flugticket ins Nirgendwo zu buchen. Von dort aus können sie dann aus halbwegs sicherer Entfernung zusammen mit dem Grinch auf ein fürchterliches neues Jahr anstoßen. Auch wenn die Wahrscheinlichkeit besteht, dass ein betrunkener Weihnachtself des Weges getorkelt kommt. Oh du fröhliche...

 

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