Stephen Hawking ist tot - Priester einer vom Glauben abgefallenen Gesellschaft

Stephen Hawking war einer der größten Physiker des 20. Jahrhunderts. Umso tragischer, dass die Massenmedien ausgerechnet seine spekulativen Aussagen hypten. So wurde er zum säkularen Orakel, das metaphysische Bedürfnisse stillte

Der gelähmte britische Astrophysiker Stephen Hawking hat am 26.04.2007 einen Ausflug in die Schwerelosigkeit unternommen.
Ausflug in die Schwerelosigkeit: Stephen Hawking bei einem Parabelflug über dem Atlantik / picture alliance

Autoreninfo

Alexander Grau ist promovierter Philosoph und arbeitet als freier Kultur- und Wissenschaftsjournalist. Er veröffentlichte u.a. „Hypermoral. Die neue Lust an der Empörung“. Im Oktober erscheint sein Essay „Kulturpessimismus. Ein Plädoyer“ bei zu Klampen.

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Alexander Grau

Stephen Hawking erfüllte romantische Sehnsüchte wie nur wenige Wissenschaftler: nach dem kranken Genie, nach dem überragenden Geist in einem hilflosen Körper, nach dem genialen Denker, der mittels seiner intellektuellen Kraft die Widrigkeiten der Materie überwindet. Das ist nicht ohne Ironie. Denn Hawking war sicher alles mögliche, aber kein Mensch für Pathos und Romantik.

Allerdings war sich der Physiker seiner paradoxen Situation nur all zu bewusst. Schon 1988 vermutete er in einem Artikel für den Independent, dass seine ALS-Erkrankung nicht unwesentlich zum Erfolg seines Bestsellers „Ein kurze Geschichte der Zeit“ beigetragen hat. Mehr noch: Hawkings krankheitsbedingte Erscheinung – der schmale, in seinem Rollstuhl zusammengesunkene Mann – unterstrich allegorisch geradezu die Abstraktheit und Alltagsferne seiner Theorien. Sie schien sinnbildlich zu beglaubigen, dass Fragen wie die Quantenmechanik Schwarzer Löcher einem intellektuellen Bereich angehören, der für den normalen Menschen nicht mehr erreichbar ist.

Eine Ikone des massenmedialen Zeitalters

So wurde das Bild des kranken Physikers zu einer Ikone des massenmedialen Zeitalters und zu einem Symbol für eine angebliche alltagsferne Wissenschaftsdisziplin. Dass Hawking mit seinen populärwissenschaftlichen Büchern gerade das Gegenteil anstrebte, nämlich Aufklärung und Verständigung, verleiht dem Ganzen eine Spur von Tragik.

Wie sehr Stephen Hawking die Sehnsucht der Menschen nach dem Geheimnisvollen eben dort erfüllte, wo er selbst Klarheit bringen wollte, zeigt sich vor allem an seinem schon erwähnten Bestseller: Mit inzwischen deutlich mehr als zehn Millionen verkauften Exemplaren dürfte „A Brief History of Time" (so der Originaltitel) wahrscheinlich das meistgekaufte halbgelesene Buch der Welt sein. Denn Hawkings Bestseller ist keine leichte Kost. Spätestens ab dem Kapitel über die Schwarzen Löcher kommt man mit durchschnittlicher Abiturphysik nicht mehr weit.

Sperrig, aber faszinierend

Doch seine Sperrigkeit tat dem Erfolg des Buches keinen Abbruch, im Gegenteil. Man liegt vermutlich nicht falsch, wenn man davon ausgeht, dass es gerade das Unzugängliche und Mysteriöse, das Geheimnisvolle und jede Alltagsvernunft Übersteigende war, was die Menschen an Hawkings Werk so faszinierte.

Und auch hier ist Hawkings Erfolg nicht frei von jeder Ironie: Gerade in seinem Bemühen um wissenschaftliche Klarheit gab der bekennende Atheist Hawking seiner Zeit eine neue Bibel, einen okkulten Text, der Sinnfragen zu tangieren schien und zu metaphysischen Spekulationen einlud.

Grotesker Hype um einzelne Aussagen

Da ihre Theorien der breiten Öffentlichkeit kaum noch anschaulich zu vermitteln sind, gehört es zu dem Schicksal moderner Physiker, dass sie mit Themen in die Schlagzeilen geraten, die mit ihrer eigentlichen Forschung kaum noch was zu tun haben.

Auch und gerade Stephen Hawking ist dieses Schicksal nicht erspart geblieben. Und so mutierte er in den vergangenen Jahrzehnten zu einem säkularen Orakel für Grenzfragen: sei es zur Existenz Gottes, dem Leben nach dem Tod, zu Außerirdischen, zur Zukunft der Menschheit oder was auch immer. Stephen Hawking, das war auch der Priester einer vom religiösen Glauben abgefallenen Gesellschaft, die sich dennoch nach etwas metaphysischem Jargon sehnte.

Hawking bediente dieses Bedürfnis, indem er sich der Trivialisierungsmaschinerie der Massenmedien zur Verfügung stellte. Doch intellektuelle Banalitäten werden nicht dadurch zu einer tiefen Einsicht, dass ein brillanter Physiker sie zum Besten gibt. Der mediale Hype, der um einzelne Aussagen Hawkings gemacht wurde, mutete daher mitunter geradezu grotesk an.

Allerweltsweisheiten werden sich versenden

„Die Philosophie ist tot“, stellte der Physiker in einer seiner Veröffentlichungen fest. Das mag sein. Doch Hawking tappte in die für Naturwissenschaftler typische Falle: zu meinen, spekulative Aussagen würden dadurch solider oder wahrer, dass sie von einem Naturwissenschaftler zu Besten gegeben werden.

Die Karriere des Stephen Hawking ist daher vor allem auch ein Lehrstück über die Verwertungslogik der Massenmedien. Hawkings Popularität gründete durch sie bezeichnenderweise nicht in seinen überragenden wissenschaftlichen Leistungen, sondern in der medialen Inszenierung eines von einer schweren Krankheit gezeichneten Wissenschaftlers, dessen Brillanz dazu dienen musste, Allerweltsweisheiten mit der Aura der revolutionären Einsicht zu versehen.

Doch populärwissenschaftlicher Ruhm versendet sich zum Glück schnell. Und so bleibt die Gewissheit, dass Stephan Hawking der Menschheit vor allem aufgrund seiner überragenden Forschungsarbeiten zu den Singularitäten-Theoremen und zur Strahlung Schwarzer Löcher in Erinnerungen bleiben wird. Er war einer der größten in dem an großen Physikern nicht eben armen 20. Jahrhundert.

Dorothee Sehrt-Irrek | Mi, 14. März 2018 - 18:13

vor einem produktiven und in schwerer Krankheit durchgestandenen Leben PUNKT

Etwas weiter abwärts möchte ich aber auch sagen, dass ich einiges über Hawkings gesehen habe, auch von ihm selbst begleitet und unabhängig von meinen Physik"kenntnissen" schwarze Löcher eher für das halte, wie sie sich darstellen, gefräßig?
Ich glaube nicht, dass ich mit Hawkings übereinstimmen könnte, würde ich mich mit Physik beschäftigen.
Aber da ich eben eher populärwissenschaftlich Physik geniesse, warte ich auf Erklärungen, die noch kommen werden oder beschäftige mich mit
weiter mit allem, aus dem ich ersehe, dass Intelligenz sozial ist.
In Bezug auf die Singularitäten werde ich aber einmal nachschauen.

Dimitri Gales | Mi, 14. März 2018 - 19:28

dass intellektuelle (kindliche) Neugier zu Fortschritt und Erkenntnissen führt - eigentlich eine Binsenweisheit, der aber immer seltener gefolgt wird. Die Leute konsumieren Information, verarbeiten sie aber nicht.

Alexander Mazurek | Mi, 14. März 2018 - 22:21

… der Hohepriester des Szientismus … oder in seinen letzten Jahren nur ein Werkzeug? Egal. Erfolgreich, auch in Geld gemessen. Sinnbild der Moderne.

Franz Ruprecht | Mi, 14. März 2018 - 23:41

Sehr gut geschrieben Herr Grau.

André Oldenburg | Do, 15. März 2018 - 06:13

Stephen Hawking ist ein Beispiel, wozu der menschliche Geist im Stande ist.
Stephen Hawking ist ein Beispiel, wie Medien damit schlecht umgehen können.
Stephen Hawking war im letzten Jahr seines Lebens, wohl wissend, dass die Lebensgeiter seinen Körper verliessen, ein Zukunftspessimist. Er hat vor Politikern, Maschinen/künstlichen Intelligenz gewahrnt und für ein verlassen des Planeten geworben.

Christa Wallau | Do, 15. März 2018 - 11:13

widersprechen einander nicht. Es sind zwei Seiten einer Medaille. Wer nur die eine Seite betrachtet, erhält logischerweise ein "einseitiges" Bild.
Es ist erstaunlich, ja bewundernswert, was Forschung und Wissenschaft im Laufe der Jahrhunderte - vor allem in letzter Zeit - herausgefunden haben, vielfach zum Wohle der Menschheit, aber nicht immer.

Und dennoch: Alles Bisherige ist nur ein kleiner Bruchteil dessen, was noch nicht erkannt und beschrieben wurde.
Ob die vollkommene Welterklärung
jemals gelingen wird, ist äußerst fraglich.
Für Religion bleibt also noch viel Platz!

Gerd Steimer | Do, 15. März 2018 - 12:57

so brachte er einem breiten Publikum Wissenschaft näher. Dass ein so brillanter Wissenschaftler (wie Einstein auch) mit Religion oder Esotherik nichts anfangen konnte ist schlicht und einfach der Logik geschuldet.
"ein Leben nach dem Tod ist ein Märchen für Leute die Angst im Dunkeln haben" dieser dogmatische Satz für einen Wissenschaflter wie Hawking, der alles was nicht 100% erwiesen war/ist, auch bei 99,9% als Therorie bezeichnete, passt halt allen Religiösen nicht, sonst würden sie ihren Glauben der ja bei 0,0 % Beweis oder Wahrscheinlichkeit auch als Gottestheorie bezeichnen.

K. Theo Frank | Sa, 17. März 2018 - 19:38

Selbst enghorizontigste Herzen aus Eisen, die all's was sie sehen sofort an sich reißen, die strahl'n Wärme ab, wenn auch etwas knapp. Hab Dank für den Tipp Steve! Viel Glück auf Dein'n Reisen.