Meyers Blick auf... - ...die Bildungsdebatte

Die Debatte um eine bessere Bildung ist viel zu stark auf die Universitäten fokussiert, sagt Cicero-Kolumnist Frank A. Meyer im Interview mit Cicero-Redakteur Alexander Kissler. Besonders die Linken hätten sich damit selbst eine Falle gestellt

Der Schweizer Journalist, Medienberater und Cicero-Kolumnist Frank A. Meyer
Frank A. Meyer fordert Bildung auch jenseits von Universitäten

Autoreninfo

Alexander Kissler ist Redakteur im Berliner Büro der NZZ. Zuvor war er Ressortleiter Salon beim Magazin Cicero. Er verfasste zahlreiche Sachbücher, u.a. „Dummgeglotzt. Wie das Fernsehen uns verblödet“, „Keine Toleranz den Intoleranten. Warum der Westen seine Werte verteidigen muss“ und „Widerworte. Warum mit Phrasen Schluss sein muss“.

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„Der Erfolg im Leben beginnt erst mit dem Studieren“, so schätzt Cicero-Kolumnist Frank A. Meyer die Bildungslage insbesondere in Deutschland ein. So zumindest sei das seit Jahrzehnten kommuniziert worden und inzwischen sei das leider auch Realität. Gerade die Linken seien mit ihrem eigentlich verdienstvollen Ansinnen, mehr Arbeiterkinder und auch mehr Frauen an die Universitäten zu bringen, in eine Falle gelaufen. Die Kehrseite des immensen Propagierens einer Hochschulkarriere habe dazu geführt, dass es eine neue Spaltung in der Gesellschaft gebe.

Nach wie vor gäbe es viele Berufe, für die man nicht studiert haben müsse. Diese würden aber allzu abfällig behandelt, so dass einerseits der Nachwuchs fehle und andererseits jene, welche diese Berufe ausüben, sich nicht gewertschätzt fühlten. Wer auf eine Universität gegangen ist, sei überdies nicht automatisch gebildet. Bildung, sagt Meyer, das sei vielmehr eine Frage des tatsächlichen Sich-Aneignens von Wissen. Das gelte für alle Bildungsbereiche.

Franz Gailer | Fr, 23. März 2018 - 16:21

Ich stimme dem zu. Leider haben wir die letzten Zeit eine vollkommen einseitige, unbegründete und fatale Überbetonung des Hochschulstudiums
Wir laufen Gefahr, in das Fahrwasser der europäischen Südländer einzuschwenken, die diesen Fehler seit eh und je machen. Wir müssen die frühkindliche Bildung, die Bildung in Grund-und Hauptschule deutlich aufwerten. Hier werden Weichen gestellt. Und wir müssen noch mehr begreifen, dass es weniger um Wissensvermittlung geht, sondern um Fertigkeiten und um BILDUNG, also wie gelange ich an Wissen

Hannes Jäger | Fr, 23. März 2018 - 17:19

sind ja auch zu Fachhochschulen verkommen. Dann kann man auch gleich das Original nehmen. Universitäten sollten vornehmlich Forschungseinrichtungen sein. Aber heutzutage kommt man mit Wissenschaft als Methode erst am Ende des Studiums überhaupt in Berührung. Forschen != Bildung. Um Bildung zu haben, reicht es auch Bücher von Leuten zu lesen, die geforscht haben, dazu muss man aber nicht selbst geforscht haben.

wolfgang spremberg | Fr, 23. März 2018 - 17:45

an Grund und Hauptschulen aufwerten......
Die anstehenden Integrationsaufgaben werden hauptsächlich an Grund und Hauptschulen stattfinden und das Niveau senken. Hauptopfer werden die sozialbenachteiligten Kinder sein, deren Interessen ja angeblich von den "Linken" vertreten werden.

Dimitri Gales | Fr, 23. März 2018 - 20:06

Es gibt vor allem inzwischen zu viele Akademiker, die die Wirtschaft nicht unbedingt braucht. Zwar gibt die Arbeitsagentur an, die Arbeitslosenquote bei Akademiker sei gering, aber viele junge Leute mit Hochschuldiplom arbeiten in Bereichen, für die sie überqualifiziert sind, etwa in einfachen Angestelltentätigkeiten, ohne Aussicht auf Progression oder Karriere. Dies ist im europäischen Ausland noch viel ausgeprägter als hierzulande, vielleicht auch Dank des Numerus Clausus in Deutschland. Man sollte den jungen Leuten mehr das Handwerk näherbringen, auch das kann Befriedigung verschaffen. Vielleicht verdient man dort auch mehr als ein Akademiker, etwa ein Kultur-oder Geisteswissenschaftler.

Jürgen Keil | Sa, 24. März 2018 - 10:12

Geschätzter Herr Meyer, es ist mir immer eine Freude, Ihre Beiträgen zu lesen und zu hören.
Auch teile ich Ihre Meinung zu den Problemen der Bildung. Mein Fachwissen (Ingenieur) habe ich im Fernstudium (DDR, Fachwissen und ideologisches Beiwerk) erworben; mein Allgemeinwissen autodidaktisch. Wichtig war mir immer, alles Aufgenommene zu hinterfragen, zu kritisieren, andere Auffassungen zu einer Thematik zu kennen und dann meine Meinung zu bilden. Das, so scheint mir, fehlt vielen jungen Menschen.

Bernhard Jasper | Mo, 26. März 2018 - 10:18

Um ein freies Verhältnis zur Bildung zu gewinnen, ist natürlich Schulbildung die Voraussetzung. Gegen das Handwerk verstößt niemand. Und auch in der sinnlich-ästhetischen Bildung benötigt man zunächst auch Routine (z.B. ein Instrument bespielen können).

Hat man jedoch einmal gelernt zu lernen und zu unterscheiden und sich vom Schulbetrieb befreit, kann man auch zum Autodidakten werden. Bildung wird einem zur zweiten Natur.

Bernhard Jasper | Mo, 26. März 2018 - 10:45

Nach Max Weber ist die Klassenlage die Marktlage. Er unterscheidet jedoch zwischen Klasse und Stand. Klasse = Besitz und Besitzlosigkeit. Stand = symbolische Ordnung. Und die nackte Geldmacht hat nicht unbedingt etwas mit „Bildung“ zu tun. Bildung ist nach wir vor das einzig mögliche Prinzip der Legitimation eines Privilegs (damit meine ich auch das Handwerk).

Herr Meyer, war es nicht die SPD, die einmal eine kulturelle Mission hatte, nämlich auch der Masse Kunst und Kultur zu erschließen (unabhängig von der Lebensstellung).

Familiäre Herkunft, da wo sich zunächst das Bildungskapital befindet, schließt ja oft von Bildung aus. Jedoch, der „zweite Bildungsweg“ (für Spätzünder)war eine gute Idee, die sich bewährt hat.

Ausblick: Wir brauchen weiterhin erstklassige Lehrer, die das kompensieren können, was im Elternhaus fehlt.

Walter Haller | Mo, 26. März 2018 - 10:46

Grundsätzlich sehe ich das wie Herr Meyer. Allerdings denke ich dass sich der «Erfolg» der Uni-Abgänger eben hauptsächlich auf das Feld der Politik beschränkt wo man fast nur noch Akademiker sieht. Also Leute die eben vom wirklichen Leben da «draussen» keine Ahnung haben. In der freien Wirtschaft schafft es nach wie vor der Schlaue - vielleicht auch der etwas Frechere - zu Ansehen und Reichtum. Die Geringschätzung handwerklicher Berufe hat vor allem mit der schlechten Bezahlung zu tun. Wir erleben hier in der Schweiz die Auswirkungen des deutschen Lohn-Dumping tagtäglich. Hier tummeln sich die deutschen Handwerker die dann wieder in Deutschland fehlen - was wiederum nicht direkt mit Bildungspolitik sondern mit Lohnpolitik zu tun hat.

Bernhard Jasper | Di, 27. März 2018 - 11:33

„Erziehungs-Institut für die höheren Stände“, so wurde im Jahr 1834 eine Schule in Charlottenburg genannt. Es war nicht nur ein humanistisches Gymnasium, sondern hatte das Lernziel zur Selbstdisziplin, sowie die Heranführung an systematisches Denken und Arbeiten.

Dieses Beispiel zeigt die soziale Ordnung. Familiäre Herkunft, da wo sich zunächst das Bildungskapital befindet, schließt ja oft von Bildung aus. War es nicht die SPD, die einmal eine kulturelle Mission hatte, nämlich auch der Masse Kunst und Kultur zu erschließen und unabhängig von der Lebensstellung das Bewusstsein menschlicher Würde zu geben? War nicht auch der „zweite Bildungsweg“ eine Erfindung dieser Partei, für den sozialen Aufstieg gedacht.