Zwischen Kant und Kamera

Der Theologe, Philosoph und Journalist Gert Scobel moderiert ein Wissensmagazin auf 3sat – in einem der letzten Kulturreservate des öffentlich-rechtlichen Fernsehens. Den Spagat zwischen Geisteswelt und TV-Entertainment überwindet er mit Lektüre. Ein Bibliotheksbesuch

Gert Scobel
() Gert Scobel

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Es ist ein Winterwonderland hoch oben im Taunus, in dem Gert Scobel mit seiner Familie und einem Golden Retriever wohnt, tief im Wald, weitab vom urbanen Getriebe. Er trägt Jeans, kariertes Hemd, Socken, als er die Tür öffnet. Vermutlich ist es diese poststudentische Lässigkeit, die ihm seinen Fernseherfolg beschert hat – auch wenn es zunächst aussah, als würde er dort bleiben, wo er seine wichtigsten frühen Erfahrungen machte: in der Welt der Bücher. Wie als Apropos hält er sein Erstlingswerk in der Hand, mit dem nicht unironischen Titel „So ein feines Buch“.

Dies ist ein Bücherhaus, bewohnt von einem Bücherpaar. Gerd Scobel lebt zusammen mit der Erfolgsautorin Susanne Fröhlich, die für den deftigen Humor ihrer Frauenratgeber wie auch für ihre äußerst temperamentvollen Fernsehauftritte bekannt ist. Frau Fröhlich ist laut und lustig, zwischendurch brüllt sie mal kurz durchs Haus. Les extrèmes se touchent – seit zwanzig Jahren sind sie ein Paar, und mittlerweile verstehe ich, dass das Außenstehende immer noch und immer wieder wundert. Jedenfalls beweisen die beiden, dass auch Partnerschaften, die nicht auf den ersten Blick symbiotisch wirken, eine lange Lebensdauer haben können. Haben sich da zwei polare Naturen gefunden? „Wir sind unterschiedlich, das haben wir mit vielen Paaren gemeinsam“, sagt Scobel lapidar und führt mich ins Wohnzimmer, wo sich die Belletristik ausbreitet. „Ich lese übrigens immer vier bis fünf Bücher gleichzeitig“, erklärt er und deutet auf die Couch, wo sich mehrere aufgeschlagene Exemplare in den Ecken stapeln. „Im Moment ist es ein Krimi von Massimo Carlotto, die Proust-Biografie von Jean-Yves Tadie – die am liebsten frühmorgens; tagsüber lese ich Donald Davidson, einen amerikanischen Philosophen, der über Rationalität schreibt, und die Darwin-Biografie von Jürgen Neffe.“ Sein Lieblingsbuch war lange Musils „Mann ohne Eigenschaften“: „Das ist mein Lebensbuch, die perfekte Verbindung von Leben und Philosophie. Zwei Jahre habe ich daran gelesen, manche Kapitel viele Male.“ Ein Mann, ein Buch: Musils Protagonist Ulrich, der „Urlaub vom Leben“ nehmen will und die große Farce einer letzten Sinnsuche im morbiden Kakanien erlebt, nimmt viele Rollen ein, ganz in der Logik des viel zitierten „Möglichkeitssinns“. Es hat offenbar auch eine gewisse Logik, dass Gerd Scobel, ein Mann der Rollenspiele zwischen Entertainment und intellektueller Welt, gerade diesen Roman sein „Lebensbuch“ nennt.

Er gilt als kultivierter Mensch, vielleicht bezeichnen ihn schon deshalb viele als einen Kulturjournalisten. Ein Etikett, das ihn eher ärgert. „Einmal nannte man mich sogar Kulturmoderator. Was soll das denn für eine Berufsbezeichnung sein?“, fragt er entnervt. Der studierte Philosoph und Theologe wirkt zurückhaltend, introvertiert, ganz anders also als die meisten seiner pointenfixierten Kollegen beim Fernsehen, das er denn auch eher kritisch sieht. „Es wäre schön, wenn es im Fernsehen weniger Dreck geben würde“, seufzt er. Mit den Schmutzrändern des Mediums hat er allerdings wenig zu tun. Scobel arbeitet auf einer Insel der Glückseligen, bei 3sat, und erreicht per Satellit kulturinteressierte Menschen von Irland bis Israel. Die Reichweite ist groß, das Publikum nicht, im Schnitt hat 3sat 1,1 Prozent Marktanteil. Zwölf Jahre war er Anchorman der „kulturzeit“ auf 3sat, hatte eine Büchersendung im WDR und im Hessischen Rundfunk, seit April vergangenen Jahres moderiert er nun „Scobel“, eine wöchentliche monothematische Wissenssendung, in der es um Themen wie Hirnforschung oder Gentechnologie geht. Ein Mann fürs Hochfeine also, fürs untypisch Seriöse in einem Medium der Zerstreuung.

Wir steigen die Treppe hoch, vorbei an eher beiläufig hochgewachsenen Bücherstapeln, und hier nun trennen sich die Welten: Das gemütliche familiäre Chaos weicht einer nahezu asketischen, klösterlichen Ästhetik. Sein Schlafzimmer mit dem puristischen Futon wirkt wie ein Arbeitszimmer und umgekehrt. Weiße, ordentlich eingeräumte Regale – „sonst kann ich nicht denken“. An den Wänden hängen Kalligrafien, überall stehen Buddhas, kleine und große. Das Arbeitszimmer steht ganz im Zeichen der Philosophie, von Kant bis Ernst Cassirer und Hans Blumenberg, daneben französische und amerikanische Gegenwartsphilosophie. Kant hat ihn geprägt, dessen „Kritik der Urteilskraft“ ist Scobels Hausbibel. Es verrät einiges über ihn, dass er ausgerechnet Kants drittes Hauptwerk, nach der „Kritik der reinen Vernunft“ und der „Kritik der praktischen Vernunft“ publiziert, zu seinem Favoriten erklärt. Zentral wird hier die Kant’sche Ästhetik erläutert, die noch heute in der akademischen Reflexion über die des zeitlich späteren Hegel gestellt wird. Kants Betrachtung des Ästhetischen beweist seine Tragfähigkeit bis hin zur Analyse der künstlerischen Moderne und enthält verblüffend aktuelle Thesen, wie die des „interesselosen Wohlgefallens“, des gleichzeitig subjektiven und verallgemeinerbaren Geschmacksurteils sowie die Theorie des Erhabenen. Keine schlechte Wahl für einen Kulturjournalisten, der sich jahrelang mit zeitgenössischer Kunst befasste.

Neben den alten und neuen Klassikern der Philosophie fallen Fachbücher über Genetik, Biologie, Medizin und zwei Regale über die Erforschung künstlicher Intelligenz auf. Alles steht doppelreihig, der Schrecken für jeden, der seine Bücher unsystematisch anordnet, doch Scobel orientiert sich mühelos nach Sachgebieten und Alphabet. Die Bücher, die er noch lesen will, stehen im Zweifelsfall vorn. Weiter geht es mit Theologie, Neurowissenschaft und Informatik. Psychologie, Psychoanalyse und Komplexitätsforschung stehen im Schlafzimmer.

Keine Frage, hier liest jemand, der süchtig nach Wissen ist. Der Mann mit dem kleinen Ohrring im linken Ohr, eine Reminiszenz an alte kalifornische Uni-Zeiten, grinst fast schuldbewusst. „Ich kann mich für die abstrusesten Dinge begeistern“, bekennt er. „Oder wissen Sie, wie Ihr Handy funktioniert?“ Wahrhaft verschlungen hat er als Kind die „Was ist was“-Bücher. So fing es an mit seinem Wissensdurst. Als er dreizehn war, schenkte ihm sein Vater, ein Jurist, die „Kleine Weltgeschichte der Philosophie“. Ein kurzer Blick zur Seite, Scobel weiß genau, wo sie steht. „So begann mein Interesse für Philosophie. Existiert eine Außenwelt? Woher weiß ich, wie sie beschaffen ist? Wie entstehen ethische Normen? Woher weiß ich, dass sie richtig sind?“ Sein Lehrer konfrontierte ihn später mit Martin Heidegger und Karl Rahner: „Er hatte eine Riesenbibliothek und verschenkte auch viele seiner Bücher.“ Fortan war Scobel fasziniert vom Kosmos des Denkens und vor allem von der Schnittstelle zwischen Theologie und Philosophie. Scobels unterschiedliche Interessen spiegeln sich auch in seinen Studienfächern: Er studierte Philosophie und katholische Theologie an der Jesuiten-Hochschule St. Georgen in Frankfurt am Main und in Berkeley; später Wissenschaftstheorie und Sprachphilosophie. Gleich zweimal wurde ihm das renommierte EICOS-Stipendium zuerkannt, unter anderem am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in München.

Der Fernseher lief in seiner Kindheit nur, wenn Hoimar von Ditfurths „Querschnitte“ zu sehen waren, eine der populärsten Wissenssendungen der siebziger Jahre. Auch heute sieht der Fernsehjournalist nur selten fern. Scobel ist Vater eines elfjährigen Sohnes und einer siebzehnjährigen Tochter; mit ihr hat er ein Kinderbuch geschrieben. „Die Plühms bekommen ein Baby“ erklärt auf entspannt-lustige Weise typische Kinderfragen. Im vergangenen Jahr erschien sein Buch „Weisheit. Über das, was uns fehlt“. An die immerhin 477 Seiten schließen sich noch einmal 34 Seiten mit Fußnoten an, nicht gerade ein handliches Format. Ob sich das gut verkauft? Scobel hat jedenfalls lieber eine kleine feine Leserschaft, als dass er sein Werk im Ratgeberregal wiederfinden möchte. Dabei kann er aus nächster Nähe betrachten, wie viel Erfolg man mit Ratgebern haben kann. Seine Frau macht es vor. Ihre Bücher heißen „Moppel-Ich“ oder „Runzel-Ich“, krachend erfolgreiche Bestseller. „Lesbar“ sei sein Buch schon, sagt Scobel, wenn auch nicht unbedingt „linear lesbar“. Er überlegt. „Aber Sie essen ja auch keinen Kühlschrank von oben bis unten leer.“ Der Mix aus fernöstlicher Weisheit und abendländischer Lebenskunst, den er serviert, hat nicht alle Rezensenten begeistert, gleichzeitig aber gestehen sie ein, dass in Zeiten globaler Krisen letzte Weisheiten eine besondere Aktualität haben, so wie nicht zuletzt auch die Erkenntnisse der modernen Hirnforschung über Glück und Gelassenheit, die Scobel ausbreitet. „Weise Menschen sind insgesamt glücklichere Menschen“, sagt er. „Das hängt damit zusammen, dass sie gelernt haben, anders mit Vergänglichkeit umzugehen. Am Ende unseres Lebens rennen wir auf eine Wand zu, und je näher wir ihr kommen, desto dringlicher fragen wir uns: Wie gehen wir damit um, dass alles, was wir tun, vergänglich ist?“ Eine Frage, die gerade in Krisenzeiten neue Brisanz erhalte. „Ich verstehe Weisheit als die Fähigkeit, mit Komplexität und mit unserer Endlichkeit umzugehen“, so sein Resümee. „Das ist vielen Akteuren in der Bankenkrise nicht gelungen. Und die Dummheit, der wir im Fernsehen weitflächig begegnen, ist ebenfalls nicht geeignet, uns komplexitätstauglich zu machen.“ Wie gut, dass es im Fernsehen nach wie vor Reservate der Schlauheit gibt. Für alle, die sich auch damit nicht zufriedengeben, bleiben ja die Bücher.

Foto: Picture Alliance

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