Die Aufnahme entstand auf dem Deutschen Juristentag (DJT) in München
Die Aufnahme entstand auf dem Deutschen Juristentag (DJT) in München / picture alliance / SZ Photo | Johannes Simon

Zum Tod von Jürgen Habermas - Der Staatsdenker

Jürgen Habermas hat die politische Kultur und die akademische Landschaft der Bundesrepublik geprägt wie kein anderer Intellektueller. Sein Denken wurde zur Staatsideologie der Bundesrepublik. Sein Tod markiert ein Epochenende.

Alexander Grau

Autoreninfo

Alexander Grau ist promovierter Philosoph und arbeitet als freier Kultur- und Wissenschaftsjournalist. Zuletzt erschien von ihm „Die Zukunft des Protestantismus“ bei Claudius.

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Es ist der 9. Juni 1967. In Hannover wird der Student Benno Ohnesorg zu Grabe getragen. 7.000 Studenten bilden einen beeindruckenden Trauerzug. Die Stimmung ist aufgeheizt. Nach der Trauerkundgebung versammelt man sich zu einer Diskussionsveranstaltung. Mit dabei: Jürgen Habermas. In seinem Vortrag betont er: „Wenn die studentische Opposition wahrlich einen Vorzug hat, dann kann es, meine ich, nur der sein, dass sie Sensibilität für die Unterdrückung und für die Verletzung, auch für die Verletzbarkeit des Menschen, und ich meine einzelne Menschen und soziale Klassen, zu einer politischen Kategorie erhebt.“

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Ingbert Jüdt | So., 15. März 2026 - 16:25

Es ist daher etwas billig, das als »Gesinnungswächterei« abzutun. Und die »linksliberale Monokultur« von heute ist ganz wesentlich auch das Resultat postmoderner Ideologien, gegen die Habermas von Anfang an das »Projekt der Moderne« verteidigt hat. Zur Streitkultur und Diskursethik im Sinne Habermas' hat es immer gehört, die Geltungsansprüche der gegnerischen Position anzuerkennen, anstatt sie identitätspolitisch oder psychologisierend zu unterlaufen. Gar so vollkommen ist Habermas' Sieg daher nicht gewesen. Im Gegenteil: eine Linke, die der woken Ideologie überdrüssig ist, wird sein linkshegelianisches Denken neu beleben müssen.

Dorothee Sehrt-Irrek | So., 15. März 2026 - 17:08

war vielleicht lange Zeit ein "Gespräch über Bäume"(Adorno) jenseits aller Vorstellungskraft, jedenfalls meiner, aber die Notwendigkeit des verantwortlichen Denkens lag doch wohl auf der Hand.
Ich fand es ziemlich mutig von Habermas, so ein Projekt ins Auge zu fassen, nach Adornos "Dictum", annähernd, "es gebe kein richtiges Leben im Falschen".
Ich habe das nach Jahrzehnten umgewandelt in die Überlegung, ausgehend von Nietzsches "Zarathustra", es gebe nichts ganz Falsches im Richtigen.
Angesichts der heutigen Entwicklungen braucht es vielleicht viel Vertrauen ins Leben und in unsere Fähigkeiten zur Vernunft, tapfer an Habermas Entwurf über die kommunikative Vernunft festzuhalten.
Gab es überhaupt einen konservativen Denker*, der es mit Habermas analytischen Fähigkeiten aufnehmen konnte?
Da nicht, wird er das wohl selbst gewesen sein, ein kategorialer Konservativer der Moderne.
...und hat es eventuell selbst nicht gewußt.
Ich glaube schon, dass es Nachfolgende gibt.
Sapere Aude
RIP

Walter Buehler | So., 15. März 2026 - 18:57

Ich zähle Habermas zu den Philosophen, die irgendwie glauben, dass ihr Denken zeitlos sei und tiefer gehe als das Denken der vorhergehenden Generationen.

Derartige „Post“-Philosophen kramen zur Untersuchung von Problemen zwar historische Gedanken hervor, aber nur, um sie sogleich wieder in die verstaubten Regale zurück zu legen und durch die eigene (und für besser gehaltene) „Post“-Philosophie zu ersetzen.

Aus der alten Metaphysik wird so die moderne Post-Metaphysik, aus dem Strukturalismus der moderne Post-Strukturalismus, aus der Demokratie die moderne Post-Demokratie, usque ad infinitum.

Summa: Post-Philosophen wie Habermas füllen einen guten alten Wein in neue, soziologisch gestylte Schläuche, und erklären danach, dass derselbe Wein nur noch gut schmeckt, wenn er aus diesen neuen Schläuchen getrunken wird.
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Nix für ungut.

.. Kommunikation und zur Sprache geschrieben, und natürlich auch zur Religion, wie Frau Wallau völlig zu Recht in ihrem (falsch lokalisierten) Kommentar geschrieben hat.

Aber Habermas - da hat Herr Grau meiner Meinung nach recht - ist trotzdem in erster Linie doch immer "links" geblieben, einer der Enkel on Marx.

Das bleibt richtig, auch wenn Habermas viele Mängel der orthodoxen und bolschewistischen Formen des Marxismus richtig erkannt und kritisiert hat.

Für meinen Teil ziehe ich deshalb Karl Popper vor, der die Technik, die Naturwissenschaften und die Mathematik zwar auch von der Philosophie aus betrachtet, aber mit weitaus größerem Respekt.

Den hegelianisch-soziologischen, mit vielen Fremdworten aufgedonnerten Jargon der marxistischen Sprache finde ich persönlich nicht sympathisch. Ich ziehe die nüchternere, klarere und einfachere Sprache von Popper, Hannah Ahrendt und Karl Jaspers vor, und auch die originale Sprache der großen Klassiker wie Leibniz.

Nix für ungut!

Dr. Michael Bauer | So., 15. März 2026 - 23:03

Vorbei mit dem pseudointellektuellen Geschwurbel…

Klaus Funke | Mo., 16. März 2026 - 10:22

Antwort auf von Dr. Michael Bauer

Ich habe von diesem "Um-die-Ecke-Denker" Habermas nie wirklich viel gehalten, noch irgendwas gelesen. Und das werde ich auch in Zukunft nicht tun so wie ich auch Adorno praktisch ignorierte. Beide sind für mich im wörtlichen Sinne KI. Meinetwegen nennt mich einen Ignoranten. Das stört mich nicht. Ich brauch diesen Quatsch nicht. Typisch Ossi?! O.k. Ein ehemaliger Kollege sagte in solchen Fällen immer: "Arsche lecken". Recht hat er

Markus Michaelis | Mo., 16. März 2026 - 00:27

Die heutige staatstragende Gesellschaft scheint mir wenig kritisch gegen sich selber. Das Menschenbild ist eher normativ. Gegenüber Menschen und Entwicklungen, die nicht in diese Norm passen, ist man entweder überfordert-hilflos oder schroff ablehnend. Mit Vielfalt im Sinne von Abgrenzungen zwischen eher unverträglichen Strömungen kann man nicht umgehen. Ist das wirklich der große Sieg im Sinne von Habermas?

so etwas ausführlich zu diskutieren.
Bitte trauen wir uns das doch zu.
Ich "kannte" Habermas aus Büchern und ich hatte viel zuviel Respekt vor ihm, um ihn auch als Mensch WAHRZUNEHMEN.
Die vielen Nachrufe, jetzt aus seinem lebendigen Umfeld, eröffnen mir ganz überraschende Perspektiven auf ihn.
Las ich das richtig über ihn, via MSN, er liebte auch schon mal "Tratsch"? Es wird wahrscheinlich "gehobener" gewesen sein und doch...
Ich hoffe, dass er niemals siegen wollte.
Wenn man lieben kann, hofft man immer auf andere Wege eines MITEINANDER?