ürgen Habermas
Jürgen Habermas / picture alliance / dpa | Simela Pantzartzi

Zum Tod von Jürgen Habermas - Der doppelte Philosoph

Jürgen Habermas ist mit 96 Jahren verstorben. Seinen Einfluss erwarb er sich nicht allein mit philosophischen Werken. Habermas trat zugleich immer als politischer Intellektueller in Erscheinung. Nicht immer auf rühmliche Weise. Wesentlichen Fragen wich er dabei aus.

Porträt Mathias Brodkorb

Autoreninfo

Mathias Brodkorb ist Cicero-Autor und war Kultus- und Finanzminister des Landes Mecklenburg-Vorpommern. Er gehört der SPD an.

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Sein größter Coup gelang Jürgen Habermas im Jahr 1986 mit dem „Historikerstreit“. Er warf dem Historiker Ernst Nolte wortwörtlich die Leugnung der „Singularität“ von Auschwitz vor und löste eine jahrelang anhaltende Schlacht unter Deutschlands Intellektuellen aus. Am Ende der Debatte war Nolte sozial erledigt, und Habermas hatte gewonnen.

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Frieda Frey | Mo., 16. März 2026 - 13:08

"Indem Bürger sich in Vereinen, Initiativen und Verbänden zusammenschlössen und ihre politischen Interessen öffentlich artikulierten, würden die Probleme der Gesellschaft an die Politik herangetragen und ihrer staatlichen Bearbeitung zugänglich. ... Rationaler und besser ist die Welt dadurch offensichtlich nicht geworden."

Natürlich nicht. Welcher normale Bürger hat denn neben seinem Beruf und familiären Verpflichtungen Zeit und Ressourcen, die Arbeit der Regierung zu gestalten? Aktivisten und NGOs machen das beruflich - finanziert durch die Steuern der Bürger, gegen deren Interessen sich dieser Aktivismus wendet.

Karl-Heinz Weiß | Mo., 16. März 2026 - 13:49

Der Beitrag fasst den Kern des Problems gut zusammen: wie ist die fast hymnische Verehrung des Verstorbenen in den Intelligenz-Gazetten zu erklären ? Der "große Kommunikationserklärer" als Gesprächsverweigerer. Frühere große Bundestagsdebatten verkümmern aka zu Tiktok-Schnipseln.
Das wäre "der Rede wert", wie früher ein gutes TV-Format betitelt war. Dann hätte sich Jürgen Habermas einer auch Plebejern verständlichen Sprache bedienen müssen. Der politischen Debatte in Deutschland hätte es nicht geschadet.

Wolfgang Z. Keller | Mo., 16. März 2026 - 21:19

Antwort auf von Karl-Heinz Weiß

Ihnen Biden (Scheeerz - aber was macht denn DER eigentlich?!) verdanke ich eine ganz neue Sicht auf diesen Großdenker.
Und die ketzerische Frage sei erlaubt, wie´s denn wohl kömmt, dass einer schon lange dermaßen gefeiert wurde und posthum erstrecht gefeiert wird, wenn er in der Hauptsache nicht letztlich sehr systemkonform philosophiert hätte.
Aber dann die wissenschaftliche Debatte mit einem niedergemachten Kollegen ausschlagen. Von so einem Demokraten kann ich persönlich nicht besonders viel halten ...

Ingbert Jüdt | Mo., 16. März 2026 - 14:09

Antwort auf von Thomas Hechinger

Der aber, wie bei Habermas selbst, trotz all dem geschraubten Stil dennoch inhaltlich sinnvoll ist.

Echte Philosophie stellt einfache und naive Fragen und umkreist diese mit einfachen (nicht primitiven!) und klaren Gedanken, um Antworten zu finden. Das Suchen ist dabei wichtiger als die endgültigen Antworten, die es in vielen Fällen gar nicht gibt. Oft zeigt sich der wahre Philosoph wie Sokrates provokant bescheiden: οἶδα οὐκ εἰδώς – ich weiß, daß ich nicht weiß. Wer dagegen seine Gedanken hinter einem Schwall unverständlicher Worte verbirgt, hat entweder nichts zu sagen oder versteckt dahinter unlautere Absichten. Und wenn Menschen, die nichts zu sagen haben, das Sagen haben, wird es gefährlich.

ich halte ihn für den "Vater" der linkswooke Denke, und diese Denke versuchen uns seit langen seine Bewunderer aufzuzwingen, natürlich dem Vorbild entsprechend ebenso mit Gesprächsverweigerung, die als moralische Haltung deklariert wird, aber in Wirklichkeit wird nur eine antidemokratische Gessinnung manifestiert.

Annelie Hopfenmüller | Mo., 16. März 2026 - 22:25

Antwort auf von Thomas Hechinger

Nur ein solcher Nachruf, wie der von Herrn Priebe, wird Habermas wirklich gerecht. Schön, dass es noch solche Beherrscher der deutschen Sprache gibt.

Ingbert Jüdt | Mo., 16. März 2026 - 14:04

Von seiner Theorie des kommunikativen Handelns, die in die kritische Diagnose von der »Kolonialisierung der Lebenswelt« mündete, ist sinngemäß gesagt worden, der theoretische Berg habe eine zeitdiagnostische Maus geboren. Das war 1981. Auf die neoliberale Welt des Crash von 2008 hätte seine These gepasst wie Arsch auf Eimer. Da hatte der Meisterkritiker seinen Weitblick und seinen Biss schon verloren. Bei »Corona« hat er mit dem schrecklichsten Aufsatz seiner ganzen Karriere dann komplett versagt.

Herr Brodkorb spießt einen zentralen Punkt auf, wenn er beanstandet, dass Habermas' Theorie des öffentlichen Diskurses immer ein wenig nach philosophischem Oberseminar roch. Sie konnte elitistisch gekapert werden, und dieses Schicksal ist ihr am Ende widerfahren. Habermas hatte 1976 den historischen Materialismus »rekonstruiert« - das wird man auch mit seinem Werk tun müssen, wenn man sein kritisches Potential heute nutzen möchte.

Dorothee Sehrt-Irrek | Mo., 16. März 2026 - 17:40

nicht sehen, aber die sozialen Medien könnten die Wirkungsmacht einer "plebejischen" Öffentlichkeit vervielfältigen.
Ein sehr interessanter Artikel, Herr Brodkorb.
Aber wir sind die Kinder dieses www und wir sollten dem auch gewachsen sein.

Markus Michaelis | Di., 17. März 2026 - 02:58

Ist das wirklich der große Punkt? Mir scheint in den letzten 20 Jahren eher die Bildungsschicht in Sackgassen gelaufen zu sein - wie übrigens 1914 auch. Es waren damals glaube ich nicht die "ungebildeten Massen", die mit Feuereifer in den Krieg gerannt sind.

Jedenfalls waren es die letzten Jahrzehnte eher Bildungsschichten, die sich eine Weltsicht als universell und alternativlos zusammengezimmert haben, die an der realen Welt und den realen Menschen zunehmend scheitert.

Ich halte auch die Idee der deliberativen Demokratie für sicherlich gut, aber in den Erwartungen überzogen: ich glaube eher, dass ich mit anderen Gruppen so tief und lange diskutieren kann, wie ich will: man wird auf keine gemeinsamen Sichtweisen kommen. Mensch und Gesellschaft sind nicht so vorgegeben, dass es nur das eine Richtige gäbe.

Gefühle und Emotionen sind auch keine Querschläger, sondern definieren den Menschen mit. Rein mechanisch-rational ergibt auch Mitgefühl keinen Sinn.

FA | Di., 17. März 2026 - 08:09

greift hier etwas zu kurz. Habermas griff ja nicht alleine Nolte an, sondern konstruierte über die Historiker Andreas Hillgruber, Klaus Hildebrand und Michael Stürmer eine Verbindung zu einer angeblich revisionistischen Geschichtspolitik der Regierung Kohl. Am Ende blieb zwar nur die Verdammung Ernst Noltes, aber das Ziel Habermas war letzlich ein anderes.