Unite the Kingdom
„Unite the Kingdom“-Demonstration gegen die Regierung in London / picture alliance / Anadolu | Rasid Necati Aslim

Repressiver Liberalismus - Ein Teufelskreis aus Repression und Gegenreaktion

Europa steckt politisch fest. Traditionalistische Wähler verlieren das Vertrauen in staatliche Institutionen, während progressive Aktivisten in Schlüsselpositionen an Einfluss gewinnen. Daraus entsteht ein Teufelskreis aus Repression und Gegenreaktion.

Portraet Ronald G. Asch

Autoreninfo

Ronald G. Asch hatte den Lehrstuhl für Geschichte der Frühen Neuzeit an der Universität Freiburg inne

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Es gibt heute in Europa nur noch wenige größere Länder mit einer leidlich stabilen Regierung. Seltsamerweise gehört Italien dazu, wo es Meloni gelungen ist, die populistische Rebellion gegen den Staat und den Status quo für den Moment zu zähmen, indem sie sich zumindest in ihrer Selbstinszenierung an die Spitze dieser Rebellion setzte. Anderswo ist die Lage eher düster. Frankreich ist vollständig gelähmt. Einigen kann man sich im Parlament nur noch auf die Rücknahme von Reformen, die eigentlich die Nachhaltigkeit des Rentensystems verbürgen sollten. Stattdessen hat man sich entschieden, das Defizit im Haushalt immer weiter steigen zu lassen.

Legitimationskrisen in Frankreich und Großbritannien

Blickt man über den Kanal nach England, verfügt der dortige Premierminister immerhin über eine klare, ja sogar über eine erdrückende Mehrheit im Parlament. Dennoch wird er wohl als der unpopulärste Premierminister der letzten 200 Jahre in die Geschichte eingehen. Nach neueren Umfragen sind rund 80 Prozent der Wähler mit seiner Regierung unzufrieden, und beliebtester Politiker ist zurzeit Nigel Farage, der Führer von Reform, in den rund 30 Prozent der Wähler ihr Vertrauen setzen. 

Aber auch der Anführer der britischen Grünen, die eher noch radikaler und antipragmatischer eingestellt sind als die weltfremden Grünen hier in Deutschland, Zack Polanski, ein früherer Hypnotiseur, kann immerhin noch eine persönliche Anhängerschaft von mittlerweile rund 25 Prozent mobilisieren. Wie in anderen europäischen Ländern zeigt sich in Großbritannien, dass viele Wähler mittlerweile Parteien vorziehen, die rechts wie links auf mehr oder weniger utopische Visionen und die jeweils reine politische Lehre setzen.

Sehr viel besser sieht es auch in Deutschland nicht aus, wo die Regierung sich darauf zu konzentrieren scheint, den Niedergang zu verwalten, wenn nicht gar zu beschleunigen, und sich fast nur noch auf die kreditfinanzierte Erhöhung der Staatsausgaben einigen kann. In jedem Fall haben fast überall in Europa die traditionellen Mitte-Rechts- und Mitte-Links-Parteien ihre alte Integrationskraft verloren. Das macht die Mehrheitsbildung im Parlament schwierig und erschwert eine pragmatische Politik. Dort, wo ein Mehrheitswahlrecht dieses Problem wie in Großbritannien kaschiert, sieht sich eine Regierung immer noch mit einem massiven Legitimitätsdefizit und der Aussicht konfrontiert, bei den nächsten Wahlen ganz unterzugehen.

Vertrauensverlust konservativer Wähler 

Ein Grundproblem vieler europäischer Demokratien ist, dass ein Großteil der traditionell eher konservativen Wähler, die eben anders als manche Experten noch vor 20 Jahren meinten, nicht einfach verschwunden sind, heute das Vertrauen in den Staat und seine Institutionen verloren hat, ja dass sie diese Institutionen oft als ihren Feind betrachten. Das war früher eine Haltung, die man eher auf der politischen Linken fand. Das hat sich fundamental geändert, in dem Maße, wie viele Institutionen, zum Teil aber auch die Justiz, heute von progressiven Eliten dominiert werden, die sich einem linken oder linksliberalen Wertesystem verpflichtet fühlen – dazu gehört etwa die positive Diskriminierung von Minderheiten jeder Art, aber auch eine extensive Auslegung allgemeiner globaler Menschenrechte auf Kosten der spezifischen Rechte und Interessen der bisherigen Staatsbürger sowie eine generell postnationale Grundeinstellung. In einem Land wie Großbritannien hat sogar die Polizei diesen Wertekanon verinnerlicht und scheint zum Teil ihre Hauptaufgabe darin zu sehen, die Gedanken all jener zu kontrollieren, die das vorherrschende „korrekte“ Weltbild nicht übernehmen wollen.

Ganz so weit sind wir in Deutschland noch nicht, aber Hausdurchsuchungen wegen öffentlichen „Falschdenkens“ in den sozialen Medien oder der vermeintlichen „Herabwürdigung“ des Staates und der hohen Obrigkeit, also der Politiker, gehen bereits jetzt in die gleiche Richtung. In diesem Kontext spielen natürlich auch die vom Staat alimentierten Meldestellen eine erhebliche Rolle. Sie haben sich zum Teil das Ziel gesetzt, nicht nur den öffentlichen Diskurs zu kontrollieren, sondern zusammen mit einer Vielzahl von NGOs den widerspenstigen Teil der Bevölkerung umzuerziehen.

In ihren Aktivitäten, aber auch in anderen staatlichen Maßnahmen offenbart sich im Grunde ein repressiver Liberalismus. Auf der einen Seite steht das Bekenntnis zu Toleranz, zu Vielfalt und Liberalität, aber auf der anderen Seite steht der unerbittliche Kampf gegen all diejenigen, die an eher konservativen Lebensentwürfen ebenso wie am traditionellen, kulturell noch irgendwie halbwegs homogenen Nationalstaat festhalten wollen. Es ist das alte Problem, dass die leidenschaftlichsten Befürworter von Toleranz leicht zu Vertretern einer repressiven Politik werden können, wenn es um den Kampf gegen ihre vermeintlich intoleranten Gegner geht.

Die neue Politisierung des Privaten

Auf diese Konstellation trifft man schon im England des 17. Jahrhunderts. Ein Dichter wie John Milton trat zwar wortgewaltig für Presse- und Gewissensfreiheit ein, aber für Katholiken sollten diese Rechte natürlich nicht gelten, weil sie aus der Sicht des Dichters Anhänger einer rückständigen, intoleranten Religion waren. Dass im Namen der Toleranz Andersdenkende zum Schweigen gebracht werden, ist also gar nicht so neu; der heutige repressive Liberalismus wirft dabei aber fundamentale Prinzipien des klassischen Liberalismus über den Haufen. Er unterminiert zunehmend die Trennung von Staat und Gesellschaft, die für diese politische Tradition zentral war. Wenn man vom Staat geförderte Meldestellen die private Kommunikation überwachen lässt, wenn man NGOs mit öffentlichen Geldern alimentiert, damit sie in der Gesellschaft die richtige linksliberale oder „antifaschistische“ Moral und Gesinnung verbreiten, dann ist es mit dieser Trennung eben vorbei.

Hinzu kommt der Umstand, dass jetzt zunehmend auch das Private politisiert wird. Sichtbar etwa ist das an der Sprache, die noch vor wenigen Jahren als vorpolitisch gegolten hätte. Indem man die Gendersprache als Norm durchsetzt, wird der politische Opponent, der zum Beispiel die Transgenderideologie oder bestimmte feministische Forderungen kritisch sieht, gezwungen, eine Sprache zu benutzen, in der er seine Argumente gar nicht mehr ohne Weiteres ausdrücken kann. Das Problem ist, dass solche Erziehungsmaßnahmen – die meist von jener gesellschaftlichen Gruppe vorangetrieben werden, die das englische Meinungsforschungsinstitut More in Common als „progressive activists“ bezeichnet hat – Widerstand provozieren. Ein erheblicher Teil der Bevölkerung will sich offenbar nicht umerziehen lassen und will sich auch nicht vom Staat vorschreiben lassen, wie viel kulturelle Vielfalt und sonstige Diversität man täglich feiern muss. Wenn dieser Widerstand ungehört verhallt, dann radikalisiert er sich und artikuliert sich umso mehr im Wahlerfolg von „populistischen“ Protestparteien.

Die Umerziehung wird weiter intensiviert

Was ist die Antwort darauf, namentlich in einem Land wie Deutschland? Man muss die Umerziehung, so meint man allenthalben, eben noch mehr intensivieren und zur Not auch mit stärker repressiven Methoden vorgehen, wofür das deutsche Grundgesetz und die umfassenden Kompetenzen des Inlandsgeheimdienstes ja durchaus Möglichkeiten bieten. Dadurch entsteht aber leicht ein Teufelskreis: Mehr Repression führt zu einer Radikalisierung des Widerstandes, die dann wieder nur mit noch mehr Repression und Umerziehung beantwortet werden kann. 

Von dieser Konstellation profitieren die „progressiven Aktivisten“, die eigentlich eine kleine, aber in den Medien, im Kulturbetrieb und zunehmend eben auch in Verwaltung und Rechtsprechung dominante Minderheit sind, selbst am meisten, weil gerade die Radikalität des Protestes von rechts sie als militante Kampftruppe gegen solche Protestbewegungen unentbehrlich macht. Am Ende kann dann ein zunehmender Zerfall der genuin liberalen Demokratie traditioneller Art stehen und eine Form von Herrschaft, die zwar noch irgendwie überlebensfähig ist, deren zunehmendes Legitimitätsdefizit aber alle notwendigen Reformen, die mit Opfern verbunden sind, vollständig unmöglich macht. In diese Richtung bewegen sich die Dinge in Deutschland bereits jetzt.

Der Staat und die Mainstream-Parteien

Wenn man diesen Teufelskreis durchbrechen will, müssen die Prinzipien des repressiven Liberalismus verworfen werden. Konservative Stimmen müssen wieder als legitim anerkannt werden, und die hegemoniale Stellung, die die progressiven Aktivisten nicht nur in Kultur und Wissenschaft, sondern zunehmend auch in der Verwaltung und im Justizwesen – zum Beispiel auch bei den transnationalen Gerichten auf europäischer Ebene – erlangt haben, muss aufgebrochen und fragilisiert werden. Bei diesen Aktivisten handelt es sich zwar wohl um nicht mehr als vielleicht 15 Prozent der Bevölkerung, aber durch die Besetzung von Schlüsselpositionen in den Medien, an den Universitäten und zunehmend auch im öffentlichen Dienst üben sie überproportional starken Einfluss aus.

Man wird in Europa aus guten Gründen vor den rabiaten Maßnahmen zurückschrecken, die ein Donald Trump ergreift, um die Dominanz dieser linksliberalen Elite zu beenden, aber ohne einen begrenzten Elitenaustausch stellt sich die Zukunft der Demokratien in Europa düster dar, weil das Misstrauen weiter Bevölkerungskreise gegenüber dem Staat und den Mainstream-Parteien immer mehr zunehmen und die schon bestehende Lähmung des politischen Systems sich damit unweigerlich verstärken wird.

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Maria Arenz | Do., 27. November 2025 - 08:02

Ich unterschreibe jeden Satz Ihres wirklich luciden Artikels. Wenn Sie uns jetzt am Schluß noch verraten hätten, welcher "man" den dringend erforderlichen "Elitentausch" denn wie genau zuwege bringen kann, ohne zu so rabiaten Mitteln zu greifen, wie der Berserker im Weißen Haus, wäre meinTag gerettet. Auf einen groben Klotz gehört bekanntlich ein grober Keil. Jedenfalls in Deutschland ist aber weit und breit keine politische Kraft zu sehen ist, die auch nur die gröbsten Irrtümer der "fortschrittlichen" Kräfte, die sich in Politik, Medien, Kultur und Bildungssektor nach oben gemogelt haben und an den Fleischtöpfen festkrallen, länger als maximal einen Tag deutlich beim Namen nennt. Meine Hoffnung, daß ein Merz das angeht, war schon verflogen, als ich im Januar gesehen habe, was bei ihm aus "All in" i.S. Invagrationsbremse wird, sobald das kleinste Gegenwindchen aufkommt. Seine Kapitulation in den Koalitionsverhandlungen war nach diesem beschämenden Vorspiel dann unabwendbar.

"Jedenfalls in Deutschland ist aber weit und breit keine politische Kraft zu sehen ist, die auch nur die gröbsten Irrtümer der "fortschrittlichen" Kräfte, die sich in Politik, Medien, Kultur und Bildungssektor nach oben gemogelt haben und an den Fleischtöpfen festkrallen, länger als maximal einen Tag deutlich beim Namen nennt."

>> wirklich noch nie was von der AfD gehört.... - oder lässt das Ihre (sorry!) 'west-lieberale Sozialisierung' einfach nicht zu..., die AfD?

Unverständlich, Ihre diesbezügliche Aussage...

Lisa W. | Do., 27. November 2025 - 08:32

"Konservative Stimmen müssten wieder als legitim anerkannt werden" schreibt Asch zu Recht. Und verunglimpft gleich am Anfang seines Kommentars eine Giorgia Meloni, die genau das so erfolgreich geschafft hat, als "selbstinszeniert" und spricht ihr dadurch Leistung und Erfolg ab. Deutsche Politik - vor allem Merz - könnte so verdammt viel von Meloni lernen, würden sie alle sich nur mal die Mühe machen hinzuschauen. Stattdessen wird dieser Lauch Macron von Merz ein ums andere Mal erwähnt. Leider ergeben 2 Schwache noch keinen Starken. Und Starmer, der Angst hat vor den Islamisten im Land, kommt noch dazu. Die einzige Person mit Eiern im westlichen Europa ist Meloni. Sie einfach mal so zur Seite zu schieben, ist schwach, Herr Asch, vor allem für einen Historiker. Merz könnte sich ja auch das eine oder andere von einem Orban abschauen, aber der wird ja schon länger diskreditiert. Also: "konservative Stimmen müssten wieder legitim sein", aber die, die bereits da sind, werden nicht erwähnt.

...ist vielen wohl zu erfolgreich für eine selbige...🤔

Ja nun, die REALITÄT anzuerkennen wenn sie nicht ins eigene über-ideologisierte Weltbild der 'progressiven Kräfte' passt war ja schon immer das Grundproblem derselben - bis heute.

Offensichtlich färbt das auch auf die Wissenschaft ab... 😉 - ein bisschen zumindest. (es ist ja auch alles noch sehr frisch..., die ('antifaschistische') Faschistin-Meloni Anti-Propaganda bis vor kurzem (Slomka u.a.) - im Augenblick redet 'man/Frau progressiv' lieber nicht zu viel über Italien/Meloni... ..., in linksgrünwoken Kreisen wie z.B. dem ÖRR... ..., das könnte nach hinten losgehen... 🤣)

H. Stellbrink | Do., 27. November 2025 - 09:20

Es ist sehr unwahrscheinlich, dass die Frösche ihren Sumpf trockenlegen. Es bedürfte dafür einer weit Vorausschauenden moralisch integren und mutigen Führungsfigur, die ohne Rücksicht auf ihr eigenes politisches Überleben ihr gesamtes politisches Gewicht in die Waagschale wirft, um eine Entwicklung im beschriebenen Sinne zu ermôglichen. Letztlich also eine Persönlichkeit wie Gerhard Schröder. Unsere politische Kaste ist im Hinblick auf Opportunismus, moralische Flexibilität und ideologische Festigkeit selektioniert, also ist kein Staatsmann von charakterlichem Format erkennbar. Merz ist es jedenfalls nicht.
Es gibt also wenig Hoffnung für unsere Demokratie. Sie wird wohl durch Unsere Demokratie ersetzt werden, die sich einer Demokratur annähert.

Walter Buehler | Do., 27. November 2025 - 09:55

Inhaltlich gesehen stimmt Ihre Wahrnehmung der politischen Wirklichkeit in Europa mit meiner Wahrnehmung überein.
Auch Ihren Lösungsvorschlägen im letzten Abschnitt stimme ich zu.

Ich erlebe aber diejenigen, die Sie "progressive Aktivisten" nennen, weder als "progressiv" noch als "aktiv".

In aller Regel haben sie keinerlei mathematische, technische. naturwissenschaftliche Kompetenzen. Sie beherrschen nur perfekt die Kunst der Intrige und Diffamierung, geschützt in geschlossenen Netzwerken in den Medien und in der Politik.

Diese sind zwar mit einem ideologischen Firnis überzogen, dienen aber primär der beruflichen Karriere ihrer Mitglieder.

Mit diesen Netzwerken konnten sie viele demokratisch verfasste Institutionen kapern und lähmen ("Marsch durch die Institutionen") - vor allem an den Universitäten.

Diese Netzwerke sind zweifellos repressiv. aber nicht "liberal". Es handelt sich um das ideologische Erbe von der "führenden Rolle" des Berufsrevolutionärs (und Parteifunktionärs).

Peter William | Do., 27. November 2025 - 09:56

Es gibt keine Mitte-Rechts Parteien mehr. Also ich sehe sie weder in DE noch in FR und auch nicht England. Mitte-Rechts ist zur anbiedernden Mitte Mitte-Links geworden. Deshalb sind die richtigen Rechten auch so beliebt bei den Wählern. Es gibt keine Mitte Rechts Alternative, siehe aktuelle Politik in allen drei Ländern!

Ursachen usw. usf. Nö, vielleicht schreibe ich ja doch mal ein Buch, so in 50 Jahren.

Peter William | Do., 27. November 2025 - 10:01

ist überhaupt nichts liberal. Das sind totalitäre Strömungen. Die Unterdrückung der Gegenrede, der Opposition, der Meinungsfreiheit ist TOTALITÄR, nichts davon ist auch nur ein bisschen liberal. Idiot!

Hans Süßenguth-Großmann | Do., 27. November 2025 - 11:23

anfangen, in dem man der AfD, die ihr zustehenden Posten auch zu billigt, d.h. die Volksvertreter müssten ihre Stimme dafür abgeben.
Sie müssen einfach realisieren, dass soundso viel % der Wähler eine andere Meinung haben. Dazu werden m.E. Wahlen durchgeführt, damit man erkennt was der Souverän will.

IH | Do., 27. November 2025 - 12:43

Wir haben zwar schon viel zuviel sinnentleerte Gesetze. Eines allerdings würde ich sofort unterstützen: Zutrittsverbot von jedweder Lobbyisten in den Bundestag und Verbot staatlicher Förderung von NGos. Dann glaube ich, werden viele Abgeordnete wieder die reale Welt sehen und im Bundestag nicht jedes noch so fragwürdige Gesetz durchwinken

C. Schnörr | Do., 27. November 2025 - 12:45

Zustimmung, zu dieser akkuraten Bestandsaufnahme. Zitat: "... aber ohne einen begrenzten Elitenaustausch stellt sich die Zukunft der Demokratien in Europa düster dar". Dazu braucht man keinen Trump. Und schrittweise kommt man auch weiter. Auch wenn ich mich hier wiederhole: Den ÖRR abreissen und in zurechtgestutztem Maße wieder installieren, mit effektiven Kontrollmechanismen, was seine eigentliche Aufgabe angeht, wäre ein erster wichtiger Schritt. Die in dem Artikel dargestellt Misere spiegelt sich hier auch wider: Jeder sieht die Notwendigkeit, aber nur eine Partei macht sich wenigstens für den ersten Teil dieser Aufgabe stark und wird nicht nur deshalb undemokratisch ausgegrenzt.

Markus Michaelis | Do., 27. November 2025 - 13:42

ist immer schwierig, ohne das eine Patentrezept. Volk, Kaiser, Gott, traditionelle Familie und Vaterland waren auch ganz ok, wurden aber grotesk übersteigert. Der große Allmachtsglaube war nur durch massive Zusammenbrüche und Scheitern zu korrigieren.

Ein wenig ist das heute auch so: wir haben Menschenrechte, GG, Rechtsstaat, offene Gesellschaft und andere Supervergötterungen, mit denen wir uns wieder am Ende der gesellschaftlichen Evolution glauben. Der große Unterschied soll jetzt sein, dass wir alles "Wir und Die" überwunden haben, nur haben wir "Die" nicht gefragt, ob die das genauso sehen wollen wie "Wir".

Bis auch das in größeren Zusammenbrüchen scheitert, werden wir noch eine Weile davon träumen, dass es "das eine wahre Menschsein" gibt, dass wir das vertreten und dass am Ende alle großen Fragen durch universell-objektive Menschenrechte und andere Supermaximen vorgegeben seien.

Dann können wir für das Allein-Richtige kämpfen - bis es zusammenbricht.

Dorothee Sehrt-Irrek | Do., 27. November 2025 - 14:52

Ich finde Ihre Beiträge regelmäßig interessant, aber Sie gewichten m.E. nicht richtig.
Schauen Sie, wer würde denn eine evtl. Frau Neubauer, einen Herrn Böhmermann etc. ins Parlament wählen?
Frau Neubauer scheiterte meiner Erinnerung nach.
In der Gesellschaft kann sie aber viel bewirken und hat jedes Recht dazu, sogar "alimentiert", solange sie unsere sogenannte Grundordnung respektiert.
Das ist vorpolitisch, aber das ist ein Kaninchenzüchterverein eben m.E. auch, oder das Rote Kreuz etc.?
Sie alle organisieren die zivile Gesellschaft und bereiten den Boden für gute Wählerentscheidungen?
Also NEIN, Konservative können neben all ihren bei- oder zugeordneten Vereinen die Parlamente nutzen, um ihre Politik nach vorne zu bringen.
Es ist nicht nötig, ja geradezu falsch, die Gesellschaft auf explizit "konservative Linie" zu bringen, indem man nur noch Liebsames fördert.
Die je Föderpraxis unterliegt doch auch der parlamentarischen/bzw. Regierungs- Kontrolle?
Zeitliche Begrenzung/Kontrollen

Dorothee Sehrt-Irrek | Do., 27. November 2025 - 17:53

Antwort auf von Dorothee Sehrt-Irrek

Menschen haben unterschiedliche Ansichten darüber, was für unser Zusammenleben unabdingbar ist oder förderlich.
Die Satire "Schützt den deutschen Dackel" hatte unbedingt etwas.
Andere wollen unser Klima schützen.
Das würde ich doch nicht verbieten wollen.
Wie gesagt, eine Art Compliance für alle Arten von NGOs finde ich okay.
Sowenig wie ich einen Gewerkschaftsstaat will, sowenig will ich, dass politische Entscheidungen auf die Strasse getragen werden.
Das war wohl bei der APO so?
Und es endete eher tragisch, sofern die Leute nicht den Weg zu unserer verfassten parlamentarischen Demokratie fanden.
Dann kann man sich aber nicht aufregen, dass sie sich über ihre Arbeit in die Institutionen einbringen und im vorpolitischen Feld sichtbar werden wollen.
Grüne, Linke etc. darf es geben, aber man darf nichts von ihnen bemerken?
Ich leugne gar nicht, dass evtl. Machtstrategien entwickelt werden.
Wenn nicht verträglich mit unserer Verfassung, wird das Geld oder die Gemeinnützigkeit gestrichen?

Wolfgang Borchardt | Do., 27. November 2025 - 17:42

Und sind wir nicht viel glücklicher mit der absoluten Wahrheit, die Unruhestifter und Abweichler unter dem Deckel hält? Auch kann die reine Demokratie nicht Volkes Sache sein. Dafür haben wir ausgewählte Parteien.