Wulffs Mailbox-Nachricht - Endlich im Bilde!

Der Berliner Maler Clemens von Wedel hat jene ominöse Botschaft, die der damalige Bundespräsident Christian Wulff in der Mailbox des Bild-Chefredakteurs hinterließ, auf sechs Leinwänden verewigt

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Foto: Daniel Biskup

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Beat Wyss hat an zahlreichen internationalen Universitäten gelehrt. Er hat kontinuierlich Schriften zur Kulturkritik, Mediengeschichte und Kunst veröffentlicht. Beat Wyss ist Professor an der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe.

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Ne bis in idem, nicht zweimal für das Gleiche: Der Grundsatz aus dem Römischen Recht stehe als Motto über einer Bildbetrachtung, die, auf den ersten Blick, sich gegen Christian Wulff richtet. Nachtreten ist nicht nur unfair, es ist auch nicht rechtens.

Aber haut denn Clemens von Wedel mit seinem Kunstwerk einfach nochmals in dieselbe Kerbe, wie schon die deutsche Presse im abgelaufenen Jahr? Der Künstler hat, Wort für Wort, in großen Lettern, die verhängnisvolle Mailbox-Nachricht des ehemaligen Bundespräsidenten an den Bild-Chefredakteur Kai Diekmann auf sechs große Bildtafeln gemalt. In seiner Botschaft hatte Wulff gebeten, die Zeitung solle die Veröffentlichung von Einzelheiten über einen Privatkredit (zumindest vorerst) unterlassen. Die Öffentlichkeit ist darüber inzwischen hinreichend informiert, es genüge hier die Erinnerung daran, dass jener Versuch präsidialer Beeinflussung vom 12. Dezember 2011 zu den belastenden Momenten gehörte, die das Staatsoberhaupt am 17. Februar 2012 zum Rücktritt bewogen.

[gallery:Christian Wulff – Künstlerisches Protokoll eines Kontrollverlustes]

Der Vorwurf, dass Wulff mit dem Werk von Wedel noch einmal nachverurteilt wird, wäre dem Künstler dann zu machen, wenn Kunst und Journalismus das Gleiche wären. Gewiss können beide, Kunst und Presse, sich nur entfalten bei garantierter Meinungsfreiheit. Doch von dieser gemeinsamen Ebene an bohrt sich der Freiheitsbegriff in unterschiedliche Tiefen. Die Presse kämpft für die angewandte Freiheit öffentlicher Meinung. Sie verteidigt diese gegen Einflussnahme von jedweder politischen Couleur. Gründliche Information ist das bildende Fundament öffentlicher Meinung. Als vierte Gewalt ist die Presse mit ihrem Freiheitsbegriff eine staatstragende Institution.

Künstlerische Freiheit hingegen bohrt sich in dunklere Zonen hinein, bis hinunter in das schwer Vermittelbare und Unzugängliche des machtlosen Subjekts. Kunst steht ein für das Recht des Individuums, in-dividuum, ungeteilte Person sein zu dürfen. Künstlertum vertritt die Figur des Anderen, jenes Unteilbaren jenseits öffentlicher und veröffentlichter Meinung. Aus Kunstwerken spricht nicht Common Sense, welcher der Presse wohl ansteht, sondern Dissens. Die Politik der Kunst besteht darin, das Neinsagen zu üben und dessen Toleranz zu vermitteln. Als notwendige Kulturtechnik einer offenen Gesellschaft macht das Neinsagen-Können die angewandte Pressefreiheit erst möglich.

Ihr Instrument ist das Schreiben, dazu da, gelesen werden zu können, so wie ein Bildkonsument auch ohne Kenntnis klassischer Poetik gern gerührt, erfreut und belehrt sein möchte. Diese Annehmlichkeit verschafft uns Wedel nicht. Denn hätte der Künstler den politisch brisanten Text nur gut leserlich aufbereitet, er hätte im Sinne der investigativen Presse gehandelt; das ist aber noch keine Kunst. Der Künstler macht Schrift und Malerei als Medien sichtbar, die sich durch Verfremdung gegenseitig stören. Die Lettern sind zu Wörtern zusammengefasst, die vor farblich wechselndem Grund einzeln skandiert sind, als würde jener Text, Wort für Wort, geschrien, gestammelt, buchstabiert. Das Werk wirkt als gestische Notation im Stil von Antonin Artaud, jenem mit Verrücktheit begnadeten und gequälten Schauspieler und Dichter. Er war ein Zeit- und Leidensgenosse von Adolf Wölfli, den Wedel seinen Lehrer nennt. Von diesem angeregt sind die bunten Wimmelbilder, die Text und Bild engmaschig miteinander verweben. Jahrzehntelang waren Artaud und Wölfli in Irrenhäusern interniert. Ihren Werken wird heute eine Wertschätzung zuteil, die den Schöpfern zu Lebzeiten verweigert war.

„Die Würde des Menschen ist unantastbar“: Der erste Satz im Grundgesetz gilt für Artaud, für Diekmann, Wedel und Wölfli. Er gilt auch für den vor einem Jahr zurückgetretenen Bundespräsidenten.

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