Vorwärts ins Mittelalter - Willkommen in der Zeitmaschine

Die US-Regierung führt einen «Kreuzzug». Die Islamisten verwechseln Präsident Bush mit Richard Löwenherz. Und ungezählte Spieler tauchen in ein Computer-Abenteuer namens «Assassin’s Creed». Doch wie echt ist das neue Mittelalter?

Wer über das Mittelalter redet, redet über die eigene Gegenwart – das ist seit dem späten 18. Jahrhundert so. Je überzeugender und malerischer seither all die Ritter, Bauern oder Burgfräulein in Büchern, Filmen und Computerspielen aufmarschieren, desto deutlicher agieren sie in der Jetzt-Zeit. Seit mehr als 200 Jahren ist das Mittelalter einer der großen Authentizitäts- und Intensitätsgeneratoren für gebildete Leserinnen und Leser.

Im 21. Jahrhundert sowieso. Da war doch was, am 11. September 2001? Der einflussreiche «New York Times»-Kolumnist Thomas Friedman wusste es schon drei Tage nach den Anschlägen: Der Konflikt zwischen den USA und dem militanten Islam sei einer zwischen den Modernen und «The Medievalists» – mit Osama bin Laden als deren Anführer. Präsident Bush bezeichnete eine Woche später den von den USA erklärten «Krieg gegen den Terror» als «Crusade», als Kreuzzug. Osama bin Laden war derselben Meinung. In seiner im Oktober 2001 auf Video verbreiteten Rede verglich er die angreifenden amerikanischen Kommandos mit den Kreuzrittern des Dritten Kreuzzugs am Ende des 12. Jahrhunderts – und Bush mit König Richard Löwenherz.

In aktuellen Mittelalter-Anrufungen haben solch genaue zeitliche Verortungen allerdings Seltenheitswert. Meistens wird ein nur ungenau definiertes, dafür umso düstereres Bild der Epoche bemüht. Islamismus stehe für «mittelalterliche Finsternis», sagte Paul D. Wolfowitz als Staatssekretär im US-Verteidigungsministerium in einer ganzen Serie von öffentlichen Stellungnahmen im Herbst 2001 und Sommer 2002. Die Taliban seien ein «mittelalterliches Terror-Regime». Sie verträten «mittelalterliche religiöse Ansichten», «eine mittelalterliche, fana­tische Weltsicht», «eine mittelalterliche, intolerante und tyrannische Art zu leben».

Sein Vorgesetzter Donald Rumsfeld erklärte diese Mittelalterlichkeit noch genauer. Vor einem Senatskomitee im April 2005 sagte er: «Zur Überraschung mancher haben unsere Feinde Verstand. Sie stellen sich fortwährend auf das ein, was wir tun. Sie kombinieren mittelalterliches Einfühlungsvermögen (medieval sensibilities) mit moderner Technologie und Mediennutzung, um die zivilisierte Welt zu schwächen.» Die Mittelalterlichkeit des Feindes liege eben in dessen Fähigkeit, sich modernster Technologien zu bedienen. Deswegen müssten gegen ihn die allerneuesten Strategien jenseits überkommener Kategorien eingesetzt werden.


Wer ist dann eigentlich der Papst?

All diese Bezüge aufs Mittelalter sind nicht nur schmissige Redensarten. Sie haben – so der amerikanische Literaturwissenschaftler Bruce Holsinger in einem höchst lesens­werten kleinen Buch namens «Neomedievalism, Neoconservatism, and the War on Terror» – einen handfesten Bezug: nämlich zu jener Strömung in den zeitgenössischen Politikwissenschaften, die unter dem Kürzel Neomedievalism bekannt ist. Die hat mit der Regierung Bush nicht direkt etwas zu tun; vielmehr geht es dabei darum, nicht­staatliche Akteure und informelle Netzwerke möglichst genau zu beschreiben. Denn beiden, so die Annahme, komme in modernen Konflikten eine zunehmend wichtige Rolle zu. Der Politologe John Rapley etwa argumentierte in der Zeitschrift «Foreign Affairs» (im Frühjahr 2006), dass der globalisierte Kapitalismus neue «mittelalterliche Strukturen» jenseits der Natio­nalstaaten schaffe. Der Terrorismus sei nur ein Aspekt eines sehr viel weiter reichenden Phänomens: Staaten verlören ihre feste Form und seien gezwungen, ihre Macht mit sozialen Binnengruppen (Rapley vergleicht sie mit mittelalterlichen Vasallen), übernationalen Zusammenschlüssen (ähnlich dem Heiligen Römischen Reich) und NGOs (analog der Römisch Katholischen Kirche) zu teilen. Titel des Aufsatzes: «The New Middle Ages».

Es ist nicht ohne Reiz, solche Parallelen zwischen modernen Hilfsorganisationen und mittelalterlichen Bettelordenspredigern zu ziehen. Aber wer ist dann eigentlich der Papst? Leider hat es dieses Mittelalter, das amerikanische Politikwissenschaftler hier heraufbeschwören, zwischen dem Untergang des römischen Imperiums und der Reformation in dieser Form nirgendwo gegeben. Denn die vermeintlichen Analogien sind aus sehr unterschiedlichen Epochen zwischen dem 8. und dem 14. Jahrhundert zusammengebastelt. Die Verweise auf «das» Heilige Römische Reich und «die» katholische Kirche lassen  zudem außer Acht, wie heterogen beide Institutionen waren und wie stark sie sich im Lauf des Mittelalters verändert haben, nicht zuletzt durch den Einsatz neuer Techniken in Verwaltung und Propaganda. Das Mittelalter der Politikwissenschaftler ist nichts anderes als ein Bastelbogen idealtypischer Geschichtsbilder aus dem 19. Jahrhundert. Rapley und Kollegen geht es  am Ende auch nicht um die Rekonstruktion von Verhältnissen in der Vergangenheit, sondern um das «Neo» am
Neomedievalism: Sie wollen ein heuristisches Modell für postnationale Weltpolitik.

«Wir sind heute alle Mediävisten»

Diese «Rückkehr des Mittelalters» oder das «neue Mittelalter» ist alles Mögliche, nur nicht neu. Als angeblich gerade anbrechendes Zeitalter von Unübersichtlichkeit und reprivatisierter Gewaltordnung ist es schon von Alain Minc und Umberto Eco in den späten 1970er Jahren beschworen worden – und, positiv gewendet, von politischen Romantikern in den frühen 1920er Jahren. Am Beginn des 21. Jahrhunderts bekommen derartige Mittelalter-Anrufungen allerdings bedrohliche Untertöne: wenn sie von Juristen der amerikanischen Administration benutzt werden, um im «Krieg gegen den Terror» Gefangenen bestimmte Rechte zu verweigern. Die US-Justizminister Alberto Gonzales und John Ashcroft haben 2002 und 2005 vor Senatsausschüssen argumentiert, gegen die Angehörigen von «failed states» und von «feudalen» oder eben «mittelalterlichen Organisationen» dürfe sehr wohl Folter angewandt werden: Sie unterlägen nicht den Bestimmungen der Genfer Konvention, die nur Angehörige regulärer Nationalstaaten schütze.

Das ist die sehr reale Rückkehr einer imaginierten Vergangenheit. Das Mittelalter à la Rumsfeld und Gonzales ist gleichzeitig primitive Organisationsform der Vorzeit und bedrohliche Eigen­schaft höchst gegenwärtiger Feinde. Gegen diese darf mit allen Mitteln vorgegangen werden, Foltermethoden wie Waterboarding oder Elektroschocks oder unbegrenzte Lagerhaft inbegriffen. Bruce Holsingers Buch endet deswegen mit einer düsteren Note: «We are all medievalists now.»


Im Superkörper über die Häuser von Damaskus

Wirklich? Mediävisten in einem ganz besonderen Sinn sind jedenfalls jene vielen hunderttausend Enthusiasten, die sich für das Computerspiel «Assassin’s Creed» (Credo des Assassinen) begeistern. Eine französisch-kanadische Entwicklerfirma präsentierte es Ende 2007. Die Rahmen­handlung spielt in einer leicht futuristisch angehauchten Gegenwart. Ein Professor, wer sonst?, eröffnet dem Spieler, dass in dessen eigenem Erbgut die Erinnerungen seiner Vorfahren physisch gespeichert seien. Diese seien im 12. Jahrhundert Mitglieder der geheimen Bruderschaft der Assassinen gewesen, wird dem Spieler erklärt. Der Professor besitzt eine Maschine, mit deren Hilfe man in die Erinnerungen der eigenen Vorfahren zurückreisen könne – und deren Aufgaben noch einmal erfüllen. Steigen Sie ein! Die ferne Epoche, die man in der Zeitmaschine bereist – so suggeriert der Plot –, steckt in einem selbst, im eigenen Fleisch und Blut.

Jenes Mittelalter, das «Assassin’s Creed» auf den Bildschirm zaubert, ist chronologisch und geografisch exakt verortet. Es geht zurück ins Jahr 1191, in die Zeit des Dritten Kreuzzugs, nach Akkon, Damaskus und Jerusalem. Der Spieler ist nun Assassine, im Spiel ein atheistischer Geheimbund, und ihm werden bestimmte Aufgaben gestellt. Er muss Urkunden finden, Informanten befragen und vor allem namentlich genannte Personen – muslimische Würdenträger ebenso wie christliche Kreuzritter – aufspüren und umbringen. Dabei treten nicht nur historische Personen wie Richard Löwenherz und Saladin auf. Die Gegner der Assassinen sind die Tempelritter, höchst gefährliche Kämpfer, und um einen geheimen Templerschatz dreht sich auch die Jagd: Alle Aufgaben dienen letztlich dazu, Informationen über den Schatz zusammenzutragen.

«Assassin’s Creed» versetzt den Spieler in aufwendige Panoramen und bietet eindrucksvolle 360-Grad-Rundblicke über die Türme und Dächer rekonstruierter Städte des 12. Jahrhunderts. Dieses utopische Mittelalter verschafft seinem Besucher außerdem einen Superkörper, mit dem er – einige Übung mit den Knöpfen der Spielkonsole vorausgesetzt – senkrechte Wände hinaufklettern und von Dach zu Dach über Häuserschluchten springen kann. Sprachen lernen muss man nicht: In «Assassin’s Creed» wird in Akkon, Jerusalem und Damaskus ein und dieselbe Sprache gesprochen, von den Tempelrittern bis zu den Bettlern auf der Straße, nämlich Englisch oder (je nach Einstellung) Französisch oder Deutsch. Gelegentlich hört man aus dem Hintergrund Satzfetzen in einer undeutlichen, kehligen Sprache, aber sie haben ebenso wenig Bedeutung für das Spiel wie die gelegentlichen Rufe von Passanten oder Wächtern: «Was macht der da?» «Halt, das ist verboten!», oder auch, bezeichnend für den sarkas­tischen Humor der Spielmacher: «Er sollte aufhören, sich wie ein Kind zu benehmen!» Frauen erscheinen hier nur als aufdringliche Bettlerinnen oder als stumme Trägerinnen mit großen Wasserkrügen auf dem Kopf – alles Hindernisse, die man beiseitestoßen oder denen man ausweichen muss.

«Assassin’s Creed» ist kein Ego-Shooter-Spiel, sondern als «Action/Adventure» klassifiziert, freigegeben ab 16 Jahren. Die Gewalt der Schwertkämpfe lässt Blut spritzen, öffnet aber keine Körper; auch dramatische Action wie Durchbohren und Umbringen der Feinde geschieht ohne Fokus auf Details.

Bärbeißige Araber, gepanzerte Tempelritter

Vor allem ist dieses Mittelalter nicht religiös definiert. Man sieht zwar die Fassade einer gotischen Kirche in Akkon, die Umrisse des Felsendoms in Jerusalem oder der Omajaden-Moschee in Damaskus, alles pittoreske Architekturmomente, aber keine dieser heiligen Stätten spielt in der Handlung eine Rolle; Golgatha taucht nicht auf.

Lesen muss man auch nicht. Die drei Städte sind unterschiedlich stark «orientalisch» dargestellt (Akkon am wenigsten, Damaskus am stärksten), aber es gibt weder lateinische noch arabische oder hebräische Schriften. Die Personen auf den Straßen sind nicht eindeutig als Muslime oder Christen gekennzeichnet. Neben verschleierten Frauen erscheinen auch unverschleierte. Die weiß gewandeten Gelehrten, mit deren Hilfe der Spieler die Stadttore passiert und sich Einlass in bestimmte Gebäude verschafft, könnten Mönche oder Derwische sein.

Anders gesagt: der mehr oder weniger aggressive Orientalismus, der die populären Bilder von den mittelalterlichen Kreuzzügen in Europa und Amerika so tief prägt  (Präsident Bushs Wortwahl für den Krieg gegen den Terror als «Kreuzzug» war ja nicht originell), fehlt in diesem Spiel. «Assassin’s Creed» richtet sich nicht nur an europäische und amerikanische Halbwüchsige, sondern soll sich offenbar auch in der Türkei, in Pakistan oder Saudi-Arabien vermarkten lassen. Im virtuellen Palästina des Jahres 1191 treten mittelalterlich-orientalisch aussehende Muslime und Christen gleichberechtigt auf, bärbeißige arabische Bewaffnete und gepanzerte christliche Tempelritter, Kirchen und Moscheen. Nur gibt es – und das dürfte diese Darstellung des Heiligen Landes doch eini­germaßen einzigartig machen – keine Juden. Bei aller stolz präsentierten historischen Detailtreue gibt es im ganzen Spiel nicht einen einzigen Hinweis auf die jüdische Religion.


«Operation Ahnenerbe» im digitalen Als-ob

Hier wird es dann doch ein bisschen unheimlich. Die Spielentwickler haben sich unübersehbar bei «Ivanhoe» bedient, Walter Scotts großem historischem Roman von 1820. Auch dieser spielt in der Zeit des Dritten Kreuzzugs; und auch hier treten die Tempelritter als böse Gegenmacht auf. Aber alle religiösen Aspekte von Scotts romantischem Orientbild fallen in dem Spiel weg – und noch deutlicher die erotischen. Denn die schöne, sexuell verlockende jüdische Heldin in «Ivanhoe» ist ersetzt durch den glatzköpfigen Professor. Die Geschichte des Mittelalters wird in «Assassin’s Creed» präsentiert als etwas, das im eigenen Körper steckt und durch futuristische Biologie wieder zugänglich wird – ein Art postreligiöse «Operation Ahnen­erbe», verlegt ins Land des digitalen Als-ob.

Von wegen Zeitmaschine also: Alle Inszenierungen der Vergangenheit kleben fest an ihrer jeweils eigenen Gegenwart. Scotts «Ivanhoe» war so erfolgreich, dass der Roman schon 1829 als Oper auf die Bühne gebracht und seither in fünf Filme und zwei Comic-Serien verwandelt wurde. In der Fernsehserie aus den 1950er Jahren spielte Roger Moore die Hauptrolle – da sind wir fast schon beim heroischen Einzelkämpfer und Geheimagenten. Kommen von daher die gelegentlich unfreiwillig komischen deutschen Anweisungen in «Assassin’s Creed», man solle in Damaskus oder Jerusalem den jeweiligen «Büroleiter» der Assassinen finden – der lange Schatten von Rumsfeld, Wolfowitz und der Central Intelligence Agency, der bis ins synthetische Jahr 1191 zurückreicht?


Das wunderbar widersprüchliche große «M»

Das Mittelalter war immer schon ein utopischer Ort, jedenfalls «das Mittelalter» im Singular und mit dem großen «M», und zwar als spezifisch moderne Wunsch­erfüllung. Das Bild von der vermeintlich homogenen Epoche frommer Mönche und edler Ritter ist im 18. und 19. Jahrhundert zu­sammengebaut worden. Seither diente die Berufung aufs Mittelalter dazu, angeblich eigene, homogene und uralte Wurzeln und Ursprünge zu proklamieren, die die frisch gegrün­deten europäischen Nationalstaaten dringend brauchten. Zur großen Industrieausstellung 1884 ließ man zum Beispiel in Turin am Ufer des Po einen «borgo medievale» erbauen, komplett mit Stadthäusern, Kaufmannskontoren und Befestigungsanlage. Zwei Blocks weiter wurden am 1. April 1900 die ersten Werkhallen der Automobilfabrik «Fiat» eingeweiht, Adresse: Corso Dante.

Mittelalter-Inszenierungen wie diese waren so verbreitet, dass deutsche ebenso wie englische Politiker im August 1914 unisono den Krieg zum Beginn eines neuen Kreuzzugs stilisieren konnten. Gleichzeitig war dasselbe Mittelalter Chiffre für das Andere, Fremde, je nach Gusto archaisch-unverfälscht oder grotesk-barbarisch. Mittelalterlich waren die eigenen verehrungswürdigen Ursprünge; mittelalterlich benahmen sich dagegen die jeweiligen Gegner – als «Hunnen» oder «Mongolen». Dieses wunderbar widersprüchliche, utopische große «M» ist in den vergangenen 200 Jahren als konfessionelles oder als nationales pittoreskes Zeitalter vermeintlich besonders authentischer Empfindung inszeniert worden.


Vorwärts in die Vergangenheit, aber gefühlsecht

Heute sind beide Mittelalter-Lesarten, die religiöse und die nationale, geschrumpft. Ersetzt worden sind sie durch einen neuen Typ von Vergangenheitsgebrauch: die touristische Inszenierung. Der amerikanische Bestsellerautor Michael Crichton hat diese neue Mittelalter-Nutzung in seinem Science-Fiction-Roman «Timeline» (1999) schön beschrieben. Der Chef eines Hightech-Konzerns entwickelt dort einen teuflischen Plan zur touristischen Kommerzialisierung der Vergangenheit. Sie sei, verkündet er, die «ultimative Attraktion des Tourismusgeschäfts», und dieses unberührte Land werde sein Unternehmen mit Zeitreisen und Wellness-Komplexen erschließen. Von den gelehrten Spezialisten hat er keine hohe Meinung. «Das sind doch nur ein paar Historiker», verkündet er. «Die werden ohnehin alle arbeitslos, wenn sie nicht für mich arbeiten.»

Ganz so wird es wohl nicht kommen. Am Ende von Crichtons Roman wird der böse Unternehmer unwiderruflich ins 14. Jahrhundert gebeamt. Recht geschieht ihm. Heutige Historiker tun aber gut daran, derartige Inszenierungen des Mittelalters ernst zu nehmen. Denn Geschichte wird darin als etwas begriffen, das nach Belieben modelliert, zugeschaltet, inszeniert werden kann: vorwärts in die plastisch-elastische Vergangenheit, aber bitte gefühlsecht.

Und die Politik? «History begins today», lautete ein Kernsatz der offiziellen Statements des US-Regierung am 12. September 2001 – wiederholt, in drohendem Ton, von Staatssekretär Richard Armitage gegenüber dem Chef des pakistanischen Geheimdiensts, Mahmoud Ahmad. Nicht nur, dass «Geschichte beginnt heute» einen ziemlich totalitären Anspruch enthält; die Inszenierung dieser Geschichte kommt, wie gesehen, nicht ohne vielfältige und in jeder Hinsicht massive Zugriffe auf das Mittelalter aus.

Ist das der eigentliche Sinn jener merkwürdigen Referenz auf die Gentechnik in der Rahmenhandlung von «Assassin’s Creed», dass der Spieler die Erinnerungen seiner Vorfahren in seiner eigenen DNA mit sich herumtrage, die er lesen und nachträglich verändern könne?

Na dann, willkommen. Das Mittelalter am Beginn des 21. Jahrhunderts ist jedenfalls jener als grundsätzlich anders bezeichnete Raum, der seine eigene Künstlichkeit stolz verkündet. In ihm ist freilich, nachdem man einmal eingetreten ist, jede Andersheit abgeschafft: Wenn einer das Mittelalter ausruft, wird’s ernst.

 

Valentin Groebner, Jahrgang 1962, lehrt Geschichte des Mittelalters an der Universität Luzern. Kürzlich erschien «Das Mittelalter hört nicht auf. Über historisches Erzählen».

 

Bruce Holsinger
Neomedievalism, Neoconservatism, and the War on Terror
Prickly Paradigme Press, Chicago 2007. 117 S., 9,99 €

Walter Scott
Ivanhoe. Roman
Aus dem Englischen von Leonhard Tafel.
Fischer TB, Frankfurt a. M. 2008. 560 S., 12 €

Michael Crichton
Timeline. Eine Reise in die Mitte der Zeit. Roman
Aus dem Amerikanischen von Klaus Berr.
Goldmann, München 2003. 640 S., 11 €

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