Wiedereröffnung von Bühnen - „Wir werden als letzte von den Öffnungen profitieren“

In der Cicero-Reihe über die Bühnenwelt im Lockdown schreibt heute der Sänger und Entertainer Marc Marshall über seine Erfahrungen während des vergangenen Jahres, über Perspektivlosigkeit – aber auch über unerwartete Erlebnisse, die Hoffnung machen.

Marc Marshall / Foto Tobias Wirth

Autoreninfo

Marc Marshall, Jahrgang 1963, ist ein deutscher Sänger und Entertainer im Bereich Jazz, Pop und Klassik.

So erreichen Sie Marc Marshall:

Es ist spät. Spät in der Krise. Endlos viele Gedanken suchten seit März 2020 einen Weg, um die eigene Künstlerseele zu retten. Eines habe ich ganz schnell begriffen: Auch Krisenzeit ist Lebenszeit.

Mir wurde aber auch etwas anderes klar: Bevor ich um Unterstützung, Wertschätzung und Wahrnehmung buhle, muss ich selbst meine Relevanz in Frage stellen und daraus meinen Weg entwickeln. Das Ergebnis: Bis heute habe ich seit diesem März 2020 mit über 200 Konzerten meine Familie, mein Team und mich mental und wirtschaftlich durch die Krise gesungen.

Seit über 50 Jahren genieße ich es, auf Bühnen zu stehen, im direkten, emotionalen Austausch mit dem Publikum – und dennoch habe ich mich in diesem Jahr an Livestreams gewöhnen können. So blieb ich auch im Gespräch. Denn ohne die mediale Präsenz geht im Entertainmentbusiness wenig bis nichts.

Aber das alles hat mir auch gezeigt: Man hat es auch selbst in der Hand, das Leben über die gewohnten beruflichen Abläufe hinaus zu gestalten. Ich wünsche jedem, dass er diese Chance spürt.
 
Die ersten Streaming-Konzerte im Frühjahr 2020 habe ich für die Menschen gemacht, denen es nicht gut ging. Menschen, die an vorderster Front versuchen, den Laden am Laufen zu halten. Ob das die Kassiererin ist im Lebensmittelgeschäft oder das unglaublich hart arbeitende Pflegepersonal – für die war das anfangs gedacht. Als Geste der Solidarität und um nicht untätig daheim zu sitzen und abzuwarten, sondern um im Rahmen meiner Möglichkeiten durch Musik meinen Teil für die Gemeinschaft beizutragen.

Mit meinem Pianisten und Freund René Krömer bin ich dann auch rausgegangen, und wir haben in Gärten und auf Terrassen von Alten- und Pflegeeinrichtungen gespielt, für Menschen, die wirklich in Isolation sind, weil niemand sie besuchen darf. Es hat meinen Tagen einen Sinn gegeben, hat mich gefordert und schöne, dankbare Reaktionen gebracht. Und ich hatte selbst etwas davon, weil es mir auch guttat. Diese Auftritte wurden zu meinem Seelenfutter.

Singen bei minus 4 Grad

Einmal habe ich bei minus 4 Grad im Schnee auf einer Terrasse für einen Mann, der mit Familie im warmen Wohnzimmer saß, „coronakonform“ zu seinem 80. Geburtstag gesungen. Mir sind fast die Finger beim Gitarrespielen eingefroren. Aber es war schön.

Mit Geben seinen Platz zu finden, macht glücklich. Das gilt auch für meine Konzerte für in Not geratene Kolleginnen und Kollegen. Da war sie plötzlich, die Relevanz, als Mensch und als Künstler! Mehr als „die Kultur“ müssen wir die Menschen retten, die hinter jeder kulturellen Aktion stehen. Und die Politik muss verstehen, dass es nicht nur Staatstheater oder Staatsmuseen oder Staatsorchester gibt. Ich gönne allen ihren gesicherten Arbeitsplatz mit monatlichem Salär. Aber man muss wissen, dass es die Künstler nicht gibt. Freischaffender Künstler zu sein, das ist etwas ganz anderes.

Ich empfinde, dass sich das Gefühl von Verunsicherung, Perspektivlosigkeit, Unfreiheit und Resignation zunehmend in der Gesellschaft einnistet. Es gibt viel zu viele traurige Botschaften; die gesellschaftliche Isolation, die Abgrenzung voneinander nimmt durch die Pandemie zu. Und wenn wir dieser Entwicklung nicht entgegenwirken, wird damit viel kaputt gemacht. Deshalb freue ich mich über Menschen, die über ihr Bauchgefühl einen Zugang zu den Mitmenschen finden. 

Ich versuche das selbst in dieser Zeit. Als Impulsgeber, als Mutmacher verstehe ich auch mich. Meine Gedanken und Gefühle teile ich heute über Streaming-Konzerte und Social-Media-Netzwerke. Die Reaktionen und Kommentare, die ich darauf erhalte, bestärken mich darin, dass nichts zu banal oder geringfügig ist, solange es auch anderen aus der Seele spricht und man es ehrlich empfindet. 
 
Dennoch geht auch mir so langsam die Luft und Zuversicht aus. Wir sehnen uns zunehmend nach Freiheit und Nähe. Und wir alle möchten und müssen arbeiten. Eine Lockerung hier, eine Lockerung da. Alle sind bemüht, keine Fehler zu machen. Wir Künstler waren die ersten, die unter den Schließungen leiden mussten. Und ich habe das Gefühl, dass wir die letzten sein werden, die von den Öffnungen profitieren.

Am Anfang einer großen Depression

Ich vermisse den Respekt und die Wertschätzung der politisch Verantwortlichen für die Branche. Und ich befürchte, dass wir als Branche gerade erst am Anfang einer großen Depression stehen.

Darum lade ich alle ein, die eine Möglichkeit haben, Künstler und die dazugehörenden Veranstaltungstechniker zu engagieren, es zu tun! Es entsteht ein irreparabler Schaden, wenn ganze Berufszweige verloren gehen – und zwar für die ganze Gesellschaft! 

Das Live-Erlebnis ist nicht zu ersetzen. Sein Fehlen darf auf keinen Fall zur Gewohnheit werden, und ich hoffe darauf, dass das Publikum sich nicht zu sehr mit dem digitalen Angebot angefreundet hat, wenn dann die Bühnen wieder offen sind. Bis dahin nutze ich die digitalen Plattformen und halte so die Verbindung. Getragen von der Hoffnung, dass der Weg nicht mehr allzu lang ist.

Aber vielleicht werden wir die Pandemie im Rückblick in Manchem auch als Wendepunkt zum Besseren verstehen können. Die Gesellschaft stand vor Corona unter einem unglaublichen Druck. Wir hatten uns in eine komfortable Sackgasse manövriert. Es ging nur noch um schneller, höher, weiter und um noch mehr Geld, Geld, Geld. Diese öffentliche Fokussierung der Aufmerksamkeit auf Mega-Events und angesagte Stars hatte aber nur die Spitze vom Eisberg im Blick. Die Vielfalt der Kultur zeigt sich selten in Arenen, sondern vielmehr auf Hinterbühnen, in Theatern und Clubs. Doch zunehmend wurde nach zählbaren Attributen des Erfolgs wie Chartplatzierungen, TV-Quoten und digitaler Reichweite gewertet.

Ich möchte nicht, dass wir in diese Zeit zurückkehren. Ich wünsche mir, dass wir uns diese Wertigkeit, diese Rückbesinnung auf genreunabhängige und freigeistige Qualität, die viele jetzt neu entdecken und als positiv empfinden, erhalten. Und dass wir uns dauerhaft vornehmen, miteinander Dinge zu schaffen, Solidarität und Mitgefühl zu zeigen und uns gegenseitig zu stützen!

Urban Will | So, 16. Mai 2021 - 10:16

zugleich ein Hilferuf.
Ja, Herr Marshall, es geht nicht nur um die Kultur, es geht um die Menschen. Die Künstler, aber auch all die anderen Menschen, denen diese Corona – Politik zusehends ihr Leben zu nehmen sich anschickt. Nach über einem Jahr Kurzarbeit und nur nebulösen Perspektiven, wie es denn weitergehen kann, weiß ich, von was Sie reden.
Der brutalen Nüchternheit eines Drosten, Lauterbach, u.a. denen jedes Quäntchen an Empathie zu fehlten scheint, die Zahlen analysieren und Forderungen stellen, steht nichts geringeres entgegen, als das Recht auf Leben, die Grundrechte, oder, wie Sie schreiben: Die Relevanz als Mensch.
Von der verängstigten, verunsicherten, schwächlichen Politik ist nicht viel zu erwarten. Sie kommen zwar allmählich aus ihren Löchern, schnuppern in den Wind und lassen die Zügel ein wenig locker, doch sie machen dies aus reiner Angst, nicht aus Überzeugung.
Sollte nach C eine Zeit des Freigeistes anbrechen, dann hätte dies alles in der Tat auch was gutes.

liegen evtl. bei vielen Menschen blank, deshalb mein Einspruch zu Ihrem Kommentar:
So habe ich den Beitrag gar nicht verstanden.
Man könnte ihn doch auch überschreiben "Man hat es auch selbst in der Hand".
Aus diesem Erleben und eigenem Tun innerhalb vielfältigster Vernetzungen, beschreibt der Autor m.E. und auch nur vermutet, dass er davon nicht wieder abrücken möchte, den Menschen in der Kultur, statt Managment des Kulturbetriebes.
Das empfinde ich als wertvollen Fingerzeig, für die Politik, aber auch für uns alle.
Ich hoffe, dass der Autor sich in seinen Erwartungen wird bestätigt finden.
Eine zweite Bemerkung gilt der von Ihnen monierten "Empathielosigkeit" von Drosten, Lauterbach et al.
Herrn Drosten habe ich nur zu Beginn der Pandemie gesehen/gehört, empathielos kam er mir nie vor.
Ich teile nur nicht unbedingt seine Sichtweise und fühle mich bei Herrn Kekulé besser aufgehoben.
Herr Lauterbach scheint mir er selbst.
Politik und Wissenschaft geben ihr Bestes.
Davon gehe ich aus.

Sie haben sicherlich Recht mit Ihrer Aussage, dass Herr Marshall den Menschen im Mittelpunkt der Kultur haben möchte, nicht den Kommerz und das Management.
Aber mit „Man hat es selbst in der Hand“ trifft es die Sache nicht so ganz. Zwar hat man es selbst in der Hand, mit seinem Schicksal umzugehen, es anzunehmen, etc., aber die mehr als privilegierte Stellung von Herrn Marshall, die er hier ja indirekt andeutet, macht es ihm leicht, mit Spontanaktionen o.ä. anderen und auch sich selbst zu helfen.
Aber was v.a.die hier angesprochenen „freien“ Künstler angeht, haben sie es dahingehend nicht in der Hand, über ihren Broterwerb aus der Kunst heraus zu entscheiden. Und da sehe ich im Artikel durchaus starke Kritik an denjenigen, die – ohne wirklich erkennbaren Nutzen – dies den Künstlern „verweigern“.
Zur Empathie. Ich habe viele Jahre Berufserfahrung und war selbst Ausbilder in einem Bereich, wo Entscheidungsfindung und v.a. Problemmanagement ganz oben stehen.
Leider sind die 1000 nun voll.

das hört man eigentlich nur von Menschen, die mit einem goldenen Löffel geboren wurden. Damit meine ich keine Millionenerben, sondern alle, die niemals so etwas wie Existenzangst kennen gelernt haben und es auch nie kennenlernen werden. Materielle Sicherheit, so weit das Auge reicht – und wenn der Blick zu eng zu werden droht, setzt man sich in den Garten oder beschäftigt sich dort wenigstens.

Klaus Funke | So, 16. Mai 2021 - 10:33

Wie bei der Kanzlerin, die glaubt, wenn sie sich in auffälliger Seidenrobe einmal im Jahr in Bayreuth sehen lässt. Allerdings fatal ist, dass ein anderer politischer Führer einst ähnlich dachte. Gut, der liebte noch Karl May so wie AM die literarischen Biografien großer Frauen wie Katharina der Großen liebt. Die Politgrößen des Landes - und das zeigt die ganze Wahrheit ihres Formats an Bildung und Moral - haben die Kultureinrichtungen und die Künstler längst als lästige Kategorie eingestuft. Außerdem verdienen die sowieso zu viel. Also werden sie eingemauert. Wozu braucht das Volk Theater, Oper, Konzert, Ausstellungen und Lesungen. Es hat doch die Glotze. Und dann sind sie noch undankbar wie bei #allesdichtmachen. Oder allzu verwöhnt wie der Dirigent Thielemann. Längst ist bewiesen, dass Theater und Konzert weniger infektiös sind wie das ganze Kanzleramt, wo weitgehend maskenfrei herumgelaufen wird. Nein, es geht Merkel & Co. darum ein ganzes Volk zu demütigen und einzuschüchtern!!

Christa Wallau | So, 16. Mai 2021 - 12:23

Welcher Art auch immer - Musik spricht Menschen in ihrem Innersten an. Die Sprache der Musik ist ein Verständigungsmittel, das die Grenzen der gesprochenen Sprachen überwindet.
Der Turmbau zu Babel hat im Reich der Töne keine fatalen Konsequenzen gehabt!
Das bedeutet: Musik ist das ideale Mittel, um GEMEINSAMKEIT zwischen Menschen fest- u. VERTRAUEN herzustellen. "Sage mir, was du gerne hörst, und ich sage dir, ob wir uns verstehen."
Daß die Bedeutung von unmittelbaren Musikerlebnissen für die Menschen von den Politikern derart unterschätzt wird, wundert mich nicht, zeigt es doch, wie dick ihr "Fell" ist, d.h. wie unsensibel sie (geworden) sind - im Gegensatz zu ihren wohlfeilen Sonntagsreden von Mitgefühl, Menschenfreundlichkeit usw.
Das Verschwinden der Volkslieder in D ist für mich ein schlimmes Zeichen. Es zeigt, daß es keine gemeinsame Gefühlsbasis der Deutschen mehr gibt. Dies wurde durch systematische Vernachlässigung von linken Bildungspolitikern bewußt herbeigeführt.

Das bedeutet: Musik ist das ideale Mittel, um GEMEINSAMKEIT zwischen Menschen fest- u. VERTRAUEN herzustellen. "Sage mir, was du gerne hörst, und ich sage dir, ob wir uns verstehen."

Frau Wallau, ich musste ob dieser Aussage schon sehr schmunzeln!
Ich höre fast ausschließlich "Affen-/Negermusik" wie man früher sagte.
Also R&R, Punk - alles wo die Post abgeht.
Meine Nachbarn sind sehr tolerant ...

Ich war einmal auf einer türkischen Hochzeit - die Musik war meist grausam.
Das Essen entschädigte dieses akustisch-phonetische Massaker!
OK, mir sind keine bedeutenden türkischen Rockbands bekannt - egal.
Gleichwohl komme ich mit sehr vielen dieser Zeitgenossen prima aus - tamam!

Wie sagte der bayrische Innenminister Herrmann:
"Roberto Blanco ist doch auch ein wunderbarer Neger!"
Er sang ja zusammen mit Tony Marshall "Heute haun wir auf die Pauke!"
Die "zwei Stimmungskanonen!"

Musik verbindet?
Ob den Vietnamesen die DOORS gefallen?
https://www.youtube.com/watch?v

Sie verstehen, gell!

Für den einen der Fussfallclub, für den anderen der Handball oder für mich persönlich schwimmen & Sauna.
Ich war bis vor ein paar Jahren eine Tanzmaus & konnte nichts auslassen. Hinzu Oper, Operette, Schauspiel (bis auf Palett - meiner Frau zu liebe), Dixieland - eigentlich Alles. Hinzu essen, trinken, über Gott & die Welt quatschen.

DAS IST LEBEN - DAS IST KULTUR - Wir sind KEINE Einsiedler!!!

Und wäre ich Musiker auf der Titanic gewesen, ich hätte zum Schluss noch die neunte gespielt.

Was hier die POLITIK mit uns treibt, ist ein Verbrechen an meine persönliche Menschlichkeit, Freiheit & Menschenwürde.

Es geht nicht darum, dass man zu diesen Zeiten Großveranstaltungen plant. Es geht darum, Lösungen zu finden, wo ein jeder für sich entscheiden kann, dass geht in Ordnung oder eben nicht. Wenn aber ein Herr Lauterbach sagt, der darf das nicht & ein jener hat 21 Uhr zu Hause zu sein, dann fühle ich mich wie andere in einer großen geschlossenen Anstalt. Und dies hatten wir schon 😠

Rob Schuberth | So, 16. Mai 2021 - 18:02

Das Gute an Menschen wie Herrn Marshall ist m. E. ihre starke positive Ader.

Ohne diese positive Grundeinstellung könnten sie ihren Alltag, der ja oft Höhen u. Tiefen ganz erheblichen Ausmaßes kennt, vermutlich auch kaum leben.

Der Umgang mit unseren Kulturschaffenden war für mich seitens der Politiker mehr als beschämend.

Aber auch der mediale Angriff auf die #allesdichtmachen# Aktivisten war ein Armutszeugnis für das freie Denken und Meinungsäußern.

Ich hoffe sehr dass es unseren Künstlern bald wieder deutlich besser gehen wird.