Wie politisch ist die Lust?

Philosoph Peter Sloterdijk analysiert die Konvergenz von gesellschaftlichem Luxus und naturgegebener Verschwendung in der Sexualität.

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Nie zuvor – von lokalen Ausformungen aristokratischer Erotik abgesehen – war so evident, dass „Sex“ eine völlig eigenwertige Luxusbetätigung darstellt. Als Naturtheater des Auftriebs bietet er allen Aktiven eine Chance, sein antigraves Potenzial zu erforschen. Durch seine Lage am Schnittpunkt zwischen Ausdruck von Passion, Begegnung, Spaß und Sport bietet er Zugänge aus allen Richtungen. Er ist, in seiner decodierten Form, die reine Laune selbst – wenn wir unter der „Caprice“ die Regung verstehen, die ihr Ziel in sich trägt. Ihre Ausführung schließt die Selbstbelohnung ein. (Wer dann noch fragt, was er davon hat, stellt eine Frage zu viel – Definition der Dummheit.) Deswegen bildet decodierter, explizierter, von emotionalen und reproduktiven Bedeutungen leicht abkoppelbarer Sex die Mitte der Spaßkultur – das heißt des Systems der emanzipierten Launen. Nur eine verschwindende Minderheit von Intimhandlungen hat aktuell oder potenziell noch einen Bezug zur Zeugung von Nachkommen, sei es als zu begrüßende oder zu vermeidende Möglichkeit, während sich die größte Zahl der Liebesspiele im Horizont von Lustgewinn, Performance oder Entspannung erschöpft. Auf den grotesk angewachsenen Prostitutionsmärkten steht von vornherein die reine Vorliebe für diese oder jene Spielform im Zentrum. Je expliziter die Sexualität wird, desto mehr nähert sie sich dem Pol der puren Verschwendung. Im Übrigen war diese Erfahrung, die heute in die Reichweite unzähliger erotisch nomadisierender Einzelner gerückt ist, traditionell bei den seltenen, über lange Zeit glücklichen Ehepaaren aufgehoben; sie genossen das Privileg, über dem ökonomischen Paradoxon ihres Verkehrs zu schweben. Wenn aus eintausend Umarmungen, heiter monochrom, eine Handvoll Kinder hervorging, oder auch nur ein einziges, bot diese Disproportion zwischen Viel und Wenig die unproblematischste Ansicht des Glücks. Die für sich gesetzte Sexualität, wie sie inzwischen in den kinderarmen „Gesellschaften“ des Westens dominiert, expliziert eine evolutionär gut etablierte Naturdimension von Verschwendung. Sie ist bei allen Säugetieren angelegt, wird bei den Hominiden intensiviert und in der Sapiens-Linie auf die Spitze getrieben. Der Übergang zum Permasex zeichnet sich bei einigen Primaten ab – schon hier gewinnt die sexuelle Aktivität luxurierende Eigenwerte, sie fließt auch gelegentlich, wie das bekannte Beispiel der Bonobos zeigt, ins Gruppenmanagement ein. Unter Millionen von unreifen Eiern, die in den Ovarien jedes weiblichen Sapiens-Individuums disponibel sind, reifen im Laufe eines Lebenszyklus kaum mehr als vierhundert aus; davon werden bei intensivem Verkehr weniger als drei Prozent befruchtet; weniger als ein halbes Prozent entwickelt sich zu Nachkommen. Noch weitaus extremer stellen sich die Überschussproportionen bei den männlichen Mitgliedern der Gattung dar. Bei einer Anzahl von 40 Millionen Spermien pro Ejakulat erreicht ein Mann mit einer Frequenz von zwei Verausgabungen pro Woche über einen Zeitraum von vierzig Jahren eine Emission von mehr als 150 Milliarden Spermien, von denen Biologen annehmen, dass etwa die Hälfte normal beweglich, wohlgeformt, zeugungstauglich ist. Nach der physiologischen Explikation von Sexualität ist eine biologische Definition der männlichen Existenz möglich: Der decodierte „Mann“ ist ein Kanal, durch den Spermakaskaden fallen. Im Verhältnis hierzu erscheint nahezu alles andere als Überbau. Reale Zeugungserfolge, von gewöhnlichen Vätern, von Herumtreibern, von Paschas, können angesichts der Verschwendungsquote vernachlässigt werden. Auch die subjektive Einstellung der Männer zu ihren Verausgabungen ist ziemlich belanglos, der Spermienstrom fragt nicht, ob die Person Paulus oder Bataille liest. Die sexuelle Explikation geht direkt in die Explikation des Auftriebs über. Man kann behaupten, dass in diesen Explikationen wesentliche Züge der Natur des Menschen – man beachte das Fehlen der Anführungszeichen – zur Darstellung gebracht werden, adäquater als in allen früheren, von Askese und Mangel determinierten Systemen. In diesen wurde der Zugang zum Überfluss immer nur auf dem Umweg über eine innere Stauung oder eine organisierte Frustration gebahnt – indessen im erotischen Liberalismus eines der Substrate des menschlichen Reichtums, der freie Gebrauch überschießender Lüste, ohne Hemmungen durch das Verbot und die Neurose an die Oberfläche gebracht wird. Frank Wedekinds „verkappte Religion des Geschlechtsverkehrs“ und Otto Weiningers vollendet dunkle „Religion der Vagina“ sind – aus der Distanz eines Jahrhunderts betrachtet – kaum mehr als Anfangskomplikationen bei der Decodierung der Sexualität. In ihnen gelangt eine von weit her kommende Überlieferung des Elends zu ihrer Endgestalt. Inzwischen ist es eine Angelegenheit der Bildung geworden, in Bezug auf abgelebte Neurosen dieser Art ein Mitgefühl entwickeln zu können. Sollte man hinzufügen, dass in solchen Möglichkeiten eine der subtilsten Formen des Luxus kulminiert? – die der Einfühlung in Dinge, die man nicht mehr nötig hat. Der Text ist dem Buch „Sphären III/Schäume“ entnommen (Suhrkamp Verlag) Foto: Picture Alliance

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