- Man nannte es mutig, obwohl es bloß bequem war
Noch vor kurzer Zeit hieß es permanent, Marken hätten eine gesellschaftliche Verantwortung, Werbung müsse politisch sein. Nun sind die großen Haltungskämpfer verstummt. Nicht weil ihre Überzeugungen zu stark waren, sondern weil sie nie welche hatten.
Es ist merkwürdig still geworden in der deutschen Werbelandschaft. Keine flammenden Appelle mehr für Vielfalt, keine tränenreichen Familiengeschichten über Toleranz, keine Discounter, die uns erklären, wie wir die Welt retten. Die Weihnachtsspots von Penny und Edeka, jahrelang gefeiert als gesellschaftlich relevante Statements, sind verschwunden. Sang- und klanglos, als hätte es sie nie gegeben.
Erinnern wir uns: 2022 inszenierte sich Penny als Mahner gegen die Wegwerfgesellschaft, 2023 folgte die große Erzählung von – natürlich – Diversität. 2024 ging es um Kinderrechte. Die Marketing- und Werbebranche überschlug sich vor Begeisterung. Man feierte sich selbst auf Kongressen, die Fachmedien publizierten Lobeshymnen. Auf LinkedIn posierten Kreativdirektoren vor Plakaten der eigenen Kampagnen und waren „stolz auf mein Team“. Die Kommunikationsbranche hatte sich in einen schulterklopfenden Selbstbestätigungszirkel verwandelt, in dem jede Auszeichnung nur bestätigte, was man ohnehin schon wusste: Endlich hatte sich die Werbung aus ihrem stigmatisierenden Dasein als „Andreher und Manipulierer“ befreit. Man war jetzt auf der richtigen Seite der Geschichte. Dass diese Seite verdächtig gut mit den eigenen Lebensrealitäten übereinstimmte, fiel niemandem auf.
Keine großen Geschichten mehr
Noch vor kurzer Zeit belehrte uns die Branche unermüdlich: Marken hätten eine gesellschaftliche Verantwortung, Werbung müsse politisch sein. Consumer vult! Denn Konsumenten würden Unternehmen mehr vertrauen als der Politik, hieß es. Studien wurden zitiert, die Marktforschung lieferte die gewünschten Zahlen, die Selbstgefälligkeit kannte keine Grenzen. Dass der „Kunde“ in diesen Erhebungen meist das eigene Spiegelbild war, störte nicht weiter. Und jetzt? Weihnachten 2025 ging ohne „Haltungsspots“ über die Bühne. Keine großen Geschichten mehr, keine ethischen Appelle. Stattdessen: klassische Preiswerbung. 20 Prozent auf Bratwurst.
Wir erleben gerade die Rückkehr zur profanen Realität des Einzelhandels, die man doch längst „transzendiert“ zu haben glaubte. Ausgerechnet jetzt, da der viel beschworene „Vibe Shift“ eine gesellschaftliche Kehrtwende markieren würde und böse rechtspopulistische Strömungen erstarkten – also genau dann, wenn konsistente Haltung mehr bedeuten würde als ein Instagram-Post –, ist die Kommunikation der großen Haltungskämpfer auf Produktversprechen und Preisaktionen zusammengeschrumpft. Wo sind sie jetzt, die moralischen Leuchtturmmarken? Bei den Rabattaktionen. 100 Prozent auf den Inhalt! Dort, wo sie im Zweifel schon immer waren.
Die Werbelandschaft als Spiegel der Absichtspolitik
Doch ist das wirklich überraschend? Die Werbung war und ist nur die konsequenteste Ausprägung einer politischen Kultur, die sich längst von der Handlung zur Absichtserklärung verschoben hat. Was wir in der Werbung beobachten, ist das zugespitzte Abbild dessen, was die Politik seit Jahren praktiziert: Man verkündet Ambitionen und Haltungen, statt sie zu leben. Man könnte von einer Ökonomie der guten Absichten sprechen, in der das Verkünden von Zielen mehr zu zählen scheint als deren Erreichung.
Die Werbung hat dieses Prinzip zur Meisterschaft gebracht. Sie ist die Kunstform der Absichtserklärung. Ihr Medium ist das Versprechen, nicht die Erfüllung. Sie handelt nicht vom Sein, sondern vom Scheinen. Insofern war der Übergang zur „sinnhaften Werbung“ nur konsequent: Warum über saubere Wäsche sprechen, wenn man über eine saubere Zukunft reden kann? Warum Produkte anpreisen, wenn man Prinzipien verkünden kann? Das Versprechen ist immer größer als die Einlösung.
Die Sehnsucht nach der falschen Gemeinschaft
Dahinter steckt noch etwas Tieferliegendes: Die Haltungswerbung war der Versuch, die zunehmende Vergesellschaftung unserer Welt durch das warme Gefühl von Gemeinschaftlichkeit zu ersetzen. Man wollte aus Kunden Gefährten machen, aus dem Einkauf eines Blumenkohls eine emotionale Beziehung. Der Supermarkt sollte zum Ort gemeinsamer Werte werden.
Nur: Es war nie die Gemeinschaftlichkeit aller, sondern nur die eines juste milieu. Eine kleine Gruppe junger, urbaner, akademisch gebildeter Menschen definierte, was als gemeinsame Werte zu gelten habe, und hielt diese Setzung für universal. Kaum eine Branche ist so homogen wie die Marketing- und Werbebranche. Doch kaum eine Branche nimmt mehr „Diversität“ für sich in Anspruch. Man verwechselte die eigenen Prioritäten mit denen der Nation und den eigenen Lebensstil mit dem Leben der Vielen. Das Ergebnis war eine Scheingemeinschaft, die nur in Werbefilmen und auf LinkedIn existierte, aber draußen im Land zunehmend als Zumutung empfunden wurde.
Anstatt Gemeinschaft zu stiften, produzierte man daher Spaltung. Man wollte für alle sprechen und sprach nur für eine Minderheit. Die vermeintliche Gemeinschaft der Haltungskampagnen war nie mehr als das Wir-Gefühl einer urbanen Elite, die sich ihrer selbst so sicher war, dass sie die Ablehnung der anderen als Beweis der eigenen Progressivität deutete. Je lauter der Widerspruch, desto richtiger musste man liegen.
Doch statt diese Diskrepanz als Problem zu erkennen, wurde weiter auf gesellschaftliche Relevanz gesetzt und das Geld der „konventionellen Kunden“ verbraten. Solange die veröffentlichte Meinung applaudierte und die Branche selbstentzückt war, schien die Rechnung einfach: maximale Aufmerksamkeit bei minimalen Risiken. Die Kampagnen waren ja auch nie wirklich riskant. Sie vertraten Positionen, die in den Redaktionsstuben und Agenturbüros längst Konsens waren. Man nannte es mutig, obwohl es bloß bequem und selbstversichernd war.
Von der Absicht zur Wirklichkeit
Vielleicht ist das Verstummen eine Chance. Eine Chance, dass Werbung wieder das tut, wofür sie bezahlt wird: Produkte verkaufen statt Gesellschaft zu erziehen. Dass Unternehmen ihre Verantwortung dort zeigen, wo sie real wirkt: vor Ort und konkret. Und: die profane und äußerst wertschätzende Erkenntnis, dass ein Discounter ein Discounter ist. Dass seine Aufgabe darin besteht, Lebensmittel zu verkaufen, nicht Lebensweisen zu diktieren. Dass wahre Verantwortung sich nicht in Spots manifestiert, sondern in fairen Löhnen, einem partnerschaftlichen Miteinander mit Lieferanten, bezahlbaren Preisen, Steuerentrichtung vor Ort und einem ehrlichen Umgang mit den Kunden. Das klingt unspektakulär? Ist es auch. Aber es ist ungemein wichtig.
Die großen Haltungskämpfer sind verstummt. Nicht weil ihre Überzeugungen zu stark waren, sondern weil sie nie welche hatten. Das ist die eigentliche Lehre: Wer Prinzipien nur zeigt, wenn es opportun ist, hatte niemals welche. Und wer glaubte, eine Gemeinschaft zu stiften, während er nur sein eigenes Milieu bediente, hat am Ende beides verloren: Gemeinschaft und Glaubwürdigkeit. Was bleibt, sind 20 Prozent auf Bratwurst. Der Markt korrigiert eben alles – auch die Ethik.
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Herr Professor Errichiello.
In den USA ist die Werbebranche längst bekehrt und verzichtet - dank ausbleibender Verkaufserlöse - weitere „Haltungsspots.
Auch bei uns dürfte diese Kehrtwende nicht mehr lange auf sich warten lassen.
Der Kampf um das Geld der
Konsumenten, dessen Menge schrumpft, wird zunehmend härter werden und sich wieder auf Qualität zu den günstigsten Preisen konzentrieren.
Wie überall - kehrt die Realität auch im Bereich des Handels
mit den ihr eigenen, immer gültigen Gesetzen zurück.
@Christa Wallau, nach meinem Empfinden war nur der genossenschaftlich organisierte Handel (REWE Group, EDEKA) für diese "Haltungs“-Werbung anfällig-die zentral organisierten Discounter ALDI und LIDL/Kaufland nicht. In Gruppen widerspricht man ungern "Gutmenschen". Das war auch lange Zeit das GRÜNE Erfolgsrezept. Dieter Schwarz als Erfolgsunternehmer hätte wahrscheinlich bei einem solchen Werbevorschlag nur den Kopf geschüttelt.
Sie haben alles wiedermal kurz knapp kommentiert und wie immer richtig aus meiner Sicht. Man braucht Geduld. Alles was von Amerika kam, brauchte immer etwas länger, bis es bei uns auch in den Alltag einzog. Man wollte ja nicht auf uns Mahner und Warner hören. Seit 2018 kenne ich Sie aus dem Forum hier und auch sie gehörten neben vielen anderen zu denen, die vor ein solcher Entwicklung gewarnt haben. Ich bin mir sicher. Wir hätten gerne unrecht gehabt. Aber es kam ja in manchen Bereichen noch schlimmer als wir beide 2018 gedacht haben. Ihnen ganz persönlich noch ein gutes neues Jahr und vor allem Gesundheit.
Ich wünsche Ihnen und Ihrer Familie auch alles Gute für 2026.
Bleiben Sie gesund und uns allen auf diesem Forum noch lange erhalten!
Sehe richtig, liebe Frau Wallau 😀👍.
Die Linken haben sich auf einen Kampf eingelassen, den sie nicht gewinnen können: den mit der Realität.
Die Bedürfnisse der Kunden entscheiden über Absatz. Ob die Rindsbratwurst mit viel Liebe und kritischen Gedanken zum Klimawandel sowie mit fünf Labels für Weltrettung bedruckt hergestellt oder vom Südseeinsulaner fairgehandelt abgekauft wurde, ist völlig uninteressant.
Verstummt ist der Haltungskonsum nur, weil die Angst vom „go woke go broke“ umgeht, und zwar völlig zurecht.
Vor einem Jahr brauchte ich eine neue Waschmaschine, gerne von Miele. Aber Miele musste an einer woken Diversitätskamagne teilnehmen, wie einige andere Markenhersteller auch. Ich habe mir für über 1000 Euro eine Bosch gekauft , das Foto an Miele geschickt und erklärt, sie könnten sich ihre Kampagne sonstwo hinstecken.
Ich behaupte nicht, dass meine Aktion irgend etwas gebracht hat, aber ich bin nicht der Einzige, der seinem Unmut Worte und Taten folgen lässt.
Wer möchte schon von seinem Waschmaschinenhersteller moralisch belehrt werden???
Als Peter Fischer keine Eintrittskarten mehr an AfD-Wähler verkaufen wollte, habe ich mir an den Kopf gefasst.
Seit Rossmann, Miele, Vorwerk, Schüco und noch ein paar andere sich öffentlich zu "Brandmauerverteidigern" erklärten, hat sich in allen meinen Einkaufs-Navi-Systemen ganz automatisch die "Meiden"-Funktion aktiviert. Jede Sichtbarkeit solcher Marktteilnehmer scheitert zuverlässig an meinem persönlichen Wahrnehmungs-Spam-Filter.
Herr Peters, Sie haben völlig recht. Gerade Miele sollte nicht von Haltung schwafeln, zumal die Firma die End-Montage ihrer Waschmaschinen aus Kostengründen von Gütersloh nach Polen verlegt. Dann ist Moral nicht so wichtig.
die Haltung Juste Mileus ist die das Opportunismus. Es verdient sein Geld mit Treue gegenüber den Herrschenden, nicht mit echter Leistung für die Gesellschaft. Diese Selbsterkenntnis urmenschlichen Verhaltens tut weh, wenn man sie sich eingesteht, deshalb tun das nur Zyniker. Sie meisten heften sich mit an die gängigen Narrative, die dieses Verhalten moralisch erhöht. Entlarvt man das, reagieren sie mit Ablehnung bis zu Hass.
Dieser Opportunismus bildet die Mehrheit jeder Gesellschaft, von Nordkorea über Deutschland bis Russland. unabhängig von der Geschichtlichen Periode oder den Kulturraum. Es wäre arrogant, das zu verachten. Man muss nur die Realität erkennen. Der Mensch in einem Umfeld muß auf die sozialen Kosten seiner öffentlich sichtbaren Haltung Rücksicht nehmen. Weichen beide aber zu stark voneinander ab, hat das auch psychologische Folgen, die viele scheuen.
Das sich die Mehrheit der Gessellschaft opportunistisch verhält, das trifft auf autoritäre Regime zu, aber nicht auf Staaten die mit freiheitlich demokratischer Grundordnung ausgestattet sind.
In Deutschland und einigen anderen Ländern der EU kann man die zunehmende Verweigerung zum Opportunismus der "Herrschenden" deutlich beobachten, und dies ist keine Arroganz sondern die Einsicht, dass für die Verteidigung dieser bestehender Freiheit eine Opportunismus-Ablehnung dem notwendigen "Salz in der Suppe" gleich kommt
Es ist nur noch Frage der Zeit bis dieses, auf Opportunismus gebautes "Kartenhaus" eine Wende erfährt, eben weil die Mehrheit es ablehnt.
für die im Internet mit Randgruppen wie LGBTQ oder POC geworben wird, oder auch solche, deren Website gegendert ist.
Davon fühle ich mich nicht angesprochen, sollen doch diejenigen die Produkte kaufen, mit denen die Werbung voll ist.
Wenn ich das Gefühl habe, dass ich als Kunde mit Bullshit-Statements zu irgendwas erzogen werden soll, verlasse ich den Laden (z.B. Rewe oder Edeka, aber auch andere). Das trifft übrigens auch auf die albernen Labels von irgendwelchen „Verbraucherschutzvereinen“ zu.
Ich empfinde es als übergriffig und anmaßend, wenn Unternehmen, konkret sind es ja die CEOs, mich über ihre Haltung belehren wollen. Das ist nicht ihre Aufgabe und auch nicht mein Interesse. Einige Marketingaktionen, beispielsweise die väter- und männerfeindliche Werbung von Edeka, führte zum Boykott der Produkte. Kam diese Haltungswerbung überhaupt jemals beim Kunden gut an? Ich kenne keine konkreten Zahlen dazu.
interessant wäre, ob dieses Verstummen mit Zahlen belegbar ist. Ob in den Chefetagen sich plötzlich eine „go woke, go broke“ Erkenntnis durchgesetzt hat, oder ob es nur als ein unspektakuläres Ende eines Trends gesehen wird, ein sanfter „vibe shift“. Denn marketingtechnisch gab drastische Erweckungsmomente. In USA war es u.a. die Budweiser light Werbung, die 2023 das Transthema aufgegriffen hatte und deren Verkaufszahlen sich bis 2025 nicht erholt hatten. Und anscheinend hat Edeka’s „Anti-Blau“-Werbung, die von der Zentrale gesteuert wurde, einige Kaufleute dazu veranlasst, sich zu distanzieren. Bezeichnend auch, dass diese Anzeige gezielt in der Hauspostille des Juste Milieus lanciert wurde, der ZEIT. Gerade im Osten hat man (vor den Wahlen) damit wahrscheinlich Öl ins Feuer gekippt.
Fazit des Budweisers Marketingchef nach der desaströsen Kampagne: Wenn im Land die Dinge spaltend und kontrovers werden, wäre das ein wichtigen Weckruf für alle Marketingleute, hier sehr demütig zu sein.
Erinnert sich noch jemand an die Edeka-Kampagne kurz vor den Landtagswahlen in Ostdeutschland 2024, wo dieser Lebensmittelhändler alles "Blaue" als "schädlich" deklariert und aus seinem Markt verbannt hat (Blaubeeren, Pflaumen, etc.)?
