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Wenn die Zukunft schmilzt, muss man handeln. Aber wie? / picture alliance / Isabelle Ouvrard / SEPA.Media / | Isabelle Ouvrard

Klimawandel - Mit Moral ist nichts getan

In ihrem neuen Buch „Wer soll was tun?“ fragt die Kölner Juristin Frauke Rostalski, wie wirklicher Klimaschutz aussehen müsste und erklärt, warum Lebensschutz, auch im Zusammenhang mit dem Klimawandel, nicht automatisch Freiheitsrechte aushebeln kann. Ein Vorabdruck.

Autoreninfo

Frauke Rostalski ist Professorin für Strafrecht, Strafprozessrecht, Rechtsphilosophie und Rechtsvergleichung an der Universität zu Köln. Sie ist Mitglied des Deutschen Ethikrats.

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Frauke Rostalski ist Professorin für Strafrecht, Strafprozessrecht, Rechtsphilosophie und Rechtsvergleichung an der Universität zu Köln. Seit 2020 ist sie Mitglied des Deutschen Ethikrates. Mit ihrem Buch „Die vulnerable Gesellschaft“ war sie 2024 für den Deutschen Sachbuchpreis nominiert. Nun erscheint am 18. September 2025 Rostalskis neues Buch „Wer soll was tun? Warum wir nicht zum Klimaschutz verpflichtet sind und worin unsere Verantwortung eigentlich besteht“ (Verlag C.H. Beck). Während in Sachen Klimawandel sich viele einig zu sein scheinen, dass wir alle verpflichtet sind, unseren individuellen Verbrauch von Treibhausgasen umfangreich zu reduzieren, tritt Frauke Rostalski in ihrem Essay diesem Narrativ entgegen und sagt: Eine Pflicht zur Reduktion des CO2-Ausstoßes besteht derzeit gar nicht. Nationale wie individuelle Heldentaten verlaufen im Sand oder erweisen sich schlimmstenfalls sogar als kontraproduktiv, solange auf internationaler Ebene kein effektives System existiert, in das sie sich einfügen. Cicero bringt im Folgenden einen kurzen Auszug als Vorabdruck.

Wer soll was tun? 

Der Klimawandel wirft zweifellos Fragen der Verantwortung auf. Diese aber werden gegenwärtig mitunter ganz falsch beantwortet. Dies hat weitreichende Konsequenzen – für die Gewährleistung von individuellen Freiheitsrechten in unserer heutigen Gesellschaft, vor allem aber dafür, wie effektiv der globalen Erwärmung tatsächlich entgegengewirkt wird. Das Pariser Übereinkommen ist ein totgerittener Gaul, auf den keine weitere Zeit verschwendet werden sollte. Die internationale Klimapolitik befindet sich seit Jahrzehnten in einer Sackgasse, aus der sie nicht herauszukommen scheint. Dies ist letztlich kein Wunder, solange an einem dysfunktionalen Übereinkommen festgehalten wird, das keine Aussicht darauf hat, dem Klimawandel erfolgreich entgegenzuwirken. 

Das Rad herumzureißen, ist das Gebot der Stunde  – dies kann allerdings nicht auf nationaler, sondern allein auf internationaler Ebene erfolgen. Vor diesem Hintergrund sind Verantwortlichkeiten zum gegenwärtigen Zeitpunkt klar verteilt: Nicht der Einzelne ist in der Pflicht, sein Leben in der einen oder anderen Weise zu führen oder gar Freiheitseingriffe von staatlicher Seite hinzunehmen, die in das Interesse des Klimaschutzes gestellt werden. Bevor eine individuelle Verantwortlichkeit überhaupt entstehen kann, bedarf es eines globalen Gesamtkonzepts, in das sich nationale Maßnahmen sinnvoll und effektiv einfügen. Solange dies nicht der Fall ist, sind selbst noch so weitreichende nationale Einschnitte unwirksam, sie drohen infolge unerwünschter globaler Effekte mehr Schaden anzurichten, als ein positiver Nutzen damit einhergeht.

Anstatt dem Rechnung zu tragen, bewegt sich die nationale Debatte seit Jahren in einer Aufwärtsspirale der Verbraucherverantwortlichkeit. Flugreisen, der private Pkw, die heimische Wärmeversorgung, Ernährung und sonstiger Konsum – alles wird zum Politikum. Mit moralischer Überlegenheit urteilen diejenigen, die sich etwas mehr privaten „Klimaschutz“ leisten oder in ihrem Leben einrichten können, über andere, denen dies nicht in derselben Weise gelingt. Der Wettkampf um den höchsten moralischen Status ist unaufhaltsam im Gange und schraubt sich in immer weitere Höhen. Wer nicht für immer weiter reichende, auch gesetzliche Maßnahmen zur Umsetzung der „ökologischen Transformation“ ist, wendet sich gegen Klimaschutz – so einfach die verbreitete Rechnung. Die Fähigkeit zur differenzierten Betrachtung, zur sachangemessenen Debatte über Gegenargumente geht unweigerlich verloren in einem moralinsauren Klima der gegenseitigen Überbietung und Verurteilung. 

Völlig aus dem Blick gerät dabei das, was eigentlich zu tun ist: auf ein globales System hinzuarbeiten, das (endlich) die Wende einläutet. Schon lange wird vor allem von Ökonomen auf die Notwendigkeit eines gemeinsamen CO2-Preises hingewiesen, der am besten innerhalb eines Klima-Clubs der Willigen umgesetzt werden könnte. Dass dies politisch in der gegenwärtigen Weltlage unwahrscheinlich sei, ist kein Argument, das von der entsprechenden Verantwortlichkeit entbindet – und erst recht keines, das für die Übergangszeit ineffektive Maßnahmen und damit einhergehende individuelle Freiheitseinschnitte rechtfertigt.

Solange global im Status quo verharrt wird, gibt es gleichwohl andere Schritte, die national gegangen werden können und zu denen mitunter auch eine Verantwortung besteht. Im Vordergrund steht dabei die Förderung von Forschung in sämtlichen Bereichen, die eine effektive Bekämpfung des Klimawandels versprechen. Hinzu tritt die gesellschaftliche Verantwortung, schon heute in Aushandlungsprozesse einzutreten, wie künftig Freiheitsrechte und Lebensschutz in Einklang gebracht werden sollen, wenn es so weit ist und nationale Maßnahmen als Teilelement einer globalen Strategie wirklich den Unterschied machen. Lebensschutz überwiegt nicht alles, er gilt in einer freiheitlichen Rechtsordnung nicht absolut – auch nicht im Zusammenhang mit dem Klimawandel. 

Debatten darüber, wie Lebensschutz und Freiheitsrechte gegeneinander abgewogen werden sollten, sind besonders konfliktträchtig, in puncto Klimawandel rühren sie am Wohlstand eines jeden und letztlich an der Art und Weise, wie die Menschen bisher gelebt haben. Weitreichende und eingriffsintensive Entscheidungen lassen sich erfahrungsgemäß besonders schwer „im Auge des Sturms“ treffen. Darum sollte heute damit begonnen werden. Dabei handelt es sich um kein Gespräch, das im Abstrakten verharren darf. Um die Grenzen zu definieren, die für die individuelle Freiheit zum Schutz vor dem Klimawandel verbleiben sollen, müssen konkrete Lebensbereiche und Freiheitsdimensionen in den Blick genommen werden. Auch insoweit ist es essentiell, sich als Gesellschaft aus einer moralisierenden Debatte über die richtige Klima-Haltung herauszubewegen und sich Sachargumenten zuzuwenden. Moralisierungen und künstliche Diskursverkürzungen stehen erfolgreichen gesellschaftlichen Aushandlungsprozessen entgegen und sollten daher unbedingt vermieden werden.

Das Thema ist zu ernst, um weiter in die falsche Richtung zu marschieren. Es ist zu ernst, um sich im infantilen und narzisstischen Kampf um den höchsten moralischen Status zu verzetteln. Es ist zu ernst für eine Politik, die ihren Bürgern weismachen möchte, mit gutem Beispiel voranzugehen und auf diese Weise die Welt aus den Angeln heben zu können. 

Dabei handelt es sich um nichts anderes als leere Versprechen. Die Welt wird keine bessere, nur weil einzelne Nationen oder Individuen meinen, es besser zu machen als die anderen. Sollte für unsere Nachkommen, für unsere Kinder und Enkel, nichts mehr übrig bleiben, was ein gutes Leben ermöglicht, wird keiner von ihnen dankbar dafür sein, dass wir zumindest den moralischen Stab über andere gebrochen haben und in unser eigenes Leben durch Hafermilch, Veggietage, Solarpanels, Wärmepumpen, Bahnfahrten und Elektroautos möglichst viele Elemente eingebaut haben, die der Idee nach auf einer globalen Ebene einen Unterschied hätten machen können, es aber faktisch zu keinem Zeitpunkt getan haben.

Frauke Rostalski: „Wer soll was tun? Warum wir nicht zum Klimaschutz verpflichtet sind und worin unsere Verantwortung eigentlich besteht“. C.H. Beck Verlag 2025. 213 S., 18 €. Das Buch ist ab dem 18.09.2025 im Buchhandel erhältlich.

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Jens Böhme | Di., 16. September 2025 - 08:06

Ebenso wird immer noch das tote Gaul geritten, dass jetzige Generationen es besser als zukünftige Generationen wissen. Zukünftige Generationen haben ebenso die Rechte zu lernen und sich zu entwickeln, als jetzige Generationen. Das geht auch der obigen Buchautorin nicht in den Kopf und verbreitet die These, zukünftige Generationen seien hilflose Nachkommen, die universal betreut werden müssen.

Karl-Heinz Weiß | Di., 16. September 2025 - 09:19

Durch den Klimaschutz-Beschluss von 2021 des Bundesverfassungsgerichts ist der Zug zur Deindustralisierung Deutschlands (leider) bereits abgefahren. In diesem Gerichtsbeschluss wurde nach meiner Kenntnis ausdrücklich festgehalten, dass sich der deutsche Gesetzgeber nicht durch den Hinweis auf mangelnde Internationale Anstrengungen "entlasten" kann. Kurz zusammengefasst: Deutschland spielt den vorbildlichen Retter, der leider untergeht.

Hanno Woitek | Di., 16. September 2025 - 17:51

Luisa Neubauer zu empfehlen. Wäre sie nicht ideologisch zu verblödet und verblendet und de fakto einfach zu dumm, um ihn zu begreifen.

Andreas Peters | Di., 16. September 2025 - 20:47

der den Nonsens eigentlicher Gegner nationaler Alleingänge aufzeigt. Verrannt in die eigene Wahrhaftigkeit und Allwissenheit zeigt sich der grüne Furor, der leider nicht mit Wissen parallel läuft. Und ja, das BVerfG hat sich ebenso verrannt bei der Bewertung zur Verfügung stehender Informationen zur Thematik. Mein Vertrauen in dieses Gericht ist seit 2021 aufgrund mehrer Entscheidungen deutlich erodiert.