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Schulen erziehen Eltern - Wenn die Angstgesellschaft ihre Kinder einschult

Kolumne: Stadt, Land, Flucht. Schulleiter wappnen sich gegen elterliche Überfürsorge. Ein Vertrag untersagt nun den Eltern die ständige Überwachung ihrer Kinder. Doch die Angst der Mütter erstreckt sich nicht nur auf den Nachwuchs: Sie sorgen sich auch um die Bewertung der anderen

Autoreninfo

Marie Amrhein ist freie Journalistin und lebt mit Töchtern und Mann in der Lüneburger Heide.

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Das habe ich nicht erwartet. Dass mich das alles so aufregen würde, diese Geschichte mit der Schultüte. Diese zwei dünnen Beinchen, die seit einer Woche unter dem riesigen Ranzen hervorschauen, wenn sie neben mir in Richtung Schulbus traben. Ich liege nachts wach, tagsüber bin ich aufgekratzt, komme mir vor, als müsste ich selbst wieder in die Schule. Es ist eine Mischung aus euphorischer Freude, aus Stolz und aus Furcht.

Wenn alle anderen Grundsätze relativ geworden sind, ist die Angst das letzte absolute Prinzip, schreibt Heinz Bude. Der Soziologe bescheinigt uns in seinem Buch den Status einer „Gesellschaft der Angst“. Schon Ulrich Beck skizzierte 1986 die Risikogesellschaft und sein Kollege Niklas Luhmann sagte der Angst in den 80ern eine große Zukunft voraus. Wie also fühlt es sich an, wenn diese vor Furcht zerfressene Nation ihre Kinder einschult? Willkommen in meinem neuen Leben als Mutter eines Schulkindes, in einem Leben zwischen Kiss-and-Go-Zone und Helikopterlandebahn.

Die Schulleiterinnen haben sich dieses Jahr gewappnet gegen uns, gegen den Ansturm der Überbehütenden. Nicht noch einmal soll, wie im vergangenen Jahr an der Stuttgarter Schillerschule passiert, der Unterricht zum Erliegen kommen, durch Ranzen tragende oder quer parkende Eltern oder durch Belästigungen der Lehrer. Josef Kraus, lange Jahre Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, unterscheidet schon länger zwischen Eltern, die wahlweise als Transport-, Rettungs- oder Kampfhubschrauber fungieren.

So hatte ich am ersten Schultag in einem mir vorgelegten Vertrag zu belobigen, dass ich in Zukunft der „Einschätzung der Lehrkräfte und Pädagoginnen“ vertraue, mein Kind „selbstständig und eigenverantwortlich zum Klassenraum gehen“ lasse, vor allem aber „die Privatsphäre der Lehrkräfte“ achten „und bei Gesprächsbedarf über das Heft Kontakt“ aufnehmen werde. Ich verabschiedete meine Tochter am ersten Tag in der mancherorts sogenannten Kiss-and-Go-Zone VOR dem Schulgebäude, wie es uns die Lehrerin eingebläut hatte, holte sie am Mittag nicht wieder ab, sondern ließ sie stattdessen im Bus alleine nach Hause fahren und verwahrte mich den zahlreichen Entführungsgeschichten der anderen Eltern.

Angst vor der eigenen Bewertung
 

Jene Väter und Mütter, die den Erzieherinnen in der Kita schon das Leben zur Hölle gemacht haben, wechseln nun auf die Grundschule. Es sind Mitdreißiger, so schreibt Bude, die immer kurz davor stünden, alles was ihnen lieb und teuer ist, zu verlieren. Sie haben perfide Helikoptertendenzen entwickelt, weil für sie die Beziehung zu den eigenen Kindern, so entwickelt es der Soziologe, das einzige sei, was Bestand hat. Es sei nämlich die eine Bindung, „die von keiner der beiden Seiten gekündigt werden kann." Dazu kommt, dass auch noch jedes vierte Kind ein Einzelkind ist, es gibt da keine Reserve.

Und dann, so bemerke ich mit Erstaunen, gibt es nicht nur die Angst, dass dem eigenen Kind etwas zustoßen könnte. Meine Aufregung hat noch einen anderen Grund: Nicht nur meine Tochter wird nun bewertet – zum ersten Mal. Ich bin es, die bewertet wird. Als Mutter. Plötzlich ist es nicht mehr mein Job, sind es nicht meine Artikel, die beurteilt werden. Sind es nicht die Leser, die ich ein bisschen zu kennen glaube, mit denen ich direkt kommunizieren kann. Nein, nun gibt es da fremde Lehrer, die ich nicht zu Gesicht bekomme, mit denen meine Tochter alles alleine ausmacht. Ich kann nichts ausrichten, soll es auch nicht. So habe ich es ja unterschrieben.

So stehe ich am Morgen zwischen nebligen Weiden und schaue dem Schulbus hinterher. Ich bin raus, habe da ein Projekt auf die Rampe geschoben, ein System, das nun alleine laufen soll. Kann. Muss.

Das macht mich ziemlich nervös.

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