Hendrik Streeck / picture alliance/dpa | Michael Kappeler
Hendrik Streeck / picture alliance/dpa | Michael Kappeler

Welt-Aids-Tag - „Werden dort jetzt Mittel gestrichen, droht ein dramatischer Rückschritt um Jahrzehnte“

Am 1. Dezember ist Welt-Aids-Tag. Wieso ein solcher Aktionstag immer noch relevant ist, wie es um die derzeitigen Kampf gegen die Erkrankung steht und welchen dramatischen Einfluss die US-Regierung darauf hat, erklärt Hendrik Streeck im Interview mit Cicero.

Autoreninfo

Carolina Kaube studierte Governance and Public Policy – Staatswissenschaften in Passau und absolviert derzeit ein Redaktionspraktikum bei Cicero.

 

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Hendrik Streeck ist Virologe und Experte für HIV-Forschung. Er ist Mitglied der CDU und seit Mai 2025 Beauftragter der Bundesregierung für Sucht- und Drogenfragen.

Herr Streeck, auf das Thema AIDS angesprochen, antworten viele Befragte: „AIDS, das ist ja sowas von 80er.” Was erwidern Sie darauf?

Genau diese Haltung zeigt das Kernproblem: HIV und AIDS wirken für viele wie ein Relikt der 80er, dabei wütet die Pandemie seit über 40 Jahren. Da das Thema aus dem Bewusstsein verschwunden ist, werden falsche Entscheidungen getroffen. Und das kann dazu führen, dass mühsam erreichte Fortschritte im Handumdrehen wieder verloren gehen.

Wie gestaltet sich die weltweite Lage im Moment, was HIV und AIDS betrifft?

Wir haben in den letzten Jahrzehnten enorme Fortschritte gemacht: Wer sich heute mit HIV infiziert und richtig therapiert wird, hat eine normale Lebenserwartung. Das Hilfsprogramm der Vereinten Nationen UNAIDS und die WHO verfolgen die 95-95-95-Ziele: 95 % aller HIV-Infizierten sollen ihren Status kennen, 95 % dieser Menschen sollen therapiert werden und bei 95 % der Behandelten soll die Viruslast unter der Nachweisgrenze liegen. Erreichen wir diese Ziele, kommt die Pandemie zum Erliegen – weil das Virus dann praktisch nicht mehr weitergegeben wird.

Wie nah ist man diesem Ziel bereits? 

Noch sind wir nicht ganz am Ziel, aber wir befinden uns auf dem richtigen Weg. Entscheidend ist jedoch, dass weltweit alle Infizierten zuverlässig Zugang zu Medikamenten haben. Genau das gerät aktuell ins Wanken, weil die USA und andere Länder ihre Finanzierung zurückfahren. Das US-AIDS-Programm gehört zu den wirksamsten globalen Gesundheitsinitiativen überhaupt. Werden dort jetzt Mittel gestrichen, droht ein dramatischer Rückschritt um Jahrzehnte. Für Betroffene kann eine Therapieunterbrechung lebensgefährlich sein. Und selbst wenn später wieder Medikamente verfügbar sind: On-Off-Behandlungen fördern Resistenzen ähnlich wie bei Antibiotika. Das ist hochriskant und darf nicht unterschätzt werden.

Welchen Hintergrund haben die aktuellen Kürzungen vonseiten der USA?

Die USA argumentieren, dass die Hilfsprogramme zuletzt zunehmend für eine bestimmte ideologische Agenda – Stichwort Diversität, Gleichheit und Inklusion – genutzt worden seien. Die Hauptaufgabe von UNAIDS betrifft aber nicht „Gesundheitsrechte für alle”, sondern ganz klar HIV. Hier hat man sich in den letzten Jahren von der eigentlichen Kernaufgabe entfernt. Dies fällt uns jetzt auf die Füße. 

Hinzu kommt, dass auch Deutschland von einer angespannten Haushaltslage betroffen ist. Unsere rund eine Milliarde Euro, die für den Globalen Fonds zur Bekämpfung von Aids, Tuberkulose und Malaria, beigesteuert werden, sind deshalb bereits ein starkes Bekenntnis. Natürlich könnte man immer mehr tun, aber entscheidend ist: Deutschland bleibt engagiert und zieht sich nicht aus der Verantwortung zurück.

Wie entwickelt sich die Forschung zur HIV-Bekämpfung derzeit?

In der Forschung tut sich gerade sehr viel. Besonders spannend sind neue Medikamente aus der Gruppe der Kapsid-Inhibitoren: Sie müssen nur zweimal im Jahr gespritzt werden und sind inzwischen als Pre-Expositionsprophylaxe zugelassen. Eine einzige Injektion alle sechs Monate bietet nahezu vollständigen Schutz vor einer HIV-Infektion – ein riesiger Fortschritt.

Damit erreichen wir vor allem Menschen in Regionen, in denen regelmäßige Tests oder Kondome oft keine Option sind. In vielen patriarchalischen Gesellschaften verweigern Männer bis heute Verhütung – mit dramatischen Folgen für Frauen und Mädchen. Genau sie haben in Teilen des südlichen Afrika die höchsten Infektionsraten. Die neuen Langzeitpräparate geben ihnen erstmals die Chance, sich selbstbestimmt und wirkungsvoll zu schützen.

Sie haben gerade die Hauptbetroffenen im südlichen Afrika erwähnt. Wo spielt HIV noch eine große Rolle?

Wir unterscheiden zwischen Hoch-, Mittel und Niedrigprävalenzländern. Südlich der Sahelzone sind die Zahlen am höchsten, doch dort greifen inzwischen effektive Programme, die vielen Menschen Zugang zu Therapie ermöglichen. Sorgen machen uns heute vor allem die Länder mit mittlerer Prävalenz: Teile Westafrikas, einige asiatische Staaten und Osteuropa. Dort fehlen oft stabile Strukturen, Aufklärung und Testangebote. Besonders problematisch ist, dass wir aus Ländern wie Russland oder der Ukraine kaum verlässliche Daten bekommen. Stigmatisierung – gerade gegenüber Randgruppen – führt dazu, dass viel zu wenig getestet wird.

Grundsätzlich gilt: Wo Krieg und Instabilität herrschen, steigen Infektionsraten. Wir sprechen von „War in Blood“ – Krieg im Blut. In der Ukraine sehen wir genau dieses Muster: unterbrochene Medikamentenversorgung, keine Tests, keine PrEP, mehr sexualisierte Gewalt, und oft wird Sex im Tausch gegen Schutz oder Transport erzwungen. Das schlägt sich auch in den RKI-Daten nieder, die bei Geflüchteten von dort erhöhte HIV-Raten zeigen. Deshalb haben wir hier in Deutschland ein Programm aufgebaut, das allen Geflüchteten aus der Ukraine sofortige Tests und – falls nötig – eine Behandlung ermöglicht, nicht nur für HIV, sondern auch für Hepatitis und Tuberkulose.

Nun steht Deutschland, was die Zahlen an Infizierten angeht, im weltweiten Vergleich noch relativ gut da. Wie sieht es bezüglich der gesellschaftlichen Stigmatisierung von HIV-positiven Menschen hierzulande aus?

Aufklärungskampagnen, insbesondere die Botschaft „Schutz durch Therapie" – also dass Menschen unter Therapie das Virus nicht mehr weitergeben können –, haben viel bewirkt. Dennoch gibt es Bereiche, in denen Diskriminierung hartnäckig ist. Ein Beispiel ist die zahnärztliche Versorgung. Ich werde regelmäßig als Sachverständiger hinzugezogen, wenn Zahnärzte HIV-Patienten diskriminieren – etwa indem sie die Behandlung verweigern. Auch haben HIV-positive Zahnmedizin-Studenten Probleme, ihre Ausbildung fortzusetzen. Das ist eine klare Diskriminierung.

Die derzeitige Lage hat deutlich gemacht, wie gefährlich es ist, zu sehr von einem einzelnen Akteur abhängig zu sein. Was kann man tun, um derlei in Zukunft zu vermeiden?

Internationale Organisationen wie UNAIDS oder die WHO haben in den letzten Jahren an Vertrauen verloren – teils durch einen aufgeblähten Verwaltungsapparat, teils durch politische Stellungnahmen jenseits ihren eigentlichen Mandats. Gesundheit darf aber nicht politisch sein. Wir brauchen schlankere, effizientere Strukturen, die sich wieder aufs Kernziel konzentrieren: Menschen vor Krankheiten schützen. Nur so lässt sich ihre Schlagkraft zurückgewinnen. Gleichzeitig werde ich mich politisch immer dafür einsetzen, dass wir bei globaler Gesundheit – gerade im Kampf gegen HIV und AIDS – keine Abstriche machen.

Darüber hinaus sollten europäische Länder angesichts der nun akut gewordenen Neustrukturierung der internationalen Hilfen das Thema globale Gesundheit stärker selbst in die Hand nehmen. Auch China muss sein Engagement gerade in Afrika, wo es massiv investiert ausbauen. Wichtig ist, das Thema im Bewusstsein zu halten – etwa durch den heutigen Welt-AIDS-Tag. HIV ist noch da, aber wir stehen kurz davor, die Pandemie zu beenden. Wenn wir jetzt nicht weiter investieren, verspielen wir diese Chance.

Das Gespräch führte Carolina Kaube. 

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