Weihnachten - Advent, Advent, die Hütte brennt

Beschauliches Beisammensein in der Weihnachtszeit endet oft im Beziehungsdesaster. Man kennt das: Wo Liebe ist, findet sich plötzlich ganz viel Hass. Vielleicht hilft ja eine Ehe-Rettungs-App.

Unterm Tannenbaum streiten, bis es kracht
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Marie Amrhein ist freie Journalistin und lebt mit Töchtern und Mann in der Lüneburger Heide.

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Ich habe eine bahnbrechende Idee. Ein großartiges Geschäftsmodell. Ich werde eine Ehe-Rettungs-App entwickeln. Sie funktioniert so: Im Laufe des Tages sammelt diese App alle kleinen und großen Tätigkeiten, die im Haushalt erledigt werden. Jeder Partner bekommt ein Punktekonto, das bei gegenseitigen Vorwürfen zu Rate gezogen werden kann. Keine Unklarheiten mehr, keine Diskussionen, kein Streit.

Besonders in Familien mit Kindern sehe ich reißenden Absatz. Denn alles, was an Arbeit mit ihrer Existenz zusammenhängt, ist einer der Hauptknackpunkte, wenn es Streit gibt. Das ist die Grundidee. In dem Moment nämlich, in dem nicht mehr jeder für sich, sondern beide für gemeinsame Kinder verantwortlich sind, muss ein Paar im Team spielen. Das schlaucht, kann ich aus Erfahrung sagen.

So steht das natürlich nicht in all den klugen Studien, allen voran der neuesten Familienstudie des Instituts für Demoskopie in Allensbach. Deren Wissenschaftler machen zuallererst schlechte Angewohnheiten für Streitereien in Paarbeziehungen verantwortlich. Schlechte Angewohnheiten – darunter kann man alles und nichts verbuchen: Faulheit, dummes Gerede, Lieblosigkeit, Genörgel. Ich zum Beispiel bin cholerisch und ungerecht. Wenn die Wut kommt, zerschellt schon mal ein Himbeermarmeladenglas an der weißen Raufasertapete. Auch so eine schlechte Angewohnheit, die mich als Vorbild-untauglich in Sachen Streit klassifiziert.

Dabei geht es beim Streiten doch im Grunde gar nicht um herumliegende Tannenzweige, falsch ausgedrückte Zahnpastatuben oder dreckige Socken vor dem Bett. Es geht darum, dass wir Frust abladen, dass wir unser Ventil da finden, wo der eigentlich geliebte Mensch sich gerade befindet. Dass wir während der jahrelangen Beziehung Hemmungen abgebaut haben, die uns einst, in den beflügelten ersten Jahren, um dieses Ventil herumgeführt haben und die uns jetzt, vergleichbar eines Bermudadreiecks, anziehen.

Meine Ehe-Rettungs-App (ERA) kann da Abhilfe schaffen. Ich sehe die Goldmünzen schon vor mir, die mir all die vom Streit gezeichneten Paare in den Rachen schmeißen werden. Oder etwa nicht? Sorge machen mir Paartherapeuten wie Arnold Retzer. Der könnte die Finanzierung madig machen mit seinem besserwissenden Gequatsche davon, es gäbe keine feste Währung für Gerechtigkeit, weil „Leid und Anerkennung nicht auszählbar“ seien.

Hilfreicher allerdings sind auch diese nutzlosen Studien nicht, die uns Streitenden weismachen wollen, dass unser tägliches Gezeter normal, nicht so schlimm und schon gar nicht beziehungsgefährdend sei. Man will uns erzählen, dass alle anderen auch streiten, dass es vorbei geht. Dass man vor den Kindern nur immer ruhig bleiben solle, konstruktiv, gemäßigt. Dann schade ihnen das Gezanke der Eltern auch nicht.

Aber wenn man einmal drin steckt, in diesem Strudel aus Wut, Trauer und Enttäuschung – wer bleibt da noch Vorbild? Mit der Liebe und dem Hass ist es doch wirklich verwirrend. Weil beides geht. Irgendwie auch fast gleichzeitig. Manche gehen mit gezückten Messern oder Steinen auf den Menschen los, mit dem sie seit 30 Jahren verheiratet sind. Trotzdem würde ich das Zusammenleben dieser beiden (die Namen bleiben an dieser Stelle lieber ungenannt) als glückliche Ehe bezeichnen. Denn hinterher rauft man sich zusammen, vergibt sich selbst und dem anderen.

Und dann und wann sollte man vielleicht auch mal den hauseigenen kleinen Paartherapeuten das Zepter überlassen. Bei uns sitzt da ein vierjähriges Mädchen und schnappt die Hände ihrer Eltern, die sich noch immer unversöhnlich am Küchentisch gegenübersitzen. „Soll ich mal sagen, wie lieb ich dich hab? So doll wie die ganze Welt, Papi. Und dich hab ich auch lieb, Mami. So doll wie die ganze Welt.“ Zack. Plötzlich ist sie weg, die Wut. Ehe-Rettungs-App? Überflüssig.

Was uns Erwachsenen dann noch zu tun bleibt? Den Kindern nicht die Illusion rauben, dass auch der zeitweise Hass der Liebe nichts anhaben kann. Dann sind sie gut gerüstet fürs Lieben und Leben. Und wir mit ihnen.

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