- Was liest ...
Unabwendbarer Umzug, der mich endlich wieder zur Leserin macht. Ich sitze in Kisten, nehme Bücher zur Hand, drehe und wende, erröte und lache, lese alles von vorn. Bücher aus zweitausend Jahren. Erworben, gelesen, empfohlen, verworfen, das meiste trotzdem behalten, gelegentlich auch an ein Herz gelegt, das längst anders schlägt. Aber jetzt: lauter Bücher, die in Kisten verschwinden, die ich nie wieder öffnen werde.
Unabwendbarer Umzug, der mich endlich wieder zur Leserin macht. Ich sitze in Kisten, nehme Bücher zur Hand, drehe und wende, erröte und lache, lese alles von vorn. Bücher aus zweitausend Jahren. Erworben, gelesen, empfohlen, verworfen, das meiste trotzdem behalten, gelegentlich auch an ein Herz gelegt, das längst anders schlägt. Aber jetzt: lauter Bücher, die in Kisten verschwinden, die ich nie wieder öffnen werde. Die Erinnerung an Bücher ist flüchtig und unzuverlässig, das Wiedersehen mit ihnen nicht anders als die Begegnung mit neuen Büchern: irritierend, schön und enttäuschend zugleich. Ich bin vorsichtig geworden, zögerlich in der Empfehlung, langsam und unschlüssig. Nur mein Vertrauen ist ungebrochen. Dass mir das Beste nicht entgeht. Denn immer ist Überraschung im Spiel, unerwartete Schätze, die zu leuchten beginnen, sobald man die erste Seite aufschlägt.
Und ich bin fündig geworden: ausgerechnet Italo Calvino, ein Autor, den ich nie wirklich mochte – zu ausgetüftelt, zu konstruiert, viel Kopf, wenig Dichtung. Aber jetzt, in den Kisten: «Sechs Vorschläge für das nächste Jahrtausend». Wir schreiben das Jahr 1984. Calvino, eingeladen nach Harvard, setzt sich hin und schreibt auf, was er LIEST und DENKT, und ich hänge, buchstäblich, an seinen Lippen. Fünf Vorlesungen und eine sechste, die näher nicht ausgeführt werden kann, Calvino starb, bevor er den sechsten Satz schrieb. Aber, Trotz dem Tod!, eine Aufforderung, die Serie selber zu Ende zu denken. Eine Serie, die fast alles enthält: Einladung zum Lesen und Schreiben zugleich, die in wenigen Worten alles ausführt, was Nachdenken über Bücher ausmacht, über Dasein und Welt, über Können und Wollen, über Müssen und Sollen, über Wunsch und Erfüllung, Versuchen und Scheitern.
Mögliches Scheitern ist Grundvoraussetzung für mögliches Gelingen, was, nicht zu vergessen, Schreiber und Leser gleichermaßen betrifft. Aber kein Grund zur Sorge, denn «übertriebener Ehrgeiz in den Zielsetzungen mag auf vielen Gebieten tadelnswert sein, nicht jedoch in der Literatur. Die Literatur lebt nur, wenn sie sich maßlose Ziele setzt, auch jenseits aller Realisierungsmöglichkeiten. Nur wenn Dichter und Schriftsteller sich Projekte vornehmen, die andere nicht einmal zu denken wagen, behält die Literatur eine Funktion. Seit die Wissenschaft den allgemeinen Erklärungsmodellen misstraut und nur noch einzelfachliche Teillösungen duldet, besteht die große Herausforderung an die Literatur darin, die verschiedenen Arten von Wissen und die verschiedenartigen Codes in einer vielschichtigen und umfassenden Sicht der Welt vernetzen zu können.»
Hier, in Kürze, die herrlichen Titel, Erkenntnisschlüssel im Meer der Vernetzung, die ganz genau wissen, welche Türen zu öffnen sind: «Leichtigkeit», «Schnelligkeit», «Genauigkeit», «Anschaulichkeit», «Vielschichtigkeit», und schließlich, gedacht, noch nicht niedergeschrieben: «Haltbarkeit». Haltbar ist dieser Text allemal, dem man nichts anmerkt vom Alter, nichts vom nahenden Tod und erst recht nichts vom Vergehen der Zeit, obwohl er genau davon spricht und sich allem stellt, was auch ihn selbst zum Verschwinden bringen könnte.
Aber sein Autor zieht den Kopf nicht ein: «Hätte ich ein glückverheißendes Bild für den Eintritt ins neue Jahrtausend zu wählen, ich würde dieses nehmen: den raschen, leichtfüßigen Sprung des Dichterphilosophen, der sich über die Schwerfälligkeit der Welt erhebt und damit beweist, dass sein Ernst das Geheimnis der Leichtheit enthält, während das, was von vielen für die Vitalität der Zeit gehalten wird, die lärmende, aggressive, dröhnende, ins Reich des Todes gehört wie ein Friedhof für rostige alte Automobile. (…) Ich spreche nicht von einer Flucht in einen Traum oder ins Irrationale. Ich meine, ich muss meinen Ansatz ändern, die Welt mit anderen Augen sehen, mit einer anderen Logik, anderen Methoden der Erkenntnis und der Verifikation. Die Bilder der Leichtigkeit, nach denen ich suche, dürfen nicht wie Träume verblassen vor der Realität der Gegenwart und der Zukunft …»
Wen das Geheimnis der Literatur und des Erzählens interessiert, sein Tempo und seine Genauigkeit, seine Standhaftigkeit und sein Beharrungsvermögen, der nimmt Italo Calvino zur Hand und beginnt noch einmal von vorn. Und staunt über das, was man sagen, was man denken, was man lesen kann und was man sogar zu Papier bringen könnte. Ohne Zensur und Vorbehalt, ungeniert auch im nächsten Jahrtausend. Allerdings nur mit Sinn und Verstand, denn «eine weitere sehr falsche Idee, die zur Zeit umgeht, ist die Äquivalenz, die man zwischen Inspiration, Erforschung des Unterbewussten und Befreiung herstellt, zwischen Zufall, Automatismus und Freiheit. Denn diejenige Inspiration, die darin besteht, blind jedem Trieb zu gehorchen, ist in Wirklichkeit eine Sklaverei. Der Klassiker, der seine Tragödie schreibt und dabei eine gewisse Anzahl von Regeln einhält, die er kennt, ist freier als der Poet, der schreibt, was ihm gerade durch den Kopf geht, und dabei der Sklave anderer Regeln ist, von denen er keine Ahnung hat.»
Schreibschüler der Welt, lest also Calvino! Und, was sich dann ganz nebenbei ergibt, auch das, was Italo Calvino liest. Von Aquin bis Zellini, Bücher aus mindestens zweitausend Jahren.
Italo Calvino
Sechs Vorschläge für das nächste Jahrtausend. Harvard-Vorlesungen
Aus dem Italienischen von Burkhart Kroeber.
Hanser, München 1991. 176 S., 19,90 €
Die Erzählerin und Essayistin, 1960 in Hameln geboren, studierte in Tübingen, Rom, Berlin und in den USA. 1999 fuhr sie mit einem Containerschiff vier Monate rund um die Welt und lebt heute als freie Schriftstellerin in Berlin. Zu ihren bekanntesten Büchern zählen «Pigafetta», «Paradiese, Übersee» und «Verbrecher und Versager»,
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