Frau Fried fragt sich... - ...was aus der sexuellen Revolution geworden ist

Früher galt der Ruch des Verbotenen bei allem was mit Sex zu tun hatte. Dann brach die sexuelle Revolution aus und alles war auf einmal erlaubt. Die Folgen sind bis in die Gegenwart zu spüren

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(picture alliance) Der Reiz des Verbotenen ist weg, Sex ist zur Verhandlungssache geworden

Sex war mal aufregend. Geheimnisse mussten ergründet, Grenzen überschritten werden. Vieles galt als pervers oder war sogar verboten. Sex war auf jeden Fall anrüchig und manchmal sogar gefährlich. Und deshalb so interessant.

Dann brach die sexuelle Revolution aus. Die Pille kam auf den Markt, die Frauen verbrannten ihre BHs (und liefen fortan leider ohne herum), Schulmädchen-Report und Sexualkunde-Atlas machten es sich zur Aufgabe, dem verklemmten Volk lustvolle Sexualität nahezubringen. Plötzlich war alles erlaubt, wurde alles gezeigt und über alles geredet. Wir hatten unsere ­Eltern noch nie nackt gesehen – und wurden nun mit Abbildungen barbusiger Drogeriefachverkäuferinnen, kopulierender Spießbürger und endlosen Fernsehdebatten über klitoralen und vaginalen Orgasmus überschwemmt. Aber wir erkannten auch die Gunst der Stunde: Verhütung war kein Problem mehr, Aids noch in weiter Ferne – nichts stand unserer sexuellen Identitätsfindung im Weg. Wir vögelten für den Frieden, gegen den Hunger in der Welt oder einfach nur aus Spaß, angstfrei und selbstbestimmt.

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Und heute? Gähnende Langeweile in den Betten. Die Praxen der Sexualtherapeuten überfüllt. Den Menschen fehlt es nicht mehr an Sex, sondern an Lust. Wer spürt noch Verlangen nach etwas, das im Übermaß angeboten wird?

Der Reiz des Verbotenen ist weg, Sex zur Verhandlungssache geworden. Spielst du die Domina, bin ich der Unterwürfige, magst du lieber Fesseln, oder bevorzugst du die Federfolter? Du bist okay, ich bin okay, die Perversionen sind eingemeindet. Sex im sicheren Schonraum ist zur Regel geworden, sein wildes, aggressives Wesen domestiziert. Der Hype um „Shades of Grey“ ist dafür ein – im traurigsten Sinne des Wortes – beredtes Zeugnis. Was mal als abgründige Schattenseite der Erotik galt, wird als biedere Hausfrauenfantasie wiedergeboren und medial durchgehechelt, bis die Strapse japsen.

Richtig leid tun mir unsere Kinder. Ihre Eltern rennen zu Hause nackt herum und fragen ständig, ob sie das erste Mal schon hinter sich und auch bestimmt ein Kondom verwendet haben. Sie erklären ihnen geduldig, dass die Gangbangs in den Internetpornos nichts mit der Wirklichkeit zu tun haben, genauso wenig wie Germany’s next Topmodel. Nee, echt jetzt? Kein Wunder, dass die Kids genervt den Rückzug aus der sexuell befreiten Zone antreten. Sie binden sich früh oder verweigern sich komplett. Sex hat einfach zu viel Ähnlichkeit mit Schule: Man soll super gut darin sein, und die Eltern wollen über alle Fortschritte informiert werden. Macht keinen Spaß mehr.

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