Ein Plakat mit der Aufschrift "Tristan und Isolde" ist in Bayreuth zu sehen. Am 25. Juli findet die Eröffnungspremiere «Tristan und Isolde» der Bayreuther Festspiele statt
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Wagner-Festspiele Bayreuth - Bayreuths Zukunft wird zur Tristan-Frage

Am Samstag wird Angela Merkel zuschauen, wenn Katharina Wagner und Christian Thielemann in Bayreuth „Tristan und Isolde“ inszenieren. Es steht viel auf dem Spiel. Ein Stimmungsbericht aus Bayreuth

Autoreninfo

Axel Brüggemann ist Musikjournalist und lebt in Bremen. Zuletzt erschien der von ihm herausgegebene Band „Wie Krach zur Musik wird“ (Beltz&Gelberg-Verlag)

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Es scheint nur so wie immer. In Wahrheit ist dieses Mal alles ein bisschen anders. Klar, der aufgeblähte Theaterdonner, ein aufgeregtes Feuilleton und allerhand Künstler, die ihren fränkischen Opernsenf dazu geben – so läuft das alljährliche Ritual vor den  Bayreuther Festspielen. Und so war es auch dieses Mal: ein vermeintliches Hügel-Verbot für die ältere Wagner-Schwester Eva Wagner-Pasquier, die Umbesetzung der Isolde in letzter Minute und ein angeblicher Dirigenten-Krach zwischen Kirill Petrenko und Christian Thielemann. Dazu ein bisschen Kleinkram: Ein BR-Journalist, der sich beschwerte, kein Interview mit Katharina Wagner bekommen zu haben, die „Tristan“-Probe, in der die Premieren-Isolde sich doublen ließ – und überhaupt: es ist sauheiß in Bayreuth!

Die Bayreuther Festspiele sind viel Lärm um Wagner gewohnt. Hier ist die Oper ein deutscher Urmythos, ein alljährliches Spektakel. Bayreuth als Spiegel der Seelenlage unserer Nation, das einzige kulturelle Familienunternehmen, das der deutschen Geschichte stand gehalten hat: geprägt von der 1848’er Revolution, gefördert von Märchenkönig Ludwig II., gefeiert von Kaiser Wilhelm, annektiert von Hitler – und noch heute von Angela Merkel geliebt.

Das wahre Spektakel findet heuer allerdings ausnahmsweise nicht im Vorspiel statt, nicht hinter den Kulissen, sondern auf der Bühne. Nicht vor der Eröffnung, sondern mit der Eröffnung der Festspiele am Samstag Nachmittag, Punkt 16.00 Uhr, wenn sich der Vorhang zu „Tristan und Isolde“ hebt.

Die Zukunft Bayreuths steht auf dem Spiel


Wer dieser Tagen auf dem „Grünen Hügel“ spazieren geht, spürt neben der Sommerschwüle auch eine ungreifbare Konzentration. Christian Thielemanns Porsche steht auf dem Dirigenten-Parkplatz, direkt vor dem blauen Parkschild, auf dem seine neue Position angeschlagen ist: „Musikdirektor“. Er probt, gibt Anweisungen, sitzt im Zuschauerraum, kontrolliert die Akustik, lauscht, und gibt allerhand Interviews, was ungewöhnlich für ihn ist. Der Krach mit Kirill Petrenko? – Gab es nicht. Alles nur eine Erfindung! Das Bayreuther-Privat-Getuschel? – Eine Pressekeule, nichts, womit man sich aufhalten muss! Die Wahl der Berliner Philharmoniker? – Was soll er daran ändern? Glückwunsch an das Orchester und an den gewählten Kollegen. Und nun würde er wirklich gern weiter proben. Schließlich geht es um seine Lieblingsoper.

Die Generalproben sind fast alle problemlos über die Bühne gegangen: die Wiederaufnahmen von Frank Castorfs Öl-„Ring“ und Hans Neuenfels’ Ratten-„Lohengrin“. Festspielleiterin  Katharina Wagner pendelt den ganzen Tag von der Bühne zum Büro und zurück in ihr Haus. Geschäftigkeit überall. Klar, denn glaubt man dem Gemunkel, geht es in diesem Jahr um die Wurst: um die Zukunft der Intendantin, die Zukunft Bayreuths, die Zukunft des Regietheaters, ja, um die Zukunft der Oper an sich! Kleiner haben sie es in Bayreuth nicht.

„Tristan“ ist die zweite Bayreuther Inszenierung von Katharina Wagner. Gemeinsam mit Thielemann wird die Komponisten-Ur-Enkelin und Festspielleiterin Wagners Nacht-Drama deuten. Einiges ist bereits durchgesickert: Es geht um Dreiecke und Dreiecksbeziehungen, um einen sadistischen König Marke, der sein skrupelloses Spiel mit den Liebenden spielt. Es geht um die Macht des Schicksals und die Ordnung der Zufälligkeit. Ästhetisch geht es um Reduktion und Überzeitlichkeit – und um ein geheimes Knall-Finale mit Diskussionspotenzial.

Wer Katharina Wagner kennt, weiß, dass sie seit Jahren mit dieser einen Inszenierung lebt. Jeden Kostümstoff hat sie in Augenschein genommen, jede Besetzungsfrage ging über ihren Schreibtisch, sie will über jedes technische Bühnenbilddetail informiert sein. Denn sie trägt die Verantwortung. Und sie weiß, dass dieser „Tristan“ ihr erster großer Etappensieg werden könnte – eine Art Befreiungsschlag.

Zu bunt, zu schrill, zu modern


2008 wurde die Tochter des alten Festspielleiters Wolfgang Wagner gemeinsam mit ihrer Halbschwester Eva Wagner-Pasquier vom Stiftungsrat zur Festspielleiterin gewählt. Es dauerte nicht lange, bis sie den Laden grundlegend umgekrempelt hat: mehr Transparenz, mehr Offenheit, die Einführung einer Kinderoper, ein Public Viewing, Online-Angebote, eigene DVD-Aufzeichnungen, Kino-Übertragungen und die Neuorganisation der Kartenvergabe. Mit der „BF-Medien“ gründete Katharina Wagner eine Gesellschaft, in der sie den Umbruch organisierte. Spiritus Rector ihres neuen Bayreuther Unternehmens war der Rechtsanwalt Stefan Müller, Stratege und Herr über die Zahlen. Er gab Wagners Vision einen finanziellen und strukturellen Rahmen. Die Hard-Core-Wagnerianer blieben dennoch skeptisch. Darf man den heiligen Operngral derart profanisieren? Muss man wirklich verändern, was immer so war? Wäre Katharinas Cousine Nike Wagner mit ihrer pseudo-intellektuellen Betulichkeit nicht die bessere Wahl gewesen?

Katharina Wagner argumentierte mit ihrem Urgroßvater: „Richard Wagner wollte das Gesamtkunstwerk und die Nähe zum Publikum – sein Werk sollte allen offen stehen.“ Schon früh war ihr klar, dass selbst der Mythenort Bayreuth eine innere Revolution braucht, um als moderner Festspielort gegen das wachsende Angebot in Salzburg und Baden-Baden, gegen die allgemeinen Sommerfestivals und besonders gegen die vielen Stadttheater zu bestehen, die inzwischen allesamt große Wagner-Opern stemmen können.

Dennoch wurde die Kritik nicht leiser: „Zu bunt“, „zu schrill“, „zu weltlich“. Katharina Wagner saß all das stoisch aus und übernahm mit rauer, fränkischer Stimme das Kommando hinter den Kulissen – in den Werkstätten, in den Büros, in allen Gewerken des Opernbetriebes.

Ihre erste Bayreuther Inszenierung war ein provokantes Statement, mit dem sie sich vom alten Hügel-Image befreien wollte. Sie zeigte den Meistersinger Hans Sachs als Alt-68er, der sich zum eifernden Demagogen im Maßanzug verwandelte. Im Schlussbild ließ sie Statisten in Abendroben und Smokings auftreten, die das Bayreuther Publikum darstellten und dem Menschenfänger applaudierten. Harter Tobak! Eine bewusst umstrittene Lesart. „Zu gewollt“, sagten einige, „noch nicht reif“, „zu viele Ideen“. Dieses Mal scheint es anders zu werden: strenger, konzentrierter, dunkler.

Jede Inszenierung ist ein Glaubenskrieg


Nur kurz nachdem Katharina Wagner die Festspiele übernommen hatte, starb ihr Vertrauter Stefan Müller bei einer gemeinsamen Autofahrt an einem Herzstillstand. Wagner saß auf dem Beifahrersitz, zog die Handbremse, versuchte die Wiederbelebung – erfolglos. Ein persönlicher und struktureller Verlust, von dem sich die Neuordnung Bayreuths nur langsam erholte.

Inzwischen hat Katharina Wagner ihre Hausarbeiten eigenständig gemacht. Sie hat die Vorgaben für die Kartenvergabe von Bund, Land und Stadt umgesetzt, das Haus saniert, Bayreuth von innen aufgeräumt. Katharina Wagner hat in den letzten Jahren dort gearbeitet, wo man keine öffentlichen Punkte sammeln kann: in den Tiefen der Strukturen. Die Premieren ihrer bisherigen Amtszeit waren durchaus diskussionswürdig: Sebastian Baumgartens Biogas-„Tannhäuser“ und Castorfs Trash-„Ring“. Die oft kritisierten Sänger-Besetzungen sind dieses Jahr kein Thema mehr, Katharinas Halbschwester Eva (sie war für diesen Part verantwortlich) hat sich aus dem aktiven Geschäft zurückgezogen. Dafür hat Katharina Wagner die Rolle von Christian Thielemann gestärkt. Sieben Jahren nach ihrer Wahl hat sie endlich wieder Zeit, sich auch um die Kunst zu kümmern. Und das scheint ihr zu gefallen.

Wenige Tage vor der Premiere hält die Intendantin Hof. Anders als sonst gibt sie Interviews, fast jedem, der anfragt. Sie wirkt entspannt, plaudert über die Zeitlosigkeit der Musik und darüber, dass man als Künstler die Presse nun einmal nicht in der Hand habe. Sie scheint zufrieden mit ihrer Arbeit. Sagt aber auch: „Die Erwartungen sind übermenschlich.“ Das hört sich ein bisschen so an, als wolle sie sich selber ein wenig Mut machen. Wo alle einen Geniestreich erwarten, die Befreiung der Festspiele, wo der „Tristan“ zur Gretchenfrage erhoben wird, zur Entscheidung über Katharina Wagners Zukunft, ja über die Zukunft Bayreuths, da wird man einige Leute auch enttäuschen. Das weiß Katharina Wagner. Und auch, dass sie ihre eingefleischten Kritiker auch nicht durch eine gelungene Inszenierung überzeugen wird. Gerade unter eingefleischten Wagnerianern ist die Exegese der Opern des „Meisters“ eine Religion – und fast jede Inszenierung ein Glaubenskrieg. So oder so.

Die eigentliche Arbeit hat Katharina in diesen Tagen hinter sich. Die „Tristan“-Generalprobe ist abgeschlossen, ihr Festspielhaus umstrukturiert. Katharinas Vater, Wolfgang Wagner, war vielleicht einer der letzten Opern-Patriachen. Er hat Bayreuth, das Ensemble, die Gewerkschaften, ja, selbst Publikum und Presse, als stures Familienoberhaupt regiert – nach Gutsherrenart. Heute wäre das ein aus der Zeit gefallenes Führungsmodell. Auch die Theaterwelt ist schließlich komplexer geworden: Sponsoren, öffentliche Geldgeber, Kontrollgremien und eine allgegenwärtige, im Netz unkontrollierbare Presse. Katharina Wagner hat auf all das reagiert und Bayreuth neue, moderne und öffentliche Strukturen gegeben. Dabei hat sie Rücksicht auf die staatlichen Subventionsgeber genommen, ist aber auch ihren ursprünglichen  Visionen treu geblieben. Als Intendantin hat sie sich längst bewiesen. Nun steht sie wieder als Regisseurin unter Beobachtung.

​Wenn sich am Samstag der Vorhang hebt, wenn Angela Merkel und Thomas Gottschalk im Publikum sitzen, wenn König Marke sein böses Spiel mit Tristan und Isolde spielt, dann ist Katharina Wagner nicht im Saal. Vielleicht wird sie vor dem Festspielhaus die ein oder andere Zigarette rauchen. Nach fünf Opernstunden wird sie dann vor den Vorhang treten. Vielleicht gibt es „Bravos“, vielleicht „Buhs“ – egal ist es ihr sicher nicht. Aber sie weiß, dass sie in den letzten Jahren etwas Größeres inszeniert hat als einen „Tristan“, dass sie den ersten Schritt ihres ganz persönlichen „Neubayreuths“ gegangen ist. Alles, was der Intendantin nun noch fehlt, ist der Rückenwind der Regisseurin.

Unser Autor Axel Brüggemann moderiert am 7. August die Kino-Übertragung der „Tristan“-Inszenierung in deutschsprachige Kinos.

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