Portrait - W. G. Sebald - das Leben hinter dem Werk

Der Schriftsteller W. G. Sebald (1944–2001) wurde im Allgäu geboren und ist dort auch aufgewachsen. Mehr als die Hälfte seines Lebens brachte er allerdings in England zu, zuletzt als Literatur-Professor an der University of East Anglia in Norwich. Sebald hat ein schmales, aber höchst eigentümliches, ganz und gar originelles Œuvre hinterlassen.

Der Schriftsteller W. G. Sebald (1944–2001) wurde im Allgäu geboren und ist dort auch aufgewachsen. Mehr als die Hälfte seines Lebens brachte er allerdings in England zu, zuletzt als Literatur-Professor an der University of East Anglia in Norwich. Sebald hat ein schmales, aber höchst eigentümliches, ganz und gar originelles Œuvre hinterlassen.

Alle seine erzählenden Werke – «Nach der Natur» (1988), «Schwindel. Gefühle» (1990), «Die Ausgewanderten» (1992), «Die Ringe des Saturn» (1995), «Austerlitz» (2001) und «Campo Santo» (2003 posthum erschienen) – werfen die Frage der Authentizität auf. Sie mischen Fiktionen und Faktizität, Recherche, Reflexion und Reisechronik; sie montieren dokumentarische Materialien mit literarischen Textanleihen und collagieren reale und erfundene Lebensläufe. Die herbeizitierten Motive, Prätexte und biografischen Details aus der Literatur- und Kultur­geschichte kommunizieren zudem mit eingestreuten Fotos und Bildern, deren ungewisser dokumentarischer Status (echt oder falsch?) ein ständiges Irritations­moment darstellt und das Erzählte rätselhaft macht.

Zu Sebalds Vexierspiel gehört immer auch ein Ich-Erzähler, der so diskret wie freimütig Details aus seiner Biografie preisgibt, während er doch zugleich Kunstfigur bleibt – der Wanderer, der Einzelgänger, der exemplarische promeneur solitaire. Diese Ich-Figur hat alle biografischen Eckdaten mit dem Autor Winfried Georg Sebald gemein – von der Kindheit in Wertach und Sonthofen über die Gymnasialzeit in Oberstdorf, das Studium in Freiburg und die Lektoren-Jahre in Manchester bis zur Berufung nach Norwich. Das Erzähler-Ich unternimmt Sebalds Reisen und Fußwanderungen, liest dessen Lieblingsbücher, meditiert über dessen Lieblingsbildern, trifft dessen Bekannte und forscht den Lebensspuren seiner Familie, seiner
verschollenen Verwandten und Freunde nach. Der Erzähler teilt Sebalds Obsessionen und durchleidet dessen vielfältige mentale Krisen.

Spätestens seit seinem Unfalltod Ende 2001 in der Nähe von Norwich hat Sebald Kultstatus vor allem in England und den USA; seine besondere Poetik der Überschneidungen von Literatur und Geschichte sowie seine faszinierenden literarischen Verfahrensweisen sind mittlerweile Gegenstand zahlloser Untersuchungen geworden. Umso auffälliger, dass bisher keiner der Sebald-Experten den überdeutlichen autobiografischen Fingerzeigen seiner Bücher nachgegangen ist. Mark M. Anderson, Germanist an der Columbia University in New York, ist der Erste, der die biografischen Zusammenhänge zwischen dem Autor und seiner Erzähler-Figur zu erhellen versucht.

Anderson hat vor allem Kindheit und Jugendjahre Sebalds im Allgäu erforscht und die realen Modelle für die mannigfachen Vater-Figuren ausfindig gemacht, die in seinem Werk auftauchen. Wie sich herausstellt, spielten in W. G. Sebalds Leben zwei Vater-Figuren eine Rolle – sein leiblicher Vater, dem er abgeneigt war, und sein Großvater mütter­licherseits, den er liebte.

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