Vor zehn Jahren begann das Ende des gedruckten Lexikons

Wikipedia feiert Geburtstag. Am 15. Januar 2001 ging das weltweit erste freie Online-Lexikon an den Start. Zehn Jahre später gibt es wohl kaum ein Referat oder einen Artikel, der nicht mit seiner Hilfe verfasst wurde. Heute gibt es weder den typischen Wikipedianer noch die hochgelobte Schwarmintelligenz: Wikipedia ist das Werk vieler kleiner Fische.

Wer steckt hinter Wikipedia?
() Wer steckt hinter Wikipedia?
Was haben der Klettverschluss, die Entdeckung Amerikas und LSD gemeinsam? Sie alle sind Zufallsentdeckungen und gehören damit dem Prinzip der Serendipity an. Laut Wikipedia „eine zufällige Beobachtung von etwas ursprünglich nicht Gesuchtem.“ Wer sich einmal in den Verlinkungen Wikipedias verlaufen hat, der weiß, was es damit auf sich hat. Auf der Suche nach Aufklärung über den Begriff “Serendipity“ etwa, treibt der User vorbei an „Serendip, der alten persischen Bezeichnung für Ceylon, dem heutigen Sri Lanka“, streift den „glücklichen Zufall", kreuzt das zufällig entdeckte Amerika, den ebenso unfreiwillig erfundenen Klettverschluss und landet beim Teebeutel . Von hier liest es sich locker weiter zu den Kritikern desselben, die ihm Aromadiebstahl vorwerfen - eine "Unkultur"! Die Begriffsklärung der Kultur verweist dann nach wenigen Zeilen auf die eng verzahnten Japanmakaken, bei deren Weibchen die gegenseitige Fellpflege in der Hierarchie eine bedeutende Rolle spielt. So könnte es ewig weitergehen. Diese Spaziergänge durch das kollektive Wissen der Internetgemeinde sind es, die Christoph Demmer, 48, an seinem Hobby so liebt. Der studierte Astrophysiker ist Wikipedianer aus Überzeugung. Und dabei hätte er allen Grund, verbittert über das Portal zu sprechen, das ihm einst seine Karrierechancen verbaute. Demmer landete nach seinem Abschluss als Referendar in der Zentralbibliothek der TU Berlin. Aber das Internet setzte dem Büchermarkt schon damals zu und Demmer musste seine Arbeit als Bibliothekar an den Nagel hängen. Er begann als Assistent der Geschäftsführung bei einer Softwarefirma und arbeitet seit 2004 unentgeltlich wie so viele als aktiver Autor bei Wikipedia - an der Vernichtung der gedruckten Nachschlagewerke. Er selber nennt das „Fortführung mit anderen Mitteln." Wie viele andere sah er eines Abends im März 2004 in den Tagesthemen einen Beitrag zu Wikipedia und loggte sich tags darauf das erste Mal ein. Es ist der Tag, von dem an die deutsche Wikipedia rasante Fahrt aufnimmt. Wenn Demmer etwas erklärt, dann nimmt er den Stift zur Hand, faltet das mitgebrachte Karopapier auseinander und zeichnet Achsen. Meistens drei. Dann denkt er nach, erklärt und schreibt die Stichworte auf, bevor er fortfährt. Vielleicht ist das der einzige Weg, sich durch den Wikipedia-Dschungel zu kämpfen. Mit Stift und Zettel bewaffnet. Immer bereit, dem scheinbar chaotischen Wust an Worten eine Struktur zu geben. So hat er auch zu seiner Profession gefunden: Demmer kümmert sich am liebsten um Begriffsklärungen. Das klingt kleinkariert, ist aber eine der Voraussetzungen, damit das Portal funktioniert. Er bringt Ordnung in die oft wirr angelegten Artikel, legt etwa zwei Unterebenen an, wenn ein Name doppelt besetzt ist. Warum er das macht? Demmer zeichnet drei Achsen auf seinen Zettel und überlegt lange. „Es ist das Gefühl, etwas Gutes zu tun, Teil einer Gemeinde zu sein. Und dann stößt man immer wieder auf interessante Artikel.“ Demmer strahlt plötzlich. „Das bereitet wirklich Freude.“ Ob er damit in das Muster des typischen Wikipedianers passt? Falsche Frage. Denn den gibt es nicht. Da sind sich Catrin Schoneville, Pressesprecherin von Wikimedia, Christoph Demmer und Christian Stegbauer einig. Der Soziologe hat ein Buch über Wikipedia geschrieben und sagt: „Der Wikipedianer ist eben nicht der picklige Computernerd, der den ganzen Tag über Cola-saufend vor seinem Rechner sitzt.“ Unter den freiwilligen Helfern sind Professoren im Ruhestand, Handwerker, die nur über ein bestimmtes Fachthema schreiben, Studenten, Schüler und Rentner. „Der Einstieg bei Wikipedia ist oft ideologischer Natur, dann kommt eine weitere Motivation hinzu, wenn den Wikipedianern Verantwortung zugewiesen wird und sie diese auch übernehmen“, weiß Stegbauer aus seinen Beobachtungen im Netz. Während seiner Forschungen ist Stegbauer in die hintersten Ecken des Portals vorgedrungen. Er hat Edit Wars beobachtet, in denen die Autoren hartnäckig um die Warheit kämpfen, wie es beim Massaker von Srebrenica war. Er hat Wahlen um die begehrten Administratorenposten unter den Wikipedianern beigewohnt. Aber eine Sache hat ihn besonders gewundert: „Die Artikel werden in der Regel von wenigen Autoren geschrieben. Die Idee also, dass viele Augen auf einen Artikel gucken und ihn so verbessern, ist nicht in allen Bereichen der Fall.“ Viele Autoren stellen auf ihren eigenen Wikipedia-Seiten stolz die Artikel vor, die sie „selber geschrieben haben“. „Das widerspricht der Idee von der Schwarmintelligenz, nach der Texte gemeinsam konstruiert werden.“ Und bei der Fülle an Artikeln finden sich dann eben auch viele mit minderer Qualität neben anderen, die sich mit herkömmlichen Lexika messen lassen können, wie es in mehreren Vergleichen zwischen Wikipedia und den Internetausgaben vom Brockhaus und der Encyclopædia Britannica geschehen ist. „Wenn man den Produktionszusammenhang kennt, kann man sich erst mal nicht vorstellen, dass da so qualitativ hochwertige Artikel drinstehen. Dadurch entsteht die Skepsis“, bestätigt Stegbauer und erklärt damit auch, wie sich der Ruf der Wikipedia zwischen seriöser Wissenschaft und nur allzu menschlischer Fehlerhaftigkeit entwickelt hat. Hätten Sie übrigens gewusst, dass die Weibchen der Japanmakaken höherstehende Paarungspartner anlocken indem sie über die Schulter zurückblicken oder rückwärts auf sie zugehen? Nein? Dann danken Sie jetzt Wikipedia.

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