Von Wohlstand und Verunsicherung - Die Kultur muss für die Freiheit sterben

Kolumne: Grauzone. Demokratie, Freiheit und Menschenrechte sind auf dem Siegeszug: Noch nie ging es weltweit so vielen Menschen so gut. Doch der zivilisatorische Fortschritt hat seinen Preis

Noch nie in der Geschichte der Menschheit konnten so viele Menschen so sicher, so mühelos und so freiheitlich leben.
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Alexander Grau ist promovierter Philosoph und arbeitet als freier Kultur- und Wissenschaftsjournalist. Er veröffentlichte u.a. „Hypermoral. Die neue Lust an der Empörung“. Im Oktober erscheint sein Essay „Kulturpessimismus. Ein Plädoyer“ bei zu Klampen.

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Alexander Grau

Wir leben in goldenen Zeiten. Nie gab es mehr Wohlstand, mehr Freiheit, mehr Sicherheit. Und das nicht nur in Europa und Nordamerika. Überall auf der Welt geht es den Menschen besser. Die Lebenserwartung hat sich global in den letzten zweihundert Jahren verdoppelt. Lebten um das Jahr 1800 etwa eine Milliarde Menschen auf diesem Planeten, so sind es mittlerweile gut sieben Milliarden.

Trotzdem ist der Lebensstandard gestiegen. In den westlichen Industriestaaten können Empfänger von Sozialleistungen einen Lebensstil pflegen, der für ihre Urgroßeltern selbst bei harter Arbeit noch unvorstellbar war. Auch global nimmt der Wohlstand rasant zu. In atemberaubendem Tempo entsteht eine weltweite Mittelschicht. Die Zahl der Armen sinkt seit den 1990er Jahren nicht nur proportional, sondern auch absolut.

Dabei ist die Belastung durch Arbeit zurückgegangen. Gemessen an früheren Generationen genießen wir ein Höchstmaß an Freizeit. Harte körperliche Arbeit ist zumindest in den hoch entwickelten Gesellschaften des Westens selten geworden. Echte „Maloche“ gibt es kaum noch.

Das liegt auch daran, dass das Bildungsniveau weltweit nie höher war. Nie zuvor in der Menschheitsgeschichte war die Alphabetisierungsquote so hoch (79 Prozent laut UNESCO), nie zuvor wussten so viele Menschen so viel. Auch deshalb interessieren sich mehr Menschen für ihre Mitmenschen auf anderen Kontinenten. Erstmals in der Menschheitsgeschichte gibt es eine globale Öffentlichkeit.

Resignation statt Euphorie
 

Deshalb auch ist Krieg geächtet. Offene Kriege zwischen Staaten, wie es noch im 20. Jahrhundert üblich war, finden nicht mehr statt. Wird doch Krieg geführt, dann inoffiziell, peinlich verbrämt oder mit Hilfe einer gedungenen Soldateska. Wenn seit wenigen Jahren die Anzahl bewaffneter Konflikte wieder steigt, so geht das auf Kosten der Umwälzungen in der muslimischen Welt, vor allem also dem Zerfall brutaler, autoritärer Regime.

Denn allen Unkenrufen zum Trotz, sind Freiheit, Demokratie und Menschrechte weiter auf dem Siegeszug. Selbst Diktatoren wagen es nicht, sich als Diktator zu bezeichnen, sondern geben sich als waschechte Demokraten. Langsam aber sicher schleift die globale Zivilgesellschaft auch die letzten Bastionen von Despotismus und Terrorherrschaft.

Rassismus, Sexismus und Diskriminierungen aller Art sind global auf dem Rückzug. Der weltweite zivilisatorische Fortschritt mag vielen zu langsam gehen. Bei realistischer Sicht der Dinge ist er atemberaubend.

Kurz: Noch nie in der Geschichte der Menschheit konnten so viele Menschen so sicher, so mühelos und so freiheitlich leben. Aber seltsam: Statt Euphorie und Begeisterung herrschen in der westlichen Welt Resignation, tiefe Verunsicherung und Pessimismus.

Der Preis der Freiheit
 

Wie kommt das? Woher die Selbstzweifel, die Orientierungslosigkeit?

Die Antwort: Die allgemeine Verzagtheit ist der Preis für den Erfolg. Denn das Opfer, das zunächst die westlichen und später alle anderen Gesellschaften für Wohlstand, Bildung, Freiheit und Gleichberechtigung zu bringen hatten (und haben), war die eigene Tradition, die eigene Identität, das eigene kulturelle Erbe.

Denn voraufklärerische Kulturen sind alles andere als liberal, offen oder sozial durchlässig. Vorindustrielle Hochkulturen sind weitestgehend patriarchalisch, autoritär, starr, sexistisch und gewaltaffin. Ihre Legitimation beziehen sie aus der Tradition und einem meist archaischen Wertesystem. Das war in Europa so, das war in außereuropäischen Hochkulturen nicht anders.

Freiheit, Emanzipation, Bildung und Massenwohlstand sind nur gegen solche vormodernen Traditionen möglich, gegen althergebrachte Strukturen, Bräuche und Wertevorstellungen. Um das Individuum aus den Zwängen konservativer Traditionskulturen zu befreien, müssen diese untergehen. Oder griffiger: Die Kultur muss sterben, damit die Zivilisation obsiegt.

Heimatlosigkeit und Verunsicherung
 

Doch kulturelle Traditionen, altehrwürdige Institutionen und Gebräuche sind nicht nur Gefängnisse. Sie geben den meisten Menschen auch Halt und Orientierung. Dieses Gefühl der Geborgenheit können und wollen moderne Gesellschaften nicht bieten. Sie entlassen ihre Mitglieder in die Kälte einer durchrationalisierten Welt. Kuschelige Geborgenheit hat nicht die Gemeinschaft zu liefern, sondern das private Umfeld des Einzelnen.

Damit kommen nicht alle zurecht. Das zeigen die kulturkämpferischen Nachhutgefechte, die derzeit in Europa geführt werden, etwa um die „Homoehe“, die Auseinandersetzungen um kulturelle Identität und Überfremdung, die Antikapitalismus- und Antiglobalisierungsproteste. Doch das sind letzte Scharmützel einer längst geschlagenen Schlacht.

Der endgültige Siegeszug der Moderne ist unaufhaltsam, allen Zweifeln und aller Verzagtheit zum Trotz. Denn auf der Welt gibt es Milliarden Menschen, die nach Sicherheit und Wohlstand streben und sich ihr Leben nicht länger von den überholten Normen, Regeln und Schranken archaischer Kulturtraditionen diktieren lassen wollen. Der Preis dafür ist Heimatlosigkeit und Verunsicherung. Wir werden ihn zu zahlen haben. Denn er ist ein Zeichen der Freiheit.

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