Virginia Woolf
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Virginia Woolf - Wir weinen an den falschen Stellen

Virginia Woolfs autobiografische Texte tauchen in das viktorianische England zurück – Péter Nádas fixiert historische Augenblicke mit höchster Sinnlichkeit

Autoreninfo

Gleim, Bernhard

So erreichen Sie Bernhard Gleim:

Virginia Woolf: Skizze der Vergangenheit. Gelesen von Sophie Rois. Argon, Berlin 2013. 3 CDs, 3 Std., 24 Min., 16,99 Euro.

Péter Nádas: Vatermord. Elf Geschichten aus "Parallelgeschichten". Gelesen von Ulrich Matthes. Argon, Berlin 2013. 10 CDs, 12 Std., 22 Min, 39,95 Euro.

«Ich schrieb das Buch sehr schnell und als ich es geschrieben hatte, hörte meine Mutter auf, mich zu besetzen», schreibt Virginia Woolf in der «Skizze der Vergangenheit» über ihren Roman «Zum Leuchtturm». Das Buch bannte die früh gestorbene Mutter fast magisch in literarischen Bernstein, und trotz allen Schreibschwungs ist es außerordentlich formbewusst. Der Erinnerungszwang wird aufgelöst in eine genau kalkulierte Fragmentierung und Verfremdung, die Autorin spiegelt ihr eigenes Schreiben im Buch selbst als Reflexion über die Möglichkeiten der Kunst. Die subjektive Perspektive ist vielfältig gebrochen.

Als dann Jahre nach dem Tod der Autorin autobiografische Skizzen auftauchten, hatte mancher wohl gehofft, nun ihre Stimme unverstellt zu hören, gewissermaßen «sie selbst». Aber erzählerisch naiv wird Virginia Woolf nicht einmal dann, wenn sie sich in ein eher einfaches Erzählen fallen lässt. Sie notiert vielmehr mit: die Hemmungen und die Unlust, die sich vor das Erinnerte stellen. Sie spürt nach: den merkwürdigen Disproportionen unserer Erlebnisse – wir weinen an den falschen Stellen.

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Noch einmal kreist sie um den Tod der Mutter, hier ist er der Ursprung ihrer eigenen Kreativität. Und so tief geht der Schock, den ihr Tod auslöst, dass er das Gefühl der Trauer selbst zerstört. Der Gewinn: die Fähigkeit zur Durchsicht, zu künstlerischer Radikalität. Das Gleichgewicht geht verloren, und infolgedessen werden die Größenverhältnisse der Wahrnehmung produktiv durcheinandergeworfen. «Der Tod meiner Mutter entschleierte und intensivierte meinen Blick.»

Hinter dem verwuselten ­Alltag gebe es ein Webmuster, in dem alle Menschen miteinander verbunden sind – dieser Gedanke Virginia Woolfs bildet eine mehr als nur zufällige Brücke zu Péter Nádas. Auch sein im vorigen Jahr auf Deutsch erschienener Roman «Parallelgeschichten» (siehe «Literaturen» 1/2012) suggeriert ein solches Muster menschlicher Verbundenheit, ohne dass er es explizit und stringent entwickelte. Es gehört zur vertrackten Faszination dieses Buches, dass es zwar Korrespondenzen, Spiegelungen, Fortführungen von Motiven anbietet, gleichzeitig aber irgendwo mittendrin abbricht und einen «Sinn» verweigert. Dabei jedoch ist er in einem unmittelbaren, ersten Kontakt berückend dicht und sinnlich detailliert erzählt.

Vollkommen legitim ist es da, dass Brigitte Landes in ihrer Text-Auswahl für das Hörbuch dem Werk zu Leibe rückt wie ein Wanderer, der eine wenn auch willkürliche, so doch einigermaßen plausible Schneise durch ein noch unvermessenes Gelände schlägt. Die Dramaturgin beginnt mit der Geschichte des Studenten Döhring, der eine Leiche im Berliner Tiergarten findet und es für möglich hält, den Mord selbst begangen zu haben; nach und nach gerät er aus dem Gleichgewicht. Das «Geheimarchiv seines Gedächtnisses» erwacht, und danach stürzt die Geschichte zurück in die deutsche Vergangenheit.

Das hört sich kompliziert an, aber fangen Sie nur an zu hören, etwa die Passage «Der wahre Leistikow». Da kommt Döhring auf einer ungezielten Radfahrt an einen Berliner Sommersee, der ihn sehr deutlich an ein Bild erinnert: «Er stand mitten in Leistikows Gemälde», notiert Péter Nádas den Vorgang kurz und knapp. Diese Assoziation bildet wiederum einen sublimen Firnis über dem, was im Folgenden passiert. Ungehemmt betrachtet der Student die nackt vor ihm Badenden. Wohl nie in der Literatur ist die abgegrenzte Passivität des Voyeurs, seine zwanghafte, aber allen Sinneseindrücken geöffnete Gebanntheit so intensiv beschrieben worden.

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Mit Sophie Rois und Ulrich Matthes hört man zwei souveränen Vorlesern zu. Matthes betont nicht den dionysischen, sondern den apollinischen Ton des Romans, dessen gleichbleibende Kühle, und er liefert die szenische Präsenz, die Genauigkeit des Augenblicks. Sophie Rois wiederum hebt einen verdeckten Ton in Virginia Woolfes Erinnerungen hervor, einen zarten Zug von höherer Tochter, ein wenig Schmerzanfälligkeit, aber auch Staunen und Humor. Gegen viktorianische TV-Serien-Nostalgie à la «Downtown Abbey» helfen Woolfs Schilderungen aus dem viktorianischen Alltag als Katerfrühstück. Welche disziplinierte Langeweile herrschte da hinter prächtiger Fassade, gerade für Frauen!

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