re:publica XI - Vertane Chance – Nerds und Geeks bleiben lieber unter sich.

Das Internet und seine Aktivisten sind mittlerweile ein wichtiger politischer und gesellschaftlicher Akteur. Auf der Blogger-Konferenz re:publica XI wurde zwar viel über die Öffnung zur Gesellschaft geredet, aber wenig dafür getan. Ein Kommentar

Treffen in der nicht-virtuellen Wirklichkeit: nicht ohne meinen Laptop!
() Treffen in der nicht-virtuellen Wirklichkeit: nicht ohne meinen Laptop!

Eigentlich hätten die politischen Netzaktivisten, die sich in dieser Woche auf der re:publica XI in Berlin getroffen haben, allen Grund, stolz und selbstbewusst zu sein. Erst kürzlich hat die Bundesregierung das Netzsperren-Gesetz wieder gekippt, nach massiven Protesten vor allem aus dem Netz. Die Zensursular- und Stasi-2.0-Kampagnen gegen die Sperrung von Internetseiten und Vorratsdatenspeicherung haben gezeigt, im Internet lassen sich nicht nur politische Akteure mobilisieren, sondern es können auch politische Schlachten gewonnen werden. Und dies nicht nur in der schönen neuen digitalen Welt, sondern auch in der alten analogen, in der immer noch die politischen Entscheidungen gefällt werden.

Das Internet und seine Aktivisten sind mittlerweile ein politischer und gesellschaftlicher Akteur, das haben in Deutschland nicht zuletzt auch der Rücktritt des Bundespräsidenten Horst Köhler und die Diskussionen um den Plagiator Karl-Theodor zu Guttenberg gezeigt. Ohne das Netz und seine Blogger wären beide noch im Amt. In der arabischen Welt wurden gar Facebook-Revolutionen ausgerufen.

Aber auch die destruktive Macht des Internets und die Grenzen der digitalen Revolution wurden in den letzten Monaten deutlich: beim fragwürdigen und leichtfertigen Umgang von Wikileaks mit Geheimakten, bei der Diskussion über die ökonomische Macht von Internetgiganten wie Google, Apple oder Facebook oder auf dem Webportal „I share gossip“, mit dessen Hilfe Schüler sogar in den Selbstmord getrieben wurden.

Doch auf der re:publica, auf der in dieser Woche rund 3.000 Netzaktivisten über Blogs, soziale Medien und die digitale Gesellschaft diskutierten, war von der politischen und gesellschaftlichen neuen Macht des Internets zwar viel die Rede, aber wenig zu spüren. Das Programm war vollgepfropft mit allem Möglichem, aber mit wenig Relevantem. Der ganze Kongress litt darunter, dass er im Grunde kein Thema hatte.

Die re:publica ist ein großes Familientreffen, die Blogger sind froh, sich mal wieder im realen Leben zu treffen, miteinander Kaffee oder ein Bier zu trinken und zu plaudern. Aber wie jede Familie bleiben auch die Geeks und Nerds lieber unter sich, diskutieren über Gated Communities, informieren sich über die neusten Trends der Troll-Forschung und amüsieren sich am Abend beim PowerPoint-Karaoke. Und damit sind sie sich dann selber genug. Schön, dass wir uns alle mal wieder gesehen haben und gegenseitig erklärt haben, wie cool, wie trendy und wie politisch korrekt wir sind.

Es mag ja sein, dass die re:publica in den Vorjahren noch schlimmer war, dass in der Vergangenheit noch mehr digitale Nabelschau betrieben wurde. Die Organisatoren der re:publica haben das Defizit offenbar auch erkannt, sie wollen eine andere Kommunikation, sie wollen auch diejenigen erreichen, die nicht Tag und Nacht mit ihrem Notebook oder iPhone herumlaufen. Sie wollen mit Menschen ins Gespräch kommen, für die digitale Kommunikation Mittel zum Zweck ist aber kein Selbstzweck. Eigens dafür wurde am Rande des Kongresses der Verein „Digitale Gesellschaft“ gegründet.

Nur scheinen die Vereinsgründer ihre Ziele selbst nicht besonders ernst zu nehmen. Denn von der Öffnung, die sie so wortreich propagieren, war auf der re:publica wenig zu spüren. Weder wurden Themen gesetzt, noch mit möglichen Mitstreitern das Gespräch gesucht.

„Mitmachen“, sollen möglichst viele Menschen, aber warum lädt man dann nicht Vertreter von zivilgesellschaftlichen Organisationen oder traditionelle Bürgerrechtsgruppen zum Mitdiskutieren ein. „Druck auf die Politik“ wollen die digitalen Akteure ausüben, aber warum streiten sie sich nicht mit ihnen auf der wichtigsten Blogger-Konferenz in Deutschland? „Aufklären“ wollen die Netzaktivisten, aber warum beginnen sie nicht damit, in einer Sprache zu kommunizieren, die nicht nur von Insidern verstanden wird?

Wer den Menschen das Internet näher bringen will, der darf zudem nicht nur von der bedrohten Freiheit im Netz reden, von mächtigen Datenkraken und orwellschen Überwachungsszenarien. Er muss vielmehr auch über Verantwortung sprechen, über die Grenzen der Netzfreiheit und über staatliche Regeln. Und er darf die massiven und teilweise kriminellen Urheberrechtsverletzungen im Internet nicht bagatellisieren und idealisieren. Vor allem aber müssen die Netzaktivisten auch die berechtigten Ängsten und Sorgen ernstnehmen, mit denen viele Menschen der entgrenzten digitalen Welt begegnen, von der Internetkriminalität bis zum digitalen Rufmord. Vollmundig verkünden die Netzaktivsten zwar, sie wollten „Internetpolitik für die Menschen machen“, doch sie betreiben weiterhin vor allem ihre digitale Nabelschau, die reale Welt bleibt außen vor.

Dabei war die Chance, politischen Einfluss zu gewinnen und digitale Bürgerechte zu stärken, nie größer. Immer mehr Menschen verstehen, wie wichtig das Internet ist, wie wichtig es ist, dass es demokratische Regeln hat und wie wichtig es ist, dass der ökonomischen Macht im Netz Grenzen gesetzt werden. Die Politik hat zudem erkannt, wie mobilisierungsfähig das Netz ist und beginnt sich darauf einzustellen, die Netzaktivisten politisch ernst zu nehmen. Aber die Chance wurde auf der re:publica XI vertan und nicht nur dort.

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