Das Journal - Verräter, Held, mein Vater

Pierre Boom berichtet über sein Leben als Sohn des Kanzlerspions Günter Guillaume

Am 24. April 1974 endete die Spionagekarriere des Ehepaars Guillaume, als Beamte des Bundeskriminalamts die beiden in ihrer Bad Godesberger Wohnung verhafteten. Während die Enttarnung des «Kanzlerspions» Günter Guillaume für Schlagzeilen sorgte, fand das Schicksal seines Sohns Pierre nur kurzfristig Beachtung. Und seine Frau Christel, die sich in den Jahren zuvor zunehmend von ihrem Mann und Führungsoffizier distanziert hatte, spielte ein weiteres Mal die Nebenrolle.

Was vor drei Jahrzehnten die Welt bewegte, wird nun ausführlich und aus privater Perspektive vom Sohn nachgezeichnet. Die politischen Dimensionen stehen dabei eher im Hintergrund. Das Buch bietet keine weltbewegenden Enthüllungen, doch liefert es einen bemerkenswerten Beitrag zur Mentalitätsgeschichte der DDR-Geheimdienste und zu jener Technik, Wi­dersprüche zu verdrängen, die unter dem Stichwort «Konspiration» lief.

«Der Sohn des Kanzlerspions», der heute als Fotograf und Multimedia-Producer in Berlin lebt und den Mädchennamen seiner Mutter angenommen hat, erinnert sich. Von der  Verhaftung seiner Eltern war Pierre seinerzeit vollkommen überrascht worden, weil sie ihre Rolle als rechte Sozial­demokraten auch zu Hause perfekt gespielt hatten. Schon bald freilich sah sich der Siebzehnjährige mit einer Reihe hilfreicher, doch ungerufener Geister konfrontiert, die mehr über das Vorleben der Guillaumes wussten, als sie bis heute preis­geben wollen.

Mit einer Mischung aus Fürsorglich­keit und sanftem Druck wurde Pierre nahe gelegt, dass sein Leben im Westen materiell ungesichert sei und seine eigentliche Heimat doch in jenem Staat läge, in dem seine Eltern nicht als Verbrecher, sondern als Helden im Friedenskampf angesehen würden. Bei ersten Besuchen in der DDR traten dann Verwandte und andere Hilfskräfte in Erscheinung, die Pierre vorführten, dass er dort als Sohn Günter Guillaumes eine Vorzugsbehandlung genießen würde. Eine Vorzugs­behandlung, die er später zunehmend als Strangulation empfand und der er sich kurz vor der Wende durch die Ausreise in den Westen entzog.


Die Stasi als Vaterersatz

Wie Pierre sich nolens volens für die Arbei­ter- und Bauernrepublik entschied, gehört zu den interessantesten Informationen seines Buchs. Im Grunde ging es darum, die plötzlich so fremd gewordene Familie zusam­menzuhalten, und das schien am einfachs­ten, wenn er die Bedingungen akzeptierte, unter denen seine Eltern angetreten waren.

Anpassen konnte er sich allerdings nicht – nicht dem Wiederkäuen von Parolen, nicht der kleinbürgerlichen Bigotterie, mit der die «Vorhut der Arbeiterklasse» ihre Privilegien rechtfertigte, nicht der zunehmenden Militarisierung des Erziehungs­wesens. Und vor allem nicht jener freundlichen Dauerbelagerung durch Agenten des MfS, die jeden Widerspruch als persönliches Problem des Betreuten werteten, das man mit Geduld und der einen oder anderen Vergünstigung schon zerstreuen würde.

Pierre Boom hat ein MfS mit Samthandschuhen erlebt. Nur einmal berichtet er von Stasi-Offizieren, die sich in einer Sauna im schlimmsten Herrenmenschenjargon über die Zustände in Polen äußern. Ja, die Mitarbeiter des Ministeriums für Staats­sicherheit, die sich dem in BRD-Haft einsitzenden Genossen Guillaume verpflichtet fühlten, scheinen sich auf ihre Art ehrlich bemüht zu haben, eine Art allgegenwärtigen Vaterersatz zu bieten. Dem Sohn des Kanzlerspions, der die Schule geschmissen hatte und sich mit der Berufswahl schwer tat, versuchten sie beharrlich klarzumachen, dass sie am besten wüssten, was gut für ihn sei. Der Preis für den totalen Vaterersatz waren fortwährende Adoleszenz und Unmündigkeit.

Und so einzigartig Pierre Booms Geschichte sein mag, so paradigmatisch erscheint seine totale Betreuung durch «die Firma» MfS. «Der fremde Vater» Günter Guillaume erscheint am Ende noch fremder, aber dabei enthüllt sich das System, das Leute wie ihn geprägt hat.

 

Pierre Boom, Gerhard Haase-Hindenberg
Der fremde Vater. Der Sohn des Kanzlerspions erinnert sich
Aufbau, Berlin 2004. 415 S., 22,50 €

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