Buckelwal Timmy
Der gestrandete Buckelwal Timmy / picture alliance/dpa/Greenpeace Germany | Florian Manz

Verhältnis zur Natur - Von Walen und Menschen

Seitdem ein Buckelwal bei Timmendorf strandete, überschlagen sich die Medien. Das Tier gerät zur kitschigen Projektionsfläche einer der Natur entfremdeten Zivilisation. Das Ergebnis sind Sentimentalität und Hysterie.

Alexander Grau

Autoreninfo

Alexander Grau ist promovierter Philosoph und arbeitet als freier Kultur- und Wissenschaftsjournalist. Zuletzt erschien von ihm „Die Zukunft des Protestantismus“ bei Claudius.

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Der Mensch ist das einzige Tier, das sich Sorgen um das Wohlergehen anderer Tiere macht. Er hätschelt sie und tätschelt sie, er schafft ihnen Naturreservate und studiert akribisch ihre Eigenarten und Gewohnheiten. Zugleich schlachtet er sie ab, quält sie in Massentierhaltungen, ernährt sich von ihnen und hat sie über Jahrtausende als Arbeitssklaven und Transportmittel ausgebeutet. Das Leid, das der Mensch seinen Mitgeschöpfen im Laufe der Kulturgeschichte zugefügt hat, ist unermesslich. Selbst wenn man kein fanatischer Tierschützer ist, muss man zu diesem Ergebnis kommen.

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Klaus Funke | Sa., 4. April 2026 - 12:33

Das kommt vor bei Walen, noch dazu bei jungen männlichen Exemplaren. Hinzu kommt, dass er ein halbes Fischernetz verschluckt hat und seitdem behindert ist, denn er kann das Hindernis nicht selber entfernen. Das ist tragisch, aber kein Grund eine Tragödie von dem Ausmaß aufzuführen wie sie täglich von den Medien (und dazu von der Politik, die offenbar froh ist, eine Ablenkung zu haben) zelebriert wird. Hätten wir richtige Wissenschaftler, die solche Szenarien einschätzen können, hätte das Tier schon vor Tagen von seinen Leiden erlöst werden müssen. Aber nein, man weidet sich am Sterben dieses Riesensäugers, und hat außerdem immer eine aktuelle Medienzeile. Ja, selbst so ein im Grunde natürlicher Vorgang zeigt wie kaputt unsere Gesellschaft insbesondere die Medien sind. Da habe ich nur ein Wort: Pervers und Pfui! Und Til Backhaus, das SPD-Urgestein aus MeckPom, hätte diesen Befehl geben müssen, anstatt selber ratlos und "grüne" Sprüche klopfend danebenzustehen. Möge Timmy friedlich gehen

Dorothee Sehrt-Irrek | Sa., 4. April 2026 - 12:39

überlegen, ob er desorientiert war?
Aber der Hype in Österreich um das Elchjungtier hat mich doch ein bisschen verzaubert.
Sie, Herr Grau, sprechen also nicht mit dem Wind, den Bäumen und den Vögeln?
Ich mache das und gebe mir nach Kräften Mühe, meinen Fleischkonsum einzuschränken.
Am liebsten wäre mir, ich könnte von "Luft und Liebe" leben, aber das kann wohl auch kein anderes Lebewesen?
Unsere Missetaten an unserer Umwelt werden eventuell gemildert durch eben bislang auch teils deren Ferne von absoluter Harmlosigkeit.
Bewußter Leben scheint mir aber ein sinnvoller Anspruch an sich selbst.
Wie sähe unser Planet dann aus?
Ich glaube jedenfalls nicht, dass nicht auch eine Topfpflanze(Ganteför) träumen kann.
Deshalb mag ich doch chinesische Serien so.
Ich habe sie zwar nicht gesehen, aber was ist die weibliche Hauptdarstellerin in "Fairy and Devil", eine Art Blume oder?
Was sind Elfen und irgendein Land befragt vor dem Bau einer Strasse bei einem Ministerium, ob man die nicht stört?
Nu

Thomas Hechinger | Sa., 4. April 2026 - 13:31

Großenteils stimme ich zu, werter Herr Grau. Aber daß Menschen Tiere als Nahrungs- oder Transportmittel ge-, von mir aus auch mißbrauchen, bedeutet doch andererseits nicht, daß man nicht im Einzelfall mit einem dieser Geschöpfe Gottes mitleiden kann.

Unser Vater hat, als wir noch Kinder waren, einmal ein junges Geißlein großgezogen. Er betrieb eine kleine ärmliche Nebenerwerbslandwirtschaft. Das Geißlein sprang auf dem Hof herum. Es war unser Spielgefährte, wir streichelten es, wir jagten es, es jagte uns. Wir freundeten uns mit ihm an. Bis wir schließlich erfuhren, daß mit diesem Geißlein nie etwas anderes vorgesehen war, als es, wenn es groß genug wäre, zu schlachten. Alles Bitten half nichts, unser Vater war als Landwirt in solchen Fragen völlig unsentimental. Es ging ihm schlicht um Nahrungsbeschaffung. Mal etwas anderes als Schwein. Und so landete das Fleisch auf unserem Mittagstisch. Ob ich davon gegessen habe, weiß ich nicht mehr. Es ist zu lange her.

Brigitte Miller | Sa., 4. April 2026 - 14:40

Antwort auf von Thomas Hechinger

einmal einen Bericht in einer Zeitschrift, wonach sich deutsche Urlauberinnen auf einer griechischen Insel bitter beklagt hatten, dass an Ostern ein Lämmchen durchs Dorf geführt wurde und die begleitenden Kinder so eine Freude an ihm gehabt hätten, trotzdem sei es, wie herzlos, anschliessend geschlachtet worden.
Den Urlauberinnen sei anschliessend erklärt worden, wichtig daran sei, dass das kleine Schaf vorher ein gutes Leben gehabt hätte.
Sie sehen, es geht beides.
Se no è vero, è ben trovato.

Wie lange hat denn das gute Leben des Lämmchens gedauert ?
4 Monate ?
Als Erwachsener kann ich das akzeptieren aber ich würde es, wenn eben möglich, vermeiden Kinder damit zu konfrontieren.
Ich esse Fleisch aber selten und wenig. Lämmer und Kälber sind allerdings für mich tabu.
Aber das ist meine ,ganz persönliche, Entscheidung .

Thomas Hechinger | Sa., 4. April 2026 - 18:07

Antwort auf von Ann-Katrin Grönhall

Das Tier wurde nicht vor den Augen der Kinder geschlachtet. Es war auf einmal weg. Und mein Vater hat daraus gelernt. Ein Nutztier, das zum Schlachten vorgesehen ist, darf nicht zuvor zum Gespielen von Menschen, also eine Art Familienmitglied, werden. So etwas ist nie wieder passiert.

Brigitte Miller | So., 5. April 2026 - 08:00

Antwort auf von Ann-Katrin Grönhall

4 Monate mit der Mutter auf der Weide als im Käfig oder auf dem Spaltenboden, intelligente Schweine ohne Beschäftigung eingesperrt, so finde ich.
Es ist ein ewige Gratwanderung, entweder man wird Veganer oder macht es wenigstens, das man Fleisch kauft aus Weide-und Freilandhaltung.

Brigitte Miller | Sa., 4. April 2026 - 13:36

Ist es, Herr Grau. Je naturferner der Mensch ist, desto mehr romantisiert er „die Natur“ , desto weniger versteht er sie . Die Verrücktesten unter ihnen möchten gar die Menschheit vernichten, damit die Natur und das „Klima“ geschützt wird und sich erholen kann.

Chris Groll | Sa., 4. April 2026 - 15:22

Danke Herr Grau für diesen Artikel. Sie haben es auf den Punkt gebracht.

Aber man kann mit diesem Wal auch so wunderbar von wirklichen Problemen ablenken.

Sabine Lehmann | Sa., 4. April 2026 - 16:44

Dieser Artikel ist ein Armutszeugnis u. zeugt von einer empathielosen Wertehaltung gegenüber Flora u. Fauna, deren Teil der Autor sonderbarerweise selbst ist.
Sich menschlich u. hilfsbereit der leidenden Kreatur zuzuwenden, ist normalerweise das was Menschsein ausmacht. Was genau eben das mit Kitsch oder Hysterie zu tun haben soll, erschließt sich wohl nur dem Autor selbst.
Und die naheliegende Idee, dass der Mensch durchaus das Eine tun kann, ohne das Andere zu lassen, ist zwar eine sehr banale Erkenntnis, aber deshalb nicht weniger sinnhaft. Heißt im konkreten Fall, es ist durchaus miteinander kompatibel, Fleischkonsum auf dem heimischen Speiseplan und „trotzdem“ Mitleid mit einem riesigen Meeresbewohner zu haben, der ganz nebenbei unter Artenschutz steht u. als Teil des globalen Ökosystems jeden Tag dazu beiträgt, dass unser Planet weiterbesteht.
Wer solche herzlosen Abgesänge wie diese hier verfasst, der hat auch keine wissenschaftlichen Grundkenntnisse vom Kreislauf des Lebens!

Jens Böhme | Sa., 4. April 2026 - 17:28

Antwort auf von Sabine Lehmann

Der Wal hatte sich einen ruhigen, abgelegenen Ort zum Sterben ausgesucht. Auf diese Idee kommen Naturschützer, Walschützer nicht, weil Wildtiere von Menschen unsichtbar zu sterben haben.

Sabine Lehmann | Sa., 4. April 2026 - 17:56

Antwort auf von Jens Böhme

Selbst Naturschützer und Walretter haben ein Hirn zum denken, werter Herr Böhme. Dass der Wal stirbt, war anfangs nicht absehbar. Seine Einschätzungen der Lage vor Ort anzupassen und zu evaluieren, ist ein wesentlicher Bestandteil menschlicher Intelligenz, wenn auch begrenzt, wie ich oft feststellen muss.
Von daher, wer kennt schon die Absichten eines Wildtieres? Aber vielleicht verfügen Sie ja über besondere esoterische Fähigkeiten, wer weiß.

Thomas Hechinger | Sa., 4. April 2026 - 17:58

Antwort auf von Sabine Lehmann

Der Artikel von Herrn Grau ist übertrieben scharf formuliert. Im Kern geht er aber richtig. Ich sehe es so: Man darf mit diesem Wal, der leidenden Kreatur, wie Sie es nennen, mitleiden. Und wäre er als gesunder Wal durch ein Unglück gestrandet und im Wesentlichen heil geblieben, wären alle Anstrengungen, ihn wieder ins offene Meer zu geleiten, gerechtfertigt gewesen. Als sich aber herausstellte, daß er gekommen war, um zu sterben, hätte man ihn mit Würde sterben lassen sollen, statt das Tier zu quälen, indem man es immer wieder ins Meer zurücktreibt. Das ist falsch verstandene Menschlichkeit, es ist grausame Unmenschlichkeit. Und dagegen, so habe ich es verstanden, wendet sich Herr Grau. Wir sollten der Natur ihren Lauf lassen, statt unsere romantischen naturwidrigen Vorstellungen auf ein Wildtier zu übertragen.

Jens Böhme | Sa., 4. April 2026 - 17:19

Ich gehe jetzt "Waldbaden". Dienstag fahre ich mit Auto ins Fitnesstudio, um auf der Stelle Rad zu fahren (Spinning). Danach trinke ich ein Bier, um einen Baum im Regenwald zu pflanzen. Können Dackelblicke lügen?

Thomas Veit | Sa., 4. April 2026 - 18:04

dass der Wahl vermutlich auch aufgrund des wohl verschlucken Fischernetzes mehr oder weniger in diese Lage gekommen ist... ... - sicher denkbar.

Da man das Netz aber wohl nicht einfach heraus ziehen kann um den Wahl davon ohne weitere Schäden zu befreien - und auch wohl 'aus technischen Gründen' nicht... - sollte man ihn von seinem Leid und Siechtum schnellstmöglich erlösen..., und das war's.

Eine einfache Abwägung.

Klaus Funke | Sa., 4. April 2026 - 18:42

und er zeigt uns, was wir sind - eine sensationshungrige Meute hechelnder angeblicher Naturfreunde. Dieses Tier will sterben, weil es ein Fischernetz verschluckt hat, das es nicht wieder herauswürgen kann. Wale sind hochintelligente Säuger, von denen wir nur einen Bruchteil wissen. Er hat sich den Ort gesucht, wo er von der Welt auf seine Weise Abschied nehmen kann. Aber wir haben es ihm verkümmelt, weil wir immer wieder glauben, alle Welt, und besonders die Tierwelt, lebe und verhielte sich ganz wie wir Menschen. Auch Wissenschaftler denken im Grunde so. Ein Missverständnis, dem ganze Arten zum Opfer fallen. Ich sage: Ausblenden, Berichterstattung einstellen, das Tier sterben lassen, ohne es dabei betreuen zu wollen, Schluss mit diesem ganzen Zirkus. Fines lacrimarum.