Verdi-Streik
Verdi-Streik in NRW / picture alliance / Panama Pictures | Christoph Hardt

Verdi-Streik - Klassenkampffolklore der Wohlstandsbürger

Interessenvertretung ist nicht überflüssig. Der aktuelle Verdi-Streik aber erscheint als Folklore einer Gewerkschaftsbewegung in der Sinnkrise. Jeder Trachtenverein in Oberbayern wirkt authentischer als der Verdi-Trupp in seinen Plastikwesten.

Alexander Grau

Autoreninfo

Alexander Grau ist promovierter Philosoph und arbeitet als freier Kultur- und Wissenschaftsjournalist. In Kürze erscheint von ihm „Die Zukunft des Protestantismus“ bei Claudius.

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Wieder einmal stehen die Busse und Bahnen still. Wieder einmal wehen vor den Betriebshöfen Fahnen, werden Trillerpfeifen erprobt wie Instrumente eines übellaunigen Orchesters, wieder einmal versammeln sich Männer und Frauen in Warnwesten zu einer Choreografie der Arbeitsniederlegung. Und wieder einmal stehen Hunderttausende Schülerinnen, Auszubildende und Angestellte ratlos an Haltestellen, auf Bahnsteigen, in Vorstädten ohne Alternative. Der Streik – er gehört inzwischen zur verlässlichen Dramaturgie des deutschen Alltags wie der erste Spargel oder der letzte Schnee.

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Hans Jürgen Wienroth | Sa., 28. Februar 2026 - 08:41

Ist es nicht dieselbe Gewerkschaft, die für ein kostenloses ÖPNV-Ticket für alle, mindestens jedoch für ein günstiges „Deutschland-Ticket“ kämpft? Gibt es da ggf. personelle Überschneidungen mit der Partei die Linke? Da passt es ins Bild, dass der Staat über unendliche Geldmittel verfügt.

Deutschlands Wirtschaftswunder beruhte immer darauf, dass die Tarifparteien besonnene Abschlüsse zustande brachten, welche die Arbeitnehmer an den „Produktionsfortschritten“ teilhaben ließen. Diese „Fortschritte“ sind seit den 90er Jahren gering.

Inzwischen greift die Politik über die Festlegung des Mindestlohnes immer mehr in die Lohnentwicklung ein. Um den Abstand zu den Tariflöhnen zu halten, können die Gewerkschaften ja entsprechende Erhöhungen mit den Arbeitgebern vereinbaren. Dumm nur, wenn man selbst oder der Steuerzahler dieser Arbeitgeber ist. Aber Angebot an Arbeitskräften und Nachfrage regeln den Preis (Lohn) und ersteres ist dank „sozialer Hängematte“ gering.

IngoFrank | Sa., 28. Februar 2026 - 08:42

Magaret Thatcher als BK zu wählen, die das Buntland, u.a. seine Gewekschften in Verbindung mit der am Boden liegenden Wirtschaft und nicht zuletzt die, damit im unmittelbarem Zusammenhang stehenden Finanzen, wieder vom Kopf wieder auf die Füße stellt….. heißt einschneidende Reformen braucht dieses Land ! Nicht nur bei Verdi & Co. sondern in allen Bereichen ……
Mit freundlichen Gruß aus der Erfurter

Angelika Sehnert | Sa., 28. Februar 2026 - 09:16

Vielen Dank für die historische Einordnung. Viele wissen gar nicht, wie gut es ihnen geht, wie sicher Existenzen heute sind.
Die Streikenden, vielmehr die Gewerkschaftsbosse, haben immer noch nicht verstanden vor welch wirtschaftlichem Abgrund wir stehen. Dem Niedergang der Industrie folgt zwangsläufig ein Wegbrechen der Steuereinnahmen, was vor allem die Kommunen als Träger des ÖPNVs treffen wird. Man darf gespannt sein, wie Stuttgart dieses Problem lösen wird. Aber wie immer, der Fisch stinkt vom Kopf. Wenn Abgeordnete per Automatismus ca. 500€ /p.m. wegen Inflation mehr bekommen kann man von Busfahrern kaum verlangen volkswirtschaftlich verantwortungsvoll zu handeln. Warum sollen ausgerechnet sie ihrem Arbeitgeber entgegenzukommen? Noch immer wird von linker Seite das Märchen erzählt, Geld sei ja genug da. Das Erwachen wird sehr schmerzhaft sein. Dann gibt es vielleicht Streiks um überhaupt einen halbwegs anständig bezahlten Arbeitsplatz zu bekommen. Gern mit 40 Stunden.

Verdi dgb | Sa., 28. Februar 2026 - 09:23

Aber Hr Grau was glauben sie den. Die Funktionärskaste in ihren abgehobenen Büros, weiß doch gar nicht mehr wie arbeiten geht. Abgehalfterte Sozis wie Fr. Fahimi und Jung Sozialisten beherrschen den DGB und die Deutungshoheit in den Versammlungen. Wer etwas anderes will, wird dann vom Betriebsrat geächtet! Austritt vieler Arbeitnehmer ist die Folge. DGB nein Danke!

Dagmar Lubig | Sa., 28. Februar 2026 - 15:14

Antwort auf von Verdi dgb

die haben schon längst die Arbeitnehmer aus ihren Mittelpunkt gestrichen, und damit tun sie es der SPD gleich.
Immer mehr Gewerkscheftsfunktionäre kommen aus den Reihen der LINKE, die sich bekannterweise nicht als Arbeitnehmervertreter sieht, sondern als Vertreter von denen, die nach dem Sozialstaat für nicht arbeitenden rufen, Arbeitgeber als Gefahr ansehen, und ebenso die rechts von ihnen zu verorten sind.
So kommt es, dass die Gewerkschaften auf lieber auf "Nebenhochzeiten" tanzen, und nur weil ihnen alleine die Tariefverhandlungen zustehen, kompensieren sie ihre eingeschlichene Unzulänglichkeit mit anstacheln der Mitglieder zu überzogenen Sreiklust, nach dem Motto: "schaut hier, wir sind nur für euch da".

Walter Buehler | Sa., 28. Februar 2026 - 09:43

Ich habe in Erinnerung, irgendwo gelesen zu haben, dass vERDI, einen ähnlichen Mitgliederschwund hat wie die Kirchen und Parteien.

Die Spitze von Verdi ist nämlich fest in der Hand von Funktionären, die von dieser Tätigkeit leben, und idR zur SPD gehören.

Wie alle rot-grünen Funktionäre glauben sie fest, dass es in der Bundesrepublik Deutschland irgendwo einen Dukaten-scheißende Esel gibt, der Geld in beliebiger Höhe liefert.

Daher sind diese Menschen intellektuell in der Lage, Deutschlandticket, Elektrobusse, neue Bahnstrecken sowie kostenlosen Nahverkehr zu fordern und gleichzeitg den dort Beschäftigten ein paradiesiscches Leben zu versprechen.

Bezahlen wird ja der besagte Esel.

Ich glaube aber nicht, dass jeder im öffentlichen Dienst intellektuell so simpel gestrickt ist.

Die von Event-Agenturen und von den Funktionären organisierten Streiks zeigen sich - wenigstens in Berlin - immer in gleichen Gesichtern, mit gleichen Forderungen und mit gleicher Folklore,

A. Müller | Sa., 28. Februar 2026 - 10:40

Bin als ehemaliges Gewerkschaftsmitglied hin- und hergerissen bei dem Thema. Einerseits gebe ich Hr. Grau durchaus Recht. Bezahlbar für die öffentliche Hand muss das Ganze ebenfalls bleiben. Aber: Der Vergleich mit dem 19 Jh. hinkt insofern, als dass wir eben (Gott sei Dank) im 21 Jahrhundert leben und eine veränderte Definition von Armut und Wohlstand haben. Sollen Streiks erst dann legitim sein, wenn die Arbeitnehmer vor Hunger ausgemergelt sind? Das kann niemand wollen. Die Jobs im Nahverkehrsbereich sind zwar relativ sicher, gehören aber nicht unbedingt zu den bestbezahltesten. Die Inflation und hohe Energie- und Wohnkosten setzen vielen Arbeitnehmern zu. Diese Probleme sind politikgemacht, nicht zuletzt von rot-grün. Wie gesagt, ich bin Ex-Mitglied in einer DGB-Gewerkschaft. Ex deshalb, weil die Gewerkschaften eben dise Politik mitgetragen haben.

Markus Michaelis | Sa., 28. Februar 2026 - 21:21

Das scheint mir nicht der Punkt, denn wen soll es denn sonst treffen? Die Forderungen von Verdi gehen ja nur, wenn entweder die Fahrpreise erhöht werden, oder (realistischer) mehr Geld aus Steuern dazu gegeben wird. D.h. die Mitbürger müssen mehr Steuern zahlen oder andere Mitbürger-Gruppen (Kranke, Arbeitslose, Rentner, Flüchtlinge, Kunst&Kultur, Sport - wo die Steuergelder eben hingehen) bekommen weniger.

Im Prinzip finde ich es ok, wenn auch der ÖPNV für das streikt, was er unbedingt gerne hätte. Wenn ich nicht gegen alle Mitbürger kämpfe, sondern zB mehr Anteil gegen hochbezahlte "DAX-Jobs" gewinnen will, könnte man gezielt nur Linien in "deren" Wohn-, Arbeits- oder Freizeitviertel bestreiken. Und: wenn der ÖPNV oft streikt, sollte er auch sein Monopol aufgeben. Wenn Lufthansa streikt, kann ich Iberia buchen. Wenn der ÖPNV oft streikt, sollte er seine U-Bahn-Tunnel und Busspuren auch für alternative Angebote von zB Uber oder Flixbus freigeben. Sonst ist es ein wenig unfair.

Hans Süßenguth-Großmann | So., 1. März 2026 - 08:43

August mit Vornamen. Über was man hier hätte sprechen können, ist die Prozentrechnung. Wer hat dem wird gegeben, wer nicht dem wird genommen. Ver.di und vorher die ÖTV schicken die Müllmänner, die Krankenschwestern und die Busfahrer an die Streikfront, die die Prozente rausholen, von denen sie am wenigsten abbekommen. Der richtige Effekt stellt sich in den höheren Vergütungsstufen und bei den Beamten (die nicht streiken dürfen) ein. Wieviel Wohlstand in einer Großstadt, bei der die Hälfte des Lohns für die Miete drauf geht, wirklich rumkommt wird sehr unterschiedlich beurteilt werden. Man sollte um feste Summen bei der Steigerung verhandeln, denn die Teuerung trifft jeden gleich.