Untergang einer Reflexionskultur - Warum es keine Kulturpessimisten mehr gibt

Kolumne: Grauzone. Es scheint, die berufenen Schwarzseher und Untergangspropheten haben kapituliert. Kaum jemand mahnt noch vor den schrecklichen Geburten der Neuzeit. Gibt es nun doch Hoffnung auf eine wundervolle Zukunft oder ist das Nörgeln schlicht langweilig geworden?

Donner und Blitze auf einem verdunkelten Landschaftsstreifen
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Alexander Grau ist promovierter Philosoph und arbeitet als freier Kultur- und Wissenschaftsjournalist. Er veröffentlichte u.a. „Hypermoral. Die neue Lust an der Empörung“ und „Kulturpessimismus. Ein Plädoyer". Im September erscheint von ihm „Politischer Kitsch. Eine deutsche Spezialität“ bei Claudius.

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Alexander Grau

Ist es Ihnen auch schon aufgefallen? Es gibt keine Kulturpessimisten mehr. Kaum jemand nörgelt noch herum. Klar, über das Wetter wird geschimpft, man lamentiert über den Euro, über die Griechen, die SPD oder den FC Bayern. Das gehört nun mal dazu. Man kann ja schließlich nicht alles gut finden.

Und ja, auch an veritablen Weltuntergangsszenarien herrscht kein Mangel: Für den einen ist es das Klima, für den anderen der Kapitalismus, der Islam, ein Virus oder vielleicht auch ein Meteorit auf Abwegen, der uns den Garaus machen wird. Die Auswahl an Boten der Apokalypse ist reichlich.

Doch das sind Zukunftsängste, und die haben mit Kulturpessimismus wenig zu tun. Der klassische Kulturpessimist hat keine Angst vor dem Weltuntergang. Häufig sehnt er ihn sogar herbei. Denn ihm geht es um die hehren, großen Werte, die in Gefahr sind. Eine Apokalypse ist aus seiner Sicht durchaus in der Lage, die Welt wieder ins Lot und die Menschheit zurück auf den Pfad der Tugend zu bringen.

Was dabei „Welt“ und „Menschheit“ ist, hängt von dem Erklärungsanspruch des jeweiligen Kulturpessimismus ab und den Gründen, die er für die missliche Lage ausmacht, in der sich die jeweilige Gegenwart nach seiner Überzeugung befindet.

Das unbelehrbare Geschöpf als Wurzel allen Übels
 

Kulturpessimismus ist noch lange nicht gleich Kulturpessimismus. Seine älteste Variante ist anthropologischer Natur, sie betrifft den Menschen an sich. Exemplarisch finden wir ihn in der Geschichte von der Sintflut im Buch Genesis. Hier ist Homo Sapiens die Wurzel allen Übels. Und solange es dieses verdorbene und unbelehrbare Geschöpf gibt, so die feste Überzeugung, wird es auf dieser Erde keinen Frieden geben – eine Haltung, die unter radikalen Tierschützern und Fundamentalökologisten übrigens nach wie vor populär ist.

Nun könnte man argumentieren, dass dieser umfassende Kulturpessimismus eigentlich gar kein Kulturpessimismus ist, da er mit Kultur wenig am Hut hat. Aber das hängt natürlich davon ab, ob man Kultur als zur Natur des Menschen gehörig empfindet.

Mit der Aufklärung rückte die Kultur im engeren Sinne in den Fokus aller Schwarzseher und Untergangspropheten. Und so wurde konsequenterweise unterschieden zwischen guter und schlechter Kultur, hoher und niedriger, solcher, die der Erziehung des Menschgeschlechts frommt und jener, die einen verderblichen Effekt hat.

Drei Varianten von kulturellem Verfall
 

Die radikalsten unter den Kulturpessimisten sahen in der Kultur selbst das Übel. Sie entfremde den Menschen von der Natur und sorge daher für all die psychischen und physischen Deformationen, an denen der moderne Mensch so leide. Prototyp dieser Kulturverächter war Jean-Jacques Rousseau, der rote Khmer der Philosophie. Bei einigen Radikalökologisten erfreut sich diese Haltung noch heute großer Beliebtheit.

Wirkungsmächtig war auch die zweite Kulturpessimismusversion, die Zyklentheorie: Für sie sind kulturelle Verfallserscheinungen lediglich Symptome des Niedergangs. Dessen Ursachen liegen in universalen historischen Gesetzen, die den „Aufstieg und Fall“ großer Mächte und Kulturen verantworteten. Oswald Spenglers „Untergang des Abendlandes“ basiert auf dieser Annahme. Leider nur ist sie empirisch kaum zu halten – sieht man von der Banalität ab, dass alles mal ein Ende hat.

Überaus großer Beliebtheit erfreute sich daher lange Zeit die dritte Variante des Kulturpessimismus: Kulturelle Verfallserscheinungen sind demnach nicht nur Symptome, sondern vor allem auch Ursachen des Niedergangs. Ein Beispiel, an dem sich ganze Generationen an Kulturpessimisten abgearbeitet haben, sind etwa die elektronischen Massenmedien: Die machen, so die einschlägige Überzeugung, einfältig und blöd, und weil das so ist, werden zukünftige Generationen noch einfältiger und noch blöder – so blöd, dass es schließlich niemand mehr mitbekommt.

Einfluss der Pluralisierung
 

Diese subtile Analyse ermöglichte es Intellektuellen, die Rolle des Sehers zu übernehmen, der immun ist gegen den Verblendungszusammenhang der Massenkultur, ihn durchschaut und so die verblendete Herde aus dem dunklen Tal der Unterhaltungsindustrie ans Licht gehobener Reflexionskultur führen kann.

Seit geraumer Zeit ist es still geworden um die berufenen Schwarzseher. Fast hat man den Eindruck, sie hätten vor der Wucht der neuen Medien, vor Smartphones, Whatsapp, Facebook und Instagram kapituliert. Bestenfalls Peter Sloterdijk warnt noch ab und an raunend vor den schrecklichen Kindern der Neuzeit.

Warum ist das so? Es könnte natürlich sein, dass das ewige Mahnen und Warnen langweilig geworden ist. Oder, dass der klassische Kulturpessimismus widerlegt wurde, dass sich herausgestellt hat, dass alles prima und ganz großartig ist und wir einer wundervollen Zukunft entgegengehen.

Doch wahrscheinlicher ist etwas anderes: Der traditionelle Kulturpessimismus war das Kind einer homogenen Bildungslandschaft mit verbindlichen Normen und Werten. Dieses monolithische Ideal einer normgebenden Kultur, die der Maßstab ist für Aufstieg und Untergang, ist unter der Pluralisierung der westlichen Gesellschaften pulverisiert.

Man kann es daher auch so sehen: Der Untergang des Kulturpessimismus ist seine eigene Bestätigung. Allerdings mit einem kleinen, aber wichtigen Unterschied. Am Ende des Tages stellt sich heraus: alles halb so schlimm.

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