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One Dollar Bill, 1935 / Privat

Unabhängigkeitstag der USA - Heikle Geburtsurkunde

Am heutigen 4. Juli feiern die USA ihren Unabhängigkeitstag. Eigentlich ein Grund zu feiern. Doch wo Licht ist, ist bekanntlich auch Schatten. Die amerikanische Ein-Dollar-Note zum Beispiel lässt Gott noch immer den Völkermord an den Indigenen abnicken.

Autoreninfo

Beat Wyss hat an zahlreichen internationalen Universitäten gelehrt. Er hat kontinuierlich Schriften zur Kulturkritik, Mediengeschichte und Kunst veröffentlicht. Beat Wyss ist Professor an der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe.

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Heuer können die USA am Fourth of July ihren 245. Geburtstag feiern. Das Land hat turbulente Monate hinter sich, seine Politik, seine Debatten liefern Stichworte, die weltweit für Diskussionen sorgen. Altersmüdigkeit würde sich anders anfühlen. Die letzten Monate stürmte „White Supremacy“ als Reizwort durch Köpfe und Herzen, dabei wurde der anklagende Finger vor allem auf die Lage der schwarzen Bevölkerung in Amerika gelegt. 

Der hohe Geburtstag dieses großen Landes sei Anlass, einen Blick auf die Geburtsurkunde zu werfen. Dazu brauchen wir nur die One Dollar Bill aus dem Portemonnaie zu ziehen, deren Design auf das Jahr 1934 zurückgeht. Ausgestellt im sozialen Geist des New Deal, sollte das Zahlungsmittel an das amerikanische Ideal von Freiheit erinnern. Die Vorderseite des abgebildeten Großen Siegels der Vereinigten Staaten zeigt den Weißkopfseeadler, Gebieter über Frieden und Krieg, wie Palmzweig und Pfeile in den Klauen des Raubvogels darlegen. Über dem Kopf des Wappentiers schweben die Sterne der 13 Gründerstaaten. So weit ist die politische Bildsprache die einer üblichen Heraldik. 

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Bernd Muhlack | So, 4. Juli 2021 - 16:58

"Thomson entwarf das Große Siegel, als die Ostküste von Ohio über die Great Lakes bis Kanada erschüttert war vom Kolonialkonflikt zwischen Franzosen und Briten, die beide für ihre Kriege indigene Kämpfer aus den Stämmen der Iroquois, Delaware und Shawnee einsetzten: als todesmutiges Kanonenfutter."

Werter Herr Prof. Wyss, wenn ich mich recht erinnere, war dies das Thema des ollen Vierteilers im ZDF, natürlich noch s/w:
Der Wildtöter - Der letzte Mohikaner - Das Fort am Biberfluss - Die Prärie

Ich mochte als Kind diese Filme - klasse!
Aber Winnetou fand ich blöde!

Damals durfte man noch Indianer sein, nicht wahr?
Eskimo war eher out.

"IN GOD WE TRUST"
Das ist doch ok!
Das grenzt nur Atheisten wie mich aus, jedoch kann ich damit sehr gut leben!
Alle welche an einen Gott glauben sind doch inkludiert, oder?

USA - Indianer
SPA - Azteken, Inkas etc
CHI/SU - no comment
D - no comment

Jede Nation verarbeite ihre Vergangenheit selbst.
Es gibt keine weltweit gültige Moral!

Schönen Abend!

Robert Hans Stein | So, 4. Juli 2021 - 17:32

Gesellschaft ist die Geschichte von Klassenkämpfen." So begriff Marx (Karl, nicht der Münchener Prälat!) das Wesen der Menschheitsgeschichte. Die Geschichte jeder Inbesitznahme eines Landes ging mit Krieg, Verdrängung und in extremo Vernichtung der ansässigen Bevölkerung einher und wäre ohne diese traurigen und AUS HEUTIGER SICHT verdammenswerten Maßnahmen nicht möglich gewesen. Die Abkömmlinge der Trojaner galten ebenso als POSITIVE Helden wie Kolonisatoren. Welcher Beckmesser, lieber Herr Wyss, stellt sich heute hin und urteilt ohne jedes Verständnis für vergangene Epochen? Mir fällt dazu eine Passage eines bekannten Liedes von Hannes Wader ein: "...und was gestern noch galt, stimmt schon heut oder morgen nicht mehr." "Gestern" war das, was wir heute verurteilen (ich auch!) eben noch richtig und fortschrittlich.

Walter Bühler | So, 4. Juli 2021 - 19:40

... was sagt uns das?

Die USA, Frankreich und Großbritannien waren eben nicht nur wunderbare philanthropische Demokratien. Sie waren auch wirkliche Kolonisatoren, die für sich eine "Neue Welt" eroberten, die leider vor dieser großen Tat der "Zivilisation" noch von Resten alter, "barabarischer" Bevölkerungen befreit werden mussten.

In der Tat, die Berufung auf die römische Tradition in Europa ist historisch korrekt, und auch die biblische Tradition des "Auszuges aus Ägypten" wird durchaus in ehrlicher Weise aufgenommen.

So war es wohl tatsächlich. Und es ist umso erstaunlicher, dass die europäische Zivilisation so große Bereiche der Welt prägen konnte.

Ob es damit wirklich vorbei ist?

helmut armbruster | So, 4. Juli 2021 - 19:55

die USA hatten von Anfang an keine Probleme mit dem Verkünden großartig klingender Einsichten und entgegen gesetztem eigenen Handeln.
Man denke nur an die von Thomas Jeffersen entworfene Unabhängigkeitserklärung von 1776, worin es heißt:
"dass alle Menschen gleich geschaffen sind, dass sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten ausgestattet sind, dass dazu gehören Leben, Freiheit und das Streben nach Glück..."
Jeffersen war ein Sklavenhalter, wie übrigens George Washington auch.
Wie kann man eine solche Erklärung verfassen und selbst Sklavenhalter sein? Das ist bigott.
Und weiter gehts in diesem Ton: Sämtliche Kriege haben die USA - lt. ihrem eigenen Selbstverständnis -nie zur Verfolgung eigener Interessen geführt, sondern immer nur um die Freiheit anderer zu verteidigen und um anderen die Demokratie zu bringen.
Auch das ist bigott!
Leider reicht der Platz nicht aus um noch mehr Beispiele anzuführen.

Sie erliegen dem gleichen Irrtum wie der Autor des Beitrages. Sie messen historische Epochen mit der heute gültigen Elle. DIE GALT DAMALS NICHT! Um ein gegenwärtigeres Phänomen zu strapazieren. Ich unterstelle, dass nicht wenige der 68er, die ihre Nazi-Väter verurteilten, zwischen 1933 und 1945 selbst Nazis gewesen wären, weil sie das damals für richtig gehalten hätten. Die damalige Sicht, dass Deutschland das Recht hatte, den Versailler Vertrag zu korrigieren, entsprach den Vorstellungen der heute gern so genannten "heroischen" Zeit. Heute leben wir in der postheroischen Zeit und die Maßstäbe sind andere. Man kann und darf sie besser finden, sollte sich aber stets die Frage stellen, wie man das damals gesehen hätte.

und Wertvorstellungen. Das ist auch mir bekannt.
Trotzdem lässt sich damit nicht alles entschuldigen, was in der Geschichte geschehen ist.
Am Beispiel Sklaverei kann man sehen, dass es bezüglich Sklaverei in der Antike überhaupt kein Unrechtsbewusstsein gab. Selbst ein Philosoph und Schriftsteller wie Seneca stellt die Sklaverei nicht in Frage.
Anderes gilt für die Sklaverei in den USA. Hier befinden wir uns in der Neuzeit und die Aufklärung war bereits im Gang. Die amerikanischen Sklavenhalter können sich also nicht damit heraus reden, dass Sklaverei der Normalzustand gewesen sei. Sie müssen gewusst haben, dass sie nicht mehr in der Antike leben und somit müssen sie auch ein Unrechtsbewusstsein gehabt haben.
Dass sie trotzdem sich Sklaven gehalten haben ist nackter, blanker Egoismus unter Inkaufnahme der Ausbeutung anderer. In einer Art Selbstbetrug oder auch nur um sich irgendwie zu rechtfertigen, wird aber so getan als ob unveräußerliche Menschenrechte im Spiel wären.

Thorwald Franke | Mo, 5. Juli 2021 - 01:34

Widerspruch, Herr Wyss. Es liegt sehr viel näher, dass hier eine Anspielung auf den Kampf gegen die Engländer gemeint ist, nicht der Kampf gegen Indianer. Die Indianer waren für die USA nie ein Problem, und die Besiedlung Amerikas unter der englischen Krone war auch kein wirklich "neues Beginnen". Die Revolution hingegen schon. Und das Trump-Bashing ist ebenfalls falsch. Klar, es gibt solche Radikale, aber diese pauschal mit Trumps Anhängern gleichzusetzen ist dann eben schon wieder billige linke Propaganda. Es gefällt mir nicht, wie zu Trump übelste Geschichtsfälschungen zur geglaubten Wahrheit werden. Sie sollten die Wahrheit mehr lieben, Herr Wyss. Danke.

Fehlt nur noch die Behauptung, die Wahlen wären gefälscht, um den Liebling der Amerikaner von der Macht zu entfernen.

Trump hat in seinen vier Jahren mehr Chaos angerichtet, als eine ganze Reihe von Präsidenten über Jahrzehnte hinweg. Er hat ohne Skrupel mit Rechtsradikalen, religiösen Fundamentalisten und anderen Spinnern taktiert, und trägt mindestens indirekt die Schuld am Sturm auf das Capitol, bei dem es bekanntlich Tote gab.

Gäbe es nicht so viele Republikaner, die die Rache der Trumpisten in ihren Wahlbezirken fürchten, dann wäre der Chaot längst überführt und politisch endgültig Geschichte.

Stefan Bauer | Mo, 5. Juli 2021 - 10:07

Die 1-Dollar-Note? Im Ernst? Meiner Seel', wär's ein Gedicht gewesen, wäre mein Kommentar "Reim' dich, oder ich fress' dich!".
Selten etwas aus vermeintlich humanistischer Bildung so sehr Konstruiertes gelesen, sorry.