Tyrannei der Nähe - Gib mir mein Sie zurück

Unsere Gesellschaft ist völlig verduzt. Doch die kollektive Du-Anrede ist eine Maskerade, hinter der sich Verachtung verbirgt

Haus des Gastes in Oberstaufen im Oberallgäu
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Autoreninfo

Holger Fuß, Jahrgang 1964, lebt als Autor in Hamburg. Er schreibt Reportagen und Interviews über Wissenschaft, Kultur und Zeitgeschehen

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Ein Kollege hatte mich unlängst zu einem Geburtstagsbarbecue am Elbufer mitgenommen. Ich war weder eingeladen noch kannte ich jemanden. Der Gastgeber wurde 49, wendete in sommerlichen Dreiviertelhosen und Sandalen die Steaks auf dem Rost und begrüßte mich leutselig mit: „Ich bin der Bernd!“ Ich entbot meine Geburtstagswünsche und antwortete: „Ich bin der Herr Fuß!“ Die Vorteile waren dreierlei. Erstens hatte die ansonsten dahinplätschernde Gesellschaft ihren running gag. Zweitens konnte sich die Gästeschar meinen Namen nachdrücklicher einprägen. Drittens erfuhr ich umgekehrt lauter Vornamen, an denen ich das Hamburger Sie ausprobieren konnte: „Silke, darf ich Ihnen noch Wein nachschenken?“

Eine Art Volksbelustigung durch paradoxe Intervention. Üblicherweise neigt die Generation der Babyboomer, neigen die Endvierziger und Anfangfünfziger zum formlosen Umgang miteinander. Sie marinieren den zwischenmenschlichen Verkehr in einer Duz-Soße, der schwer zu entkommen ist. Das vertrauliche Ankumpeln zwischen einander wildfremden Erwachsenen bei privaten Geselligkeiten gehört zu den gemäßigten Ausschreitungen in Sachen Etikettenignoranz.

Weitaus fahrlässiger mutet es an, wie sich im öffentlichen Raum eine Duz-Hegemonie ausbreitet. Bei den gut 6000 Reklamekontakten, die ein Institut pro Tag und Kopf ermittelt hat, werden wir immer öfter in der zweiten Person Singular angesprochen. Ein Smartphone behauptet: „In dir steckt mehr, als du denkst.“ Eine Bausparkasse tönt: „Du kaufst den Luxus, dich über alles aufzuregen – nur nicht über steigende Energiepreise.“

Ein schwedisches Möbelhaus mahnt: „Wann hast du eigentlich das letzte Mal deine Matratze ausgewechselt?“ Als Besucher einer deutschen Filiale des Unternehmens hören wir aber schon mal eine Lautsprecherdurchsage: „Gesucht wird der Halter des Fahrzeugs mit dem Kennzeichen XY. Bitte melden Sie sich umgehend an der Information!“ Damit die Älteren beim flüchtigen Hinhören nicht denken, es würde nach einem Kind gesucht, wird sicherheitshalber gesiezt.

You heißt übersetzt nicht Du.


Im Berufsalltag nimmt das Duzen epidemische Ausmaße an. In Österreich dominiert laut einer Umfrage das Du am Arbeitsplatz zu 58 Prozent. Hierzulande dürfte es ähnlich sein. Die Verwirrung ob der Anreden ist dermaßen groß, dass Praxisratgeber kursieren. Denn, heißt es bei stil.de, „es ist heute nicht mehr so, dass man sich im Berufsleben nur noch dann duzt, wenn man sich schon länger kennt oder einander sympathisch ist“.

So hat eine Nürnberger Bank vor Jahren bereits das Du zur Firmenetikette erklärt – vom Vorstandsvorsitzenden bis zum Pförtner. „Wir wollen es möglichst geschlossen tun“, gab der Bankchef vor. „Das müssen wir üben, und es wird manchmal auch zu Irritationen führen.“ Wohlgemerkt, sagte der Banker: „Es handelt sich nicht um ein Sympathie-Du, sondern um einen Ausdruck von Professionalität im Sinne des englischen You.“

Sattelfest scheint der Mann im Angelsächsischen nicht gewesen zu sein. You heißt übersetzt nicht Du. You ist zweite Person Plural und bedeutet Euch. Das altenglische Thou, zweite Person Singular, war die ursprüngliche Duz-Form. Im 13. Jahrhundert setzte sich in England als Anrede das vornehme You nach dem Vorbild französischer Hofsitten durch. Das intime Thou blieb in literarischer Form etwa bei Shakespeare erhalten – und dem Zwiegespräch mit Gott, wie die Bibelübersetzung in der King-James-Version belegt: „How hast thou helped him that is without power?“, hadert Hiob mit seinem Schöpfer („Wie sehr stehst du dem bei, der keine Kraft hat?“).

Tyrannei der Nähe


Kurzum, das You ist keine Umarmung von jedermann, sondern ein diskreter Nachhall vergangener Zeiten, da die Menschen einander auf schickliche Distanz hielten. In deutschen Landen gingen jahrhundertelang das Ihr und das Er dem späteren Sie und Du voraus. Adel wie Klerus wurden seit dem 8. Jahrhundert ge-ihr-zt: „Erlaubt Ihr, dass ich vortrete?“ Der Fürst selbst pflegte den Pluralis Majestatis: „Wir erlauben.“ Als sich im 19. Jahrhundert die ständische Gesellschaft in eine bürgerliche wandelte, wurde das Sie gebräuchlich, mithin die Anrede „Herr“, „Frau“ und „Fräulein“. Bis nach dem Ersten Weltkrieg siezten Kinder ihre Eltern.

Die Tyrannei der Nähe durch das Du verdanken wir der antibürgerlichen Bewegung der sechziger Jahre. Rock ’n’ Roll und studentische Linke orientierten sich am kommunistisch-genossenschaftlichen Bruder-Du. Siezen galt als spießig, das universelle Du täuschte ein egalitäres Miteinander vor. Die Anfänge des westdeutschen Zwangs-Duzens erlebte ich in den siebziger Jahren, als die Achtundsechziger an den Schulen unterrichteten und ich meinen Lateinlehrer „Niklas“ nennen sollte. Die einstigen Duz-Lehrer erteilten Zensuren. Die heutigen Duz-Vorgesetzten sind weisungsbefugt. Einmal entzog ein Journalistenkollege seinem Chef aus Protest das Du – und wurde kurz darauf entlassen.

Unsere verduzte Gesellschaft ist eine Simulation. Wir spüren die sinkende Temperatur im täglichen Konkurrenzkampf. Mit dem Du wollen wir uns Freundlichkeit, Vertraulichkeit und Nestwärme vorgaukeln. Dahinter verbirgt sich die Lebenslüge einer Generation.

Die Babyboomer regieren das Land – in Wirtschaft, Politik, Kultur. Es sind die Plusminusfünfzigjährigen, die sich weigern, erwachsen zu werden. Obwohl sie Kinder haben, leitende Positionen einnehmen und erste Altersbeschwerden beklagen, delirieren sie beharrlich, jung zu sein. Frauen lassen sich liften, betagte Kerle laufen in Kapuzenjacken herum. Wer von Berufs wegen Krawatte trägt, gibt eine Zwangslage zu erkennen – wie in einen Konfirmationsanzug genötigt.

Prototypen der Peter-Pan-Fraktion und affektgesteuerte Gestalten


Derlei Dresscodes verraten, dass die Babyboomer noch immer so tun, als hätten sie mit der Welt der Erwachsenen nichts gemein. Mit den gesellschaftlichen Widersprüchen, der sozialen Kälte, dem Raubbau an der Natur. Es wird Zeit, dass meine Generation akzeptiert, dass sie selbst verantwortlich ist für die Verwahrlosung der Sitten.

Zu den Prototypen der Peter-Pan-Fraktion gehören der TV-Komiker Stefan Raab, 47, und der Kulturstaatssekretär Berlins, Tim Renner, 49. Der vormalige Musikmanager mit dem Gestus des ewigen Halbstarken sagt: „Facebook ist für mich der Kontakt zur Groundcontrol.“ In seiner Behörde arbeitet er an behaglichen Umgangsformen: „Selbst das für die Musikbranche notorische Duzen haben wir in der Verwaltung übernommen. Wir duzen uns zwar noch nicht alle, sind aber auf dem besten Wege.“

Meine Alterskohorte nennt solch eine Haltung modern. Tatsächlich steckt hinter der vermeintlichen Lockerheit ein verächtlicher Brutalismus. Wir schauen auf andere Menschen herab wie auf uns selbst. Das Gespür für menschliche Größe ist uns abhandengekommen. Deshalb gehen wir achtlos miteinander um, halten uns für affektgesteuerte Gestalten, die mutlos auf Verbraucherrechte pochen. Deshalb entfährt uns das Du.

Eine Rekultivierung des Sie wäre ein aufschlussreiches kollektives Exerzitium. Wir kämen raus aus der unechten Nähe und würden einen wohltuenden Abstand schaffen, einen Spielraum für unsere Wahrnehmung, um das Andersartige beim Mitmenschen zu entdecken. Es könnte ein Trainingslager sein, um zu lernen, von Sterblichen wieder grandios zu denken und Respekt zu empfinden. Ich kenne Menschen, die das tun. Es sind Menschen, die gerne siezen.

Heidemarie Heim | So, 21. Mai 2017 - 18:40

Wieder ein schon älterer, aber zeitloser Beitrag,da er unseren Umgang miteinander beleuchtet.Selbst schon älteren Baujahrs,verbunden mit einer gänzlich altmodischen,leicht autoritären Erziehung,gehöre ich zu diesem "unlockeren" Typus, der noch leicht zusammenzuckt,sollte er Opfer eines solch vertraulichen Frontalangriffs werden:). Besonders unangenehm wird es,sollte ich nicht gleich meiner Rolle gerecht werden und aus Versehen siezen,und danach ein fast beleidigtes "Wir haben uns doch auf`s Du verständigt!?",ernte. Oder gar den Hauch der Arroganz verströme. Doch besonders wurde mir das Thema bewusst,als ich anfing in der Pflege zu arbeiten,bei der ein Eindringen in die wirkliche Intimsphäre eines Mitmenschen unvermeidbar ist.
Wo das kleine Wort SIE und ein Titel wie Herr oder Frau ...,oft noch die einzige respektvolle Distanz
und Anerkennung zu meinem Gegenüber darstellt.
Oft unverstanden durch MitarbeiterInnen, pflegte
ich dies mit großer Ernsthaftigkeit.Umarmen geht
trotzdem!

Rainer Zufall | Mo, 22. Mai 2017 - 12:42

Von Werbetreibenden, die einen nicht kennen, mit Du angesprochen zu werden, geht gar nicht.
Bei diesen Leuten kaufe ich nichts.
Aber Respekt und Anstand haben immer weniger Stellenwert.

Harald Wieser | Mi, 24. Mai 2017 - 19:49

Mit Verlaub: Geht's vielleicht auch 'ne Nummer kleiner? Klingt ja, als ginge um das Ende des Abendlands schlechthin. Steife Sitten aus dem vorherigen Jahrhundert abzulegen sehe ich eher als Bereicherung.

Michael J. Glück | Do, 8. Juni 2017 - 17:24

da hatten wir in Brasilien doch mehr Schwierigkeiten: tu (= du für Untergebene, kleine Kinder, sozial wenig Geachtete), voce (= abgewertetes Kürzel von Euer Gnaden für Gleichgestellte, auch Eltern) und schließlich noch o senhor beziehungsweise a senhora (= Sie für Höhergestellte, partiell noch für Eltern und generell für Fremde, die höhergestellt aussahen). Als ich anfangs mal einen etwas älteren Freund, der schon studierte, mit "tu" ansprach, bekam ich eine Abreibung. Als mich ein Musiker in einem Restaurant, den ich zu seiner Musik beglückwünschte, mit "voce" anredete, entschuldigte er sich für diese Zutraulichkeit. Als ich in Rio einem armen Schlucker mit kaptten Klamotten trotzdem mit "o senhor" um eine Straßenauskunft bat, wollte der mit mir in die entsprechende Straßenbahn einsteigen und mir diese auch noch bezahlen, damit ich an der richtigen Station ausstiege. Heute dürfte es auch in Rio etwas lockerer zugehen. Doch das Sie lebt natürlich weiter.

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