Portrait: Boris Pahor - Triest, das Meer und das Lager

Wiederentdeckung des slowenischen Schriftstellers Boris Pahor mit Fotos von Martin Vukovits

Boris Pahors Haus liegt in einem steilen Garten am Hang, hoch über dem Golf von Triest. Es ist einfach und bietet dennoch
den größtmöglichen Luxus: einen Schreibtisch, von dem aus man den vom Türkis ins Tintenblau reichenden Horizont des Meeres erblickt. «Waage des Nichts / pèse-néant» hat René Char die existenzielle Wirkung des schimmernden Mittelmeeres in einem Gedicht von 1947 genannt. Bei Char, dem Dichter der französischen Résistance, ist es das Meer, das die Erfahrung der dunkelsten Aspekte des 20. Jahrhunderts aufwiegt – ähnlich wie im Leben und Werk des 1913 in Triest geborenen slowenischen Schriftstellers Pahor.
Denn der Rand von Europa ist scharfgezackt und reicht weit in Europas Mitte hinein. Oder zumindest dorthin, wo der Blick aus dem Norden und Westen endet. So liegt auch Triest für die meisten Deutschen in Italien, irgendwo zwischen Wien und Venedig, abseits der normalen Routen. Doch Triest ist der südlichste Brennpunkt jener kulturellen und politischen Bruchlinie, die Europa seit dem Aufkommen des Nationalismus durchzogen hat, der Linie zwischen Ost und West, zwischen Faschismus, Kommunismus und Demokratie und – ebenso archaisch wie aktuell – der Grenze zwischen romanischer und slawischer Welt. Keine Stadt, abgesehen von Berlin, war politisch und kulturell so umkämpft wie Triest, und es hat lange gedauert, bis die allmählich eingetretene Normalität in die Formel der zwei Seelen, ja der Doppelseele Triests gefasst werden konnte, die Angelo Ara und Claudio Magris dafür gefunden haben.
Die Kehrseite der doppelten Seele, die tiefe Gespaltenheit der Stadt, können Besucher bloß erahnen. Dass Triest auch eine slowenische Stadt war und ist, muss man wissen, um es zu sehen. Lässt man den Blick allerdings nur ein wenig von unserem naiven Italienbild weggleiten, dann fallen vereinzelte zweisprachige Schilder auf, einzelne Geschäfte, die slowenische Buchhandlung in der Nähe der Synagoge, das slowenische Theater, die slowenische Tages­zeitung an den Zeitungsständen. Erst dann wird klar, was ein Straßen­stück am Kai bedeutet, das den «für die Italianità von Triest Gefallenen» gewidmet ist. Dahinter verbergen sich die Geschichte von Risorgimento und Irredentà, die Auseinandersetzungen nach dem Zerfall der Habsburger Monarchie: der Faschismus und auch der Konflikt mit Jugoslawien um das nach 1945 unter internationaler Ver­waltung stehende Küstengebiet. Erst 1954 wurde es endgültig ge­teilt: Triest, die Zone A, fiel an Italien, das auf Istrien übergreifende Umland, die Zone B, an Jugoslawien.
In Triest selbst ist die Geschichte nirgends so gegenwärtig wie an der Piazza Guillielmo Oberdan. Dieser Platz ist dem beim Atten­tat auf Kaiser Franz Joseph 1882 gefassten und hingerichteten offi­ziellen Märtyrer der Einigung Italiens geweiht – der eigentlich Oberdank hieß und von einem italienischen Offizier der österreichischen Armee und einem slowenischen Dienstmädchen abstammte.
Von der Piazza Oberdan aus sieht man die Fassade des von den italienischen Faschisten 1920 in Brand gesteckten slowenischen Kulturhauses und den Platz des ehemaligen SS-Hauptquartiers, von wo aus die Opfer in das einzige Konzentrationslager in Italien, die Reismühle von San Sabba, oder in die deutschen Lager verschleppt wurden. Von der Piazza Oberdan fährt heute auch der Bus in den Stadt­teil Barcola/Barkovlje ab, in dem Boris Pahor wohnt, der diese Geschichte am eigenen Leib erfahren hat.
«Nekropolis» heißt das Buch, in dem Pahor seine Irrfahrt durch die deutschen Lager erzählt – von Dachau und Natzweiler bis nach Bergen-Belsen. Vergangenheit und Gegenwart greifen in dieser Erzählung auf ungewöhnliche Weise ineinander. Pahor verbindet die Nahsicht des als Krankenpfleger im Lager wirkenden Mannes
mit der Distanz desjenigen, der zwanzig Jahre später am selben Ort nach der Mitteilbarkeit der Erinnerungen sucht. Und dabei schildert er die Schrecken des Lagers so eindringlich, dass «Nekropolis» in Frankreich und den U.S.A. mittlerweile neben die Werke von Primo Levi und Robert Antelme gestellt wird. Seit den neunziger Jahren wird das Werk Pahors, der nach 1948 zahlreiche Romane und Erzählungen veröffentlicht hat, in die Sprachen der westlichen Welt übersetzt. Eine verspätete Entdeckung, doch zum Glück noch zu Lebzeiten des Autors. Pahor zu interviewen heißt auch, sich auf Triest einzulassen. Gerne zeigt er dem Besucher seine Stadt.
*
«Ich war sieben, als die Faschisten das Kulturhaus der Slowenen im Zentrum von Triest in Brand steckten. Dasselbe Ende fanden andere Einrichtungen dieser Art, öffentliche Büros, Druckereien. Unsere Sprache wurde verboten, unsere Vor- und Nachnamen wurden italianisiert. Es war eine Zeit von zwanzig Jahren, in der es hier die erste antifaschistische Untergrundbewegung Europas gab, die hunderte von Verhaftungen zur Folge hatte, Kerkerstrafen, Verbannungen, Hinrichtungen. Hitler war Mussolinis Schüler, wenn er ihn auch
später in den Mitteln der Vernichtung übertraf. Aber die deutschen Lager waren nur die extreme Fortsetzung dessen, was wir seit 1918 erlebt hatten. Als 1930 im ‹Manchester Guardian› Kritik an den Hinrichtungen von Slowenen erschien, publizierte Mussolinis Zeitung ‹Il popolo d’Italia› eine Replik, die uns Slowenen als Wanzen bezeichnete, die sich in der Wohnung eingenistet hätten… Was mich betrifft, so hat mir dieses Trauma als Kind jegliches Bild der Zukunft genommen. Da war nichts mehr vor mir. Erst später, mit zwanzig, fand ich in mir den Wert der sprachlichen und nationalen Identität. Damals war es dann auch, dass ich mich im und mit dem Schreiben wiederfand. Was mich dann auch nach dem Konzentrationslager mit noch gewichtigeren Gründen zum Schreiben trieb: das Bedürfnis nach Bezeugung, aber mehr noch das Bedürfnis nach Befreiung, Entäußerung und Wiedergeburt. Die Alternative Semprúns, ‹Schreiben oder Leben›, hat sich mir nie gestellt, und auch er hat sie unterlaufen. Ich musste schreiben, um zu überleben.»
Wann haben Sie denn wieder zu schreiben begonnen?
«Gleich nach dem Krieg, auf dem Liegestuhl des Lungensanatoriums in Frankreich. Die Szene des Romans ‹Nekropolis›, in der der Krankenpfleger Janos das Begraben von 150 Toten leitete und dann sich den SS-Leuten mit dem selbstmörderischen Vorwurf entgegenstellte, wie sie einen hungrigen Fünfzehnjährigen wegen einer Kartoffel hatten umbringen können – das habe ich 1947 geschrieben und 1948 als Erzählung publiziert. Versucht habe ich dann auch etwas, was ich allerdings nie schreiben konnte. Als wir Ivo – Sie erinnern sich an die Stelle in ‹Nekropolis› – auf den Leichenhaufen unter dem Ofen legten, entwich aus einem der Toten noch Luft mit einem ächzenden Laut. Und da fragte ich mich: Was wäre, wenn er noch sprechen könnte, wenn alle noch sprechen könnten? Eigentlich wollte ich seitdem immer das Gespräch dieser Toten schreiben. Ich habe es versucht, aber das ist mir nie gelungen.»
Wie konnten Sie als slowenischer Triestiner in Italien als Schriftsteller leben?
«Als ich wieder zu schreiben anfing, musste ich mir alles neu er­ar­beiten. Ich hatte ja italienische Literatur studiert und daneben natürlich als Student in Padua auf sozusagen anarchische Weise die slowenischen Schriftsteller und Dichter gelesen: Preseren, Zupancic, Cankar, Kosovel, Kocbek. Aber eigentlich habe ich Dante und Leopardi vor Preseren und Cankar gelesen. Auch wenn mir das Italienische zunächst aufgezwungen wurde. So habe ich die alte wie die moderne italienische Literatur immer hoch geschätzt, denn schließlich habe ich sie ja auch jahrzehntelang am Gymnasium gelehrt. Sie ist und bleibt ein wichtiger Teil meines kulturellen Gepäcks. Wenn ich mehr Zeit hätte, würde ich heute vor allem übersetzen – in beide Richtungen: aus dem Slowenischen ins
Italienische und vom Italienischen ins Slowenische.»
Von Proust habe ich eigentlich nichts gelernt
Welche Bedeutung haben für Sie die Literaturen anderer Länder?
«Natürlich habe ich meine Lieblingsautoren wie Dostojewski, Tschechow, Babel und Hemingway, Steinbeck,
Saroyan und Lawrence. Aber das Französische ist ganz sicher meine bevorzugte Sprache, denn die Kette der Ereignisse wollte es eben, dass ich im Lager mit französischen Freunden zu tun hatte, im Sanatorium und schließlich auch in den letzten Jahren bei der Übersetzung meiner Bücher. Ich hatte schon im Studium intensiv Baudelaire gelesen, später vor allem Fournier, Flaubert, Maupassant, Vercors, Sartre, Camus … ja, vor allem Camus, der mein Lieblingsautor ist, nicht nur
was die Auffassung der Welt und des Lebens, sondern auch die des Schreibens betrifft.»
Und Proust?
«Von Proust habe ich eigentlich nichts gelernt. Natürlich habe ich ihn gelesen, aber er hat mir nicht geholfen, mich zu erinnern. Gewiss, auch ich habe Szenen geschrieben, in denen junge Menschen am Strand spielen, und ich erinnere mich auf besondere Weise an das Dorf, in dem meine Mutter geboren wurde, aber wenn ich bei der Abfassung von ‹Nekropolis› an irgendeinen Autor dachte, dann war das Beckett, vor allem sein Roman ‹Molloy›. Dieser lange Monolog hat mich allerdings nicht im Sinn einer Hilfe weitergebracht, eher in technischer Hinsicht, ich habe ihn eingesetzt, um die Welt des Lagers so intensiv wie möglich zu beschreiben. Aber eigentlich erinnere ich mich sehr, sehr gut, und die Ereignisse der Deportation sind ebenso klar wie das Wichtigere: die Wiederentdeckung des Lebens danach, des Lebens nach den Lagern. Ich habe die Welt entdeckt, den Wert des Lebens und den der Liebe. Das hat mir auch manche Kritik für meine ersten Romane eingetragen. Die ‹Villa am See› (1955) sei zu heiter, zu lyrisch. Aber ich musste erst wieder das Leben zurückgewinnen, ehe ich ‹Nekropolis› schreiben konnte.»
Haben dabei literarische Vorbilder für Sie eine Rolle gespielt?
«Ich hatte keine unmittelbaren Vorbilder für mein Erinnern: Primo Levi habe ich erst nach der Fertigstellung von ‹Nekropolis› gelesen, Robert Antelme nach der Publikation von ‹Pèlerin parmis les ombres› in Frankreich, etwa 1992–93, als mir Freunde sagten, wie ähnlich sein Bericht sei.»
Wie kommt es, dass Ihre Bücher bisher am meisten in Frankreich gelesen werden?
«Ich wurde dort durch mehrere glückliche Zufälle bekannt. Bei der Ausstellung ‹Trouver Triest› in Paris lernte ich in den achtziger Jahren Evgen Bavcar kennen. Er, der in Slowenien geboren ist und jetzt, obwohl blind, als Schriftsteller und Photograph in Paris lebt, hat sich sehr für die Publikation von ‹Nekropolis› eingesetzt. Das Buch lag zwar seit zwanzig Jahren ins Italienische übersetzt vor, doch niemand hat sich dafür interessiert. Auch in Frankreich wurde es 1990 kaum wahrgenommen. Erst 1995, als ‹Kampf mit dem Frühling› auf Französisch erschien, fiel das Buch einem Redakteur des Magazins ‹Télérama› auf, und es kam zu einer zweiten, einer Taschenbuchausgabe von ‹Nekropolis›, die dann auch zur amerikanischen Übersetzung führte.»
Haben Sie eine Vorstellung, warum das Interesse an Ihren Büchern seit ein paar Jahren auf einmal zunimmt?
«Nach dem Krieg ist Europa sehr leicht über das Apokalyptische des Krieges hinweggegangen. Die jungen Generationen wollen stattdessen die Wahrheit über ihre Väter erfahren, die ihnen verborgen oder auf eine sehr selektive Weise dargeboten wurde. Aber auch die Ereignisse in Bosnien haben das Interesse für meine Bücher wieder geweckt. Grausamkeiten, die man nie für möglich gehalten hätte,
ließen die jetzige Generation auf einmal entdecken, dass die Vergan­genheit Gegenwart werden kann. Das war für viele ein unerwarteter Schock. Und seitdem das Fernsehen unaufhörlich das Makabre zum Konsum anbietet, ziehen manche das, was einst vorgefallen ist, demjenigen vor, das man sich nur zu gut ausmalen kann.
Bei den Nachrichten aus Bosnien, vor allem bei dem, was dort den Frauen angetan wurde, erfasste mich tiefe Verzweiflung, denn ich erinnere mich noch an das ‹Nie wieder›, das ‹Jamais plus ça› der Überlebenden von damals. Und dann kamen ja trotzdem wieder Vietnam, Pol Pot und jetzt eben Bosnien. Es gibt einen Pluralismus des Bösen, der einen daran zweifeln lässt, das je die edlen Seiten des Menschen überwiegen werden. Ich habe versucht, das, was ich erlebt habe, auszusprechen und habe protestiert, wann immer es sich ergab, obwohl ich um die Vergeblichkeit wusste. Und obwohl ich weiß, dass es naiv
ist, sich wie ein Schmuggler die Schönheit der Natur und der Liebe anzueignen, habe ich es versucht. Aber wenn der Mensch einen schmalen Streifen Hoffnung braucht, worin sollte der bestehen als in der Liebe? Retten, was möglich ist.»
Der schöne Kosmos und die
schönen Frauen
«Mein Überleben, das verdanke ich zum Teil meinen elterlichen Genen und dem Karst. Als jemand, der 1913 geboren wurde, musste ich mich schon früh an den Mangel an Essen gewöhnen. Ich überstand auch die Spanische Grippe. All das war eine Art von Impfung gegen das, was kommen sollte, denn alles Weitere verlief außerhalb jeder Ordnung. Als
ich mich nach dem Terror des
Faschismus allmählich wiederfand, musste ich mein eigener Psychotherapeut sein. So wie ich es bei Camus fand: Trotz allem müssen wir uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen. Es ist eine Illusion, gewiss, und es ist nicht leicht. Aber wenn man nicht Revolutionär ist, was gibt es sonst?»
Das klingt jetzt sehr nach mediterranem Denken …
«Ich bin mediterran geprägt. Ich liebe die Liebe, das Meer, Fischerdörfer mit Netzen und engen Gassen, aber auch den Karst mit dem von der Sonne verbrannten gelben Gras und der Bora, die einen mit 120 km/h verrückt macht. Sicher, in dieser Sicht steckt viel
Camus, aber Camus war für mich immer die Bestätigung dessen, was ich schon immer gelebt hatte, die Verehrung für den Kosmos und die weibliche Schönheit, der Wunsch frei zu leben… Mein
ganzes Werk war immer nur Widerstand gegen die Unfreiheit. Daher war ich auch nie in einer Partei. Ich bin Sozialdemokrat, aber ohne Bindungen. Na ja, einmal haben wir es auch mit einer Partei versucht, aber natürlich haben wir ein Fiasko erlebt, denn im Kalten Krieg wollte niemand eine sozialdemokratische Partei der Slowenen in Italien, und so sind wir zersplittert auf die vielen italienischen Parteien. Das wäre eine lange Geschichte.»
Sie sprechen so oft über Ihre nationale Identität. In Westdeutschland und Österreich ist die Generation der heute Vierzigjährigen weitgehend ohne eine genaue Vorstellung von nationaler Identität aufgewachsen. Hat der Begriff der Nation im vereinigten Europa eine Zukunft?
«Nationale Identität wird auch im künftigen Europa wichtig bleiben. Es gibt doch eine Schönheit der Tradition, gerade auch bei den kleinen Völkern. Warum muss man Italiener oder Franzose oder Spanier werden? Schauen Sie doch nur: Unter Franco wurden die Katalanen unterdrückt, nach seinem Tod erhielten sie die Autonomie und heute erleben wir die katalanische Renaissance. Katalonien hat einen enormen Aufschwung genommen und ist das wirtschaftliche Zentrum Spaniens, ja, in mancher Hinsicht ist Barcelona heute wichtiger als Paris. Und was hat die Welt dabei verloren? Nichts, gar nichts. Sie ist um Katalonien reicher geworden. Wenn ich also die nationale Identität betone, so meine ich ja keinen Nationalismus. Wir sind keine Nationalisten, die gegen etwas sind. Man muss seine eigene Art und die Eigenart des Anderen wollen, um zusammenleben zu können. Was die Erfahrung der jüngeren Generation angeht, kann ich nur sagen: Ihr seid eben nie gezwungen gewesen, jemand Anderer zu sein. Das ist der Unterschied.»
Lesen Sie eigentlich deutschsprachige Autoren?
«Ja, ich habe einiges an deutscher
Literatur gelesen. Neben den obligaten Klassikern vor allem Joseph Roth, Musil, dann Böll, Wiechert, Celan, Bachmann, Handke, Bernhard. Das liegt ja nahe. – Handke hat sehr schöne Sachen geschrieben, er hat eine slowenische Mutter und kennt alles sehr genau; er hat auch ein wunderbares Buch über den Karst geschrieben, ‹Die Wiederholung›, aber in manchem ist er ein Kind. Er hat sich, wie ja auch die Linke in Italien, davon überzeugen lassen, für die Erhaltung Jugoslawiens einzutreten. Natürlich gab es die Republik Jugo­slawien, und es war schön, dass es keine Grenzen zwischen den Teilrepubliken gab, aber das existierte doch nur auf der Landkarte. Alles, was geschah, hing von Belgrad ab. Tito hatte als ehemaliger österreichischer Unteroffizier noch so etwas wie eine Idee von einem kleinen Österreich, aber was dann kam … Milosevic, ein kleiner Stalin, so ignorant wie meine Schuhe, hat alles ruiniert und verloren.
Als Slowenien die Unabhängigkeit erklärte und als endlich die jugoslawische Armee abzog, die fünfzig Jahre lang nichts bei uns zu tun hatte, da täuschte sich die Linke in Italien ebenso wie Handke. Claudio Magris, der eigentlich nicht der Linken zuzurechnen ist, hat mir viel später gesagt, dass auch er sich damals getäuscht habe. Das finde ich ehrlich. Was aber Handke gemacht hat, der die Slowenen als ein verschlossenes Volk hingestellt hat, das keine ausländischen Bücher übersetzt und nur bei Gelegenheit seinen Dichter Preseren hervorholt, das kann man nicht machen. Man kann nicht ein ganzes Volk anschwärzen. Man kann eine Gegenposition beziehen, aber nicht auf so eine Weise.»
Wie hat sich die Lage für die slowenischen Schriftsteller durch die Existenz eines slowenischen Staates verändert?
«Der Austausch Triests mit Slowenien hat sich sehr gut entwickelt. Unsere Studenten können, wenn sie wollen, nach Slowenien gehen. Das Theater von Triest geht auf Tournee in Slowenien, und es gibt Gastspiele aus Slowenien in Triest und Gorizia/Gorica. Schriftsteller, die auf italienischem Gebiet leben, sind Mitglieder in den Organisationen in Ljubljana: Schriftstellerverband, PEN-Club, einige von uns sind Mitglieder der slowenischen Akademie… Es ist eine
große Bestärkung, plötzlich eine Identität anerkannt zu sehen, die jahrhundertelang unterdrückt war, und es ist auch eine umso größere Bestätigung für uns Slowenen in Italien und Österreich: Wir sind einfach weniger allein als zu der Zeit, da Ljubljana von Belgrad abhängig war.»
*
 Fast hat es den Anschein, als sei in diesem umkämpften Winkel Europas die Normalität eingekehrt, wenn auch im römischen Parlament gerade wieder die hundertste Modifikation über die Autonomie zweisprachiger Gemeinden verhandelt wird. Die bürokratische Verschleppungstaktik gehört seit jeher – wie auch in Öster-
reich – zu den effizientesten Mitteln der Volksgruppenpolitik.
Irgendwann einmal wird es eine internationale Kommission geben, die die «Foibe» untersucht, die Höhlen im Karst, in denen Tausende Tote liegen, darunter die von den Alliierten entwaffneten und aus Österreich repatriierten 14.000 Domobranci, die slowenischen Quislinge. Dass sie von den Kommunisten ermordet wurden, ist von slowenischer Seite von Evgen Kocbek zum ersten Mal öffentlich in einem Interview thematisiert worden, das Pahor 1975 in der von ihm redigierten Zeitschrift «Zaliv» (Die Bucht) publizierte. Pahor durfte daraufhin jahrelang nicht nach Jugo­slawien einreisen und erfuhr so ein weiteres Mal, diesmal als Publizist, was die Wahrheit als Grundlage jeglicher Freiheit kostet. Er selbst stellt sein erzählerisches Werk, in dem die Übergänge zwischen Autobiographie und Roman fließend sind, unter ein Motiv Sartres: Es sei «Fiktion, die keine Fiktion ist» – seine gelebte Form der Wahrheit.
Während wir reden und reden, sitzen wir auf slowenische Art in Pahors Küche und trinken Wein vom Karst. Tags darauf gehen wir durch die Straßen Triests, an deren Enden oft das Meer als blaues Rechteck leuchtet. Auch der Hauptplatz selbst, der natürlich der «Unità dell’Italia» gewidmet ist, öffnet sich zum Meer und geht direkt in eine Mole über. Von deren Ende aus sieht man die Stadt in ihrer Kalkmuschel mit einem dichten Straßennetz zum Karst aufsteigen.
Von diesem Punkt, an dem Triest ins Meer ragt, gehen wir zurück ins Innere der Stadt, vorbei am Antiquariat Umberto
Sabas, und kehren kurz bei der slowenischen Buchhandlung ein, ehe wir für einen langen Nachmittag im Café San Marco verbleiben, dem wohl schönsten Relikt
österreichischer Lebensweise in Triest.
Die Windfaust der Bora
Am letzten Tag fahren wir noch einmal mit dem Bus nach Contovello/Kontovel, um mit Boris Pahor einen Blick auf die Bucht zu tun, deren erhebender Anblick dem Gewicht des gelebten Lebens die Waage hält. Leider hat die Bora alles grau zugezogen, so dass man die Schönheit der Stadtlandschaft nur ahnen kann. Um zum Bus zurückzugelangen, müssen wir eine Weile gegen den Wind marschieren. «Die richtige Bora weht viel stärker, fast doppelt so stark», sagt Pahor. «In meiner Kindheit spannte man Seile durch die Stadt, am Markt und neben dem Kanal, damit man sich daran festhalten konnte.» Eine einleuchtende Maßnahme für jeden, der die Windfaust auch nur mit halber Kraft zu spüren bekam. Erleichtert betreten wir eine unscheinbare Gaststätte. Unvermutet beginnt hinter deren Tür eine andere Welt.
Ein Wirt wie aus einem Alpengasthof begrüßt uns und holt sofort die Zeitungsausschnitte hervor, die über das letzte Literaturgespräch berichten, das vor kurzem im nach hinten gelegenen, überraschend großen Saal stattgefunden hat und das Teil einer längeren Veranstaltungsreihe war. Für die Dauer eines Espressos zeigt sich das andere Gesicht Triests, zu dem das am Ecktisch plaudernde Frauen-Kränzchen ebenso gehört wie der literarische Blick nach Paris und Barcelona. Rasch schließt sich die Türe wieder hinter dieser unwirklich anmutenden Szene, und schon müssen wir im Bus Abschied nehmen. Boris Pahor tritt hinaus in den jähen, die graue Bucht mit weißen Wellenkämmen schraffierenden Wind und verschmilzt augenblicklich mit der Landschaft, der er Stimme und Gesicht gegeben hat.
Wieder in Triest, verhindert der Nordwind weite Wege. So bleibt nur das mondän renovierte Café Tommaseo in der Nähe des Kais, um die Zeit bis zur Abfahrt totzuschlagen. Der Gegensatz könnte nicht größer sein: Die gehobene italienische Schicht trifft sich gerade am Sonntag zum Lunch. Kaschmir und Pelz, Tweedsakkos und Seidenkrawatten umgeben mich am Marmortisch, an dem ich meine Eindrücke zu notieren beginne. Triest ist nicht mehr dieselbe Stadt wie zuvor, sie hat nichts verloren, sie ist reicher geworden – wie auch Europa, wenn man es mit den Augen von Boris Pahor betrachtet. Das Leise, Feste und Freie seiner Person beginnt zu wirken: «Ich hoffe, mit meinem Werk einen Ausschnitt des Bösen im 20. Jahrhundert gezeigt, doch gleichzeitig auch ein wenig Anlass gegeben zu haben, das Leben zu lieben.» ||

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